https://www.faz.net/-gum-8enll

Germanwings-Katastrophe : „Vor einem Jahr war doch noch alles gut“

  • -Aktualisiert am

Ein knappes Jahr später sitzt Janik, 19, im Jugendclub „Keep“ der evangelischen Erlöserkirche in Haltern. Seine einzige Schwester Aline hatte Spanisch gewählt und sich für den Schüleraustausch entschieden. Über ihm und anderen Geschwistern und Freunden der Halterner Absturzopfer hängt eine bunte Girlande. Seit der Tragödie bietet Lavia zweimal im Monat Gruppengespräche für die Hinterbliebenen an, mittwochs oder donnerstags. Rot gestrichene Wände, Ledercouches, Sitzsäcke, Pizzakartons vor den Füßen. Mal kommen fünf Trauernde, mal sind es 20 oder – wie heute – zehn.

Die Trauergruppe für Hinterbliebene im Halterner Jugendtreff „Keep“.

Neben Janik, 19, und seinem Bruder Luis, 11, die ihre Schwester Aline und ihre Cousine verloren haben, sind weitere acht Kinder und Jugendliche da. Inka, 17, die ihre besten Freunde Fabio und Helli verloren hat. Dana, 15, die um ihren Bruder Fabio trauert. Marie und Enya, beide 18, die mehrere Freunde in der Absturzmaschine hatten. Emma, 15, und Jakob, 10, die ihre Schwester Rabea verloren haben. Und Henrik, 19, dessen Schwester Lea gestorben ist und der heute mit seiner Freundin Svenja, 18, gekommen ist.

Eine Trauergruppe ist keine Therapiestunde

Janik, der Blonde mit den abrasierten Seiten, steckt mitten in einer Uni-Prüfungs-Phase, aber auch mitten in den Vorbereitungen für den ersten Jahrestag der Katastrophe. „Je näher der Tag rückt, desto aufgeregter werde ich“, sagt er und beißt in sein Stück Thunfischpizza. Er trägt ein enges T-Shirt, man sieht ihm an, dass er viel Sport treibt. Fußballer. Verletzt sei er gerade. „Na ja“, er lächelt. Es ist okay, zu lächeln und auch zu scherzen, zu gammeln oder zu essen, zu schweigen oder zu reden. Eine Trauergruppe ist keine Therapiestunde, eine Trauergruppe lässt Alltag zu, auch Pizza.

„Mir kommt das so lang vor, dass meine Schwester nicht mehr da ist“, sagt Janik. „Vielleicht, weil uns spaßige Momente kürzer vorkommen und schwierige länger.“ Janik wird mit seiner Familie zum Jahrestag nach Le Vernet fliegen, zur Absturzstelle. Seine Schwester hat zwei Gräber, eines in Haltern, eines in Frankreich. Dort gibt es am Jahrestag eine offizielle Gedenkfeier. Und auch wenn sich Janik nicht gern an die erste Gedenkfeier dort erinnert, weil „alles so durchgetaktet war, wir permanent gefilmt wurden und es für die Angehörigen hieß: Stopp, erst die Politiker an die Gräber“, ist es für ihn wichtig, wieder dort zu sein. „Es ist ein ruhiger, friedlicher Ort dort. Irgendwie harmlos. Man kann sich nicht vorstellen, dass dort so etwas Schreckliches passiert ist.“

Die Trauergruppe für Hinterbliebene im Halterner Jugendtreff „Keep“.

Inka, die ihre besten Freunde verlor, wird in Haltern bleiben. Sie denkt nicht gern an den Jahrestag: „Jetzt kann ich immer noch sagen: Heute vor einem Jahr war noch alles gut. Das kann ich ab dem Jahrestag nicht mehr. Ab dann muss ich sagen: Heute vor einem Jahr war schon alles kacke.“ Sie ist mit Fabio groß geworden, sie waren eigentlich immer Nachbarn, fuhren zusammen in den Urlaub.

Jeder im Ort kennt jemanden, der in irgendeiner Weise betroffen ist, der selbst starb oder einen Angehörigen verloren hat. Manchen hilft es, dass sie nicht als Einzige betroffen sind. Emma und Dana wüssten nicht, was sie ohne die jeweils andere tun würden. Emmas Mutter Kerstin lächelt, als sie später ihre Tochter am Jugendtreff „Keep“ abholt. Sie sagt: „Durch die tiefe Freundschaft der beiden wusste ich, dass Emma das schaffen würde. Das hat mir Kraft gegeben.“

Topmeldungen

Die Große Koalition erzielt in der Nacht auf Montag einen Kompromiss bei der Grundsteuer (Archivbild von Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)).

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Schon beim ersten Koalitionsausschuss mit neuer Besetzung erzielt die Bundesregierung einen Kompromiss. Ist das Ausdruck einer neuen Handlungsfähigkeit? Etliche Streitpunkte können jedenfalls nicht gelöst werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.