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Neun Jahre nach Einsturz : Drei Freisprüche im Prozess um Kölner Archiveinsturz

Vor neun Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Bild: dpa

Die Einsturzursache steht für das Gericht fest. Dennoch werden drei der vier Angeklagten freigesprochen. Das Gericht sei sich bewusst, dass das Urteil in der Öffentlichkeit auf „Unverständnis“ stoßen werde, sagt der Richter.

          Im Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat das Kölner Landgericht am Freitag drei Angeklagte freigesprochen. Der vierte Angeklagte, ein Bauüberwacher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Bei dem Einsturz waren am 3. März 2009 zwei junge Männer ums Leben gekommen. Zwei Dutzend Menschen entgingen nur knapp dem Tod, wertvolle Archivalien wurden verschüttet.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Nach Überzeugung der Zehnten Großen Strafkammer ist die Katastrophe „eindeutig und zweifelsfrei“ auf einen gravierenden Fehler beim Bau einer unterirdischen Stützwand für das U-Bahn-Gleiswechselbauwerk am Waidmarkt zurückzuführen. Andere Ursachen könnten sicher ausgeschlossen werden, sagte der Vorsitzende Richter Michael Greve. Das Gericht gebe sich aber nicht der Illusion hin, dass die beteiligten Baufirmen den Baufehler als Unglücksauslöser akzeptierten. Ihnen droht eine milliardenschwere Schadenersatzklage der Stadt Köln.

          Durch die Fehlstelle in der Wand seien am Einsturztag große Mengen Sand, Kies und Wasser – im Volumen eines Mehrfamilienhauses – in die Baugrube eingedrungen, führte der Richter aus. Unter dem Archiv entstand ein Hohlraum, dem Gebäude wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Beim Bau der betreffenden Lamelle 11 der Schlitzwand waren die Bauarbeiter im September 2005 laut Gericht auf einen Gesteinsblock gestoßen, den sie im Boden beließen statt ihn zu entfernen. Dadurch wurde die Wand in großer Tiefe mit einer Fehlstelle gebaut.

          Freispruch trotz Pflichtverletzung

          Zwar sei Bauüberwacher Manfred A. offensichtlich von den Arbeitern hinsichtlich der Beseitigung des Steins getäuscht worden, sagte Greve. Doch habe er seine Überwachungspflichten beim Bau der problematischen Lamelle 11 verletzt. Manfred A. sei beim Aushub anwesend gewesen und hätte anhand von Unregelmäßigkeiten bemerken müssen, dass das Hindernis nicht entfernt worden war. Wäre der KVB-Bauüberwacher seinen Kontrollpflichten nachgekommen, gab sich Greve überzeugt, hätte der Einsturz verhindert werden können. Wer damals die Entscheidung traf, den Gesteinsblock im Boden zu belassen, wird sich laut Greve vermutlich niemals klären lassen. Ein als Hauptbeschuldigter geltender Polier und ein Baggerführer sind ebenfalls angeklagt, aber wegen schwerer Krankheit nicht verhandlungsfähig.

          Den beiden damaligen Bauleitern privater Baufirmen wiederum hält das Gericht vor, ihren Dokumentationspflichten nicht vollständig nachgekommen zu sein. Da diese Pflichtverletzungen jedoch nicht ursächlich für das Unglück gewesen seien, wurden sie freigesprochen. „Sie haben nicht alles richtig gemacht, aber das hat den Einsturz nicht verursacht“, sagte Greve zu einem der Bauleiter. Die Leiterin der KVB-Bauüberwachung wurde ebenfalls freigesprochen, ihr konnte keine Pflichtverletzung nachgewiesen werden.

          Mit dem Urteil blieb das Gericht unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte nicht nur für Manfred A., sondern auch für die beiden Bauleiter Bewährungsstrafen wegen fahrlässiger Tötung sowie Baugefährdung gefordert. Das Gericht sei sich bewusst, dass das Urteil in der Öffentlichkeit womöglich auf ein „gewisses Unverständnis“ stoßen werde, sagte Greve.

          In einem weiteren Strafverfahren wurde im März ein Oberbauleiter angeklagt. Die beteiligten Baufirmen weisen jede Schuld von sich. Die Schadenersatzansprüche der Stadt Köln werden in einem späteren Zivilprozess behandelt. Derzeit nehmen in zwei vorgeschalteten Beweisverfahren Gutachter weitere Untersuchungen zur Unglücksursache vor und ermitteln die Schadenshöhe. An der Einsturzstelle wurde schon vor Jahren mit Millionenaufwand ein Beweissicherungsbauwerk errichtet. Die Stadt beziffert den Sachschaden auf 1,2 Milliarden Euro. „Mit dem Urteil ist die Einsturzursache nun zweifelsfrei festgestellt worden“, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Freitag. Zu den Konsequenzen will sich die Stadt erst äußern, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt.

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