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Gewalt durch Ego-Shooter? : Neue Diskussion über Computerspiele nach Amoklauf

  • Aktualisiert am

Der Fraktionschef der Union, Volker Kauder Bild: dpa

Der Amokläufer von München soll Computerspiele mit Gewaltdarstellungen gespielt haben. Schon äußern sich Politiker und Experten – und eine alte Diskussion beginnt von Neuem.

          Nach dem Amoklauf von München wird wieder über Computerspiele mit Gewaltdarstellungen diskutiert. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, forderte, sogenannte Ego-Shooter-Spiele zu hinterfragen. „Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird“, sagte der CDU-Politiker der „Welt am Sonntag“.

          Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beklagte „das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet“. Dieses habe „auch eine schädliche Wirkung gerade auf die Entwicklung auch junger Menschen“. Das könne kein vernünftiger Mensch bestreiten. „Und das ist auch etwas, dass in unserer Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte, als bisher.“

          Die Amokforscherin Britta Bannenberg sagte, Amokläufer beschäftigten sich lange mit der Ausführung ihrer Tat, und „malen sich Einzelheiten aus bis hin zur Kleidung, die sie tragen werden. Ego-Shooter-Spiele können für sie identifikationsstiftend sein, wenn die Tat dort in Teilen gleichsam vorab schon mal durchgespielt wird: So werde ich meine Opfer töten.“ Allerdings betonte sie auch, solche Spiele könnten zwar die Tötungsfantasien des Täters verstärken, seien aber nicht die Ursache.

          Was sagt die Forschung?

          Untersuchungen zu dem Thema sind nur schwer durchzuführen und haben widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht. Eine 2016 veröffentlichte Studie von Forschern der John Hopkins University in Baltimore sieht keinen Zusammenhang von Computerspielen und Verhaltensstörungen: Die Wissenschaftler befragten 5400 in den neunziger Jahren aufgewachsene Kinder, die später Videospiele spielten, jeweils im Alter von acht bis neun und dann noch einmal mit 15 Jahren. Verhaltensstörungen und die Anzahl der Computerspiele, die in einem Haushalt vorhanden waren, so ihre Schlussfolgerung, stünden in keinem Zusammenhang. Gewalttätige Computerspiele riefen auch keine Depressionen hervor. Ein Vergleich zwischen den Jugendlichen, die gewalttätige und denen, die kompetitive Spiele spielten, deute allerdings darauf hin, dass Gewalt stärker als die Wettkampf-Elemente mit Verhaltensstörungen zusammenhänge. Die Hinweise darauf sind laut den Forschern aber eher schwach.

          Zu einem ganz anderen Schluss kamen kanadische Forscher der Brock University im Jahr 2012. Die Forscher sehen nicht nur einen Zusammenhang zwischen Gewalt in Computerspielen und aggressivem Verhalten, sondern auch eine Kausalität. Ihre über drei Jahre laufende Studie mit rund 1500 Jugendlichen zeige: Nicht ohnehin zu Aggression neigende Jugendliche spielten Gewaltspiele  (das wird als Selektionshypothese bezeichnet). Sondern wie wie viel Zeit jemand mit solchen Spielen verbringe, beeinflusse aggressives Verhalten (Sozialisationshypothese).

          Sprache im Netz sei verroht

          Unions-Fraktionschef Kauder forderte unterdessen auch, neu über die Rolle sozialer Netzwerke nachzudenken. Der Kampf gegen die Gewalt sei nicht allein Aufgabe der Sicherheitsbehörden. „Extremismus, Gewalt und Hass müssen in der Gesellschaft geächtet werden, egal woher diese kommen, ob von links, von Islamisten, aus der rechten Szene oder von anderswo“, verlangte der CDU-Politiker.

          Die Sprache im Netz sei verroht. „Man hat sich auch fast daran gewöhnt, dass extremistische Propaganda überall im Internet zu finden ist. Darüber müssen wir mehr reden“, sagte Kauder.

          Die Freiheit des Netzes sei kein absoluter Wert: „Es ist unerträglich, dass das Video des Attentäters von Würzburg immer noch im Internet kursiert. Der Mann bekommt damit noch mehr Aufmerksamkeit. Das könnte auch andere zum Nachahmen der Tat verleiten.“

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