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Italien : Die Dürre vernichtet die Ernten

Schwerste Dürre seit 70 Jahren: Traktoren pumpen auf der Insel Pescaroli Wasser aus dem Fluss Po in einen Kanal. Bild: Reuters

Italien leidet unter Wassermangel: Der Po führt nur 20 Prozent der Wassermenge, die sonst um diese Zeit üblich ist. Viele Ernten wurden schon vernichtet.

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          Den Schock vom 2. Juni hat Peschiera del Garda überwunden. Vor vier Wochen, am italienischen Nationalfeiertag, hatten sich rund 2500 Mailänder und Turiner Jugendliche mit Migrationshintergrund zu einer Flashmob-Party in dem pittoresken Badeort am Südufer des Gardasees verabredet. Bei der Feier unter dem Motto „L’Africa à Peschiera“ (Afrika in Peschiera) gingen Schaufenster und Einrichtungen von Cafés zu Bruch. Autos wurden beschädigt, Urlauber belästigt. Es kaum zu Schlägereien und Messer­stechereien, auch zu sexualisierten Übergriffen auf junge Frauen.

          Monatelange Dürre – nun Hitzewelle

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Jetzt geht es in Peschiera wieder beschaulich zu. Wenn auch sehr touristisch. Sommerfrischler bevölkern Strände und Restaurants, Uferpromenaden und Radwege. Das Blütenbunt der Blumenkästen an den Brückengeländern harmoniert prächtig mit dem Türkis des Flusses Mincio. Der fließt bei Peschiera aus dem Gardasee und mündet, knapp 80 Kilometer weiter südöstlich, in den Po. Doch „il Grande Fiume“ ist wegen der monatelangen Dürre, zu der nun auch eine Hitzewelle kommt, vielerorts zu einem Rinnsal geworden. Der „große Fluss“ führt kaum 20 Prozent der Ende Juni üblichen Wassermenge.

          So schlimm war die Dürre seit 70 Jahren nicht. Seit Jahresbeginn sind in Oberitalien nur 40 bis 50 Prozent der durchschnittlichen Regenmenge gefallen. Viele Nebenflüsse des Po sind fast vollständig ausgetrocknet. Und weil im Winter in den Alpen und den Dolomiten kaum ein Drittel der üblichen Schneemenge verzeichnet wurde, ist auch nicht mehr auf Schmelzwasser zu rechnen.

          Aber der Mincio hat Wasser, aus dem Gardasee, dem mit einem Fassungsvermögen von 50 Kubikkilometern größten Wasserreservoir Norditaliens. Zwar hat auch der Gardasee weniger Wasser als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Er ist aber immerhin noch zu 63 Prozent gefüllt, während sich die Wasserpegel im Lago Maggiore und im Comer See historischen Tiefständen nähern.

          Nur noch 20 Prozent Wasser im Fluss Po

          Gut 60 Prozent Wasser im Gardasee, aber nur 20 Prozent im Po: Da wäre es doch angezeigt, die Wehre am Mincio zu öffnen, um dem Po über dessen Nebenfluss dringend benötigtes Wasser zuzuführen, fordern die Leute aus der Poebene. Und führen weitere Prozentzahlen an: Mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion Italiens werden im fruchtbaren Flachland des Po generiert, und schon jetzt haben Dürre und Hitze 80 Prozent der Zuckerrübenernte, die Hälfte der Sojaproduktion sowie 25 bis 30 Prozent der Mais- und Getreideernte vernichtet. Ohne zusätzliches Wasser für die Bewässerungsanlagen drohten weitere Verluste. Und das zu Zeiten, da wegen des russischen Angriffskriegs Lieferungen aus der Ukraine ganz oder teilweise ausbleiben.

          Doch die Gemeinschaft der Städte am Gardasee will von einer erhöhten Wasserentnahme aus dem See nichts wissen. Pierlucio Ceresa, Generalsekretär des Gemeindeverbands, sagt: „Um den von Dürre geplagten Po zu heilen, müssten wir nicht 20 bis 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zusätzlich in den Mincio leiten, sondern bis zu 500 Kubikmeter. Aber auch das wäre ein sinnloses Unterfangen. Neben dem kranken Po hätten wir dann auch noch einen kranken Gardasee.“

          Seit Wochen fordern die norditalienischen Regionen Piemont, Lombardei, Emilia-Romagna und Venetien, Rom müsse wegen der Dürre den Notstand über das ganze Land verhängen. Dann müsste die Regierung in Rom im „Wasserkrieg“ zwischen den Regionen und Provinzen gemäß einem nationalen Priorisierungsplan vermitteln und entscheiden. Und aus Rom, so die Hoffnung, würden dann auch zusätzlich Hilfsgelder in die von der Dürre besonders betroffenen Gegenden fließen.

          Trinkwasser geht verloren

          Der Chef des italienischen Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, teilte Anfang der Woche mit, die Arbeiten an einem nationalen Notfallplan für die Wasserversorgung seien in vollem Gange, der landesweite Notstand könnte schon Anfang Juli verhängt werden. Ein Ende der extremen Hitzewelle, verursacht durch ein stabiles Hochdruckgebiet über Afrika, ist nicht vor dem 5. Juli abzusehen. Nennenswerte Niederschläge werden für die kommenden zehn Tage nicht erwartet. Und die heißesten und trockensten Monate Juli und August stehen erst noch bevor.

          Dass der Zivilschutzchef auch Trinkwasserrationierungen im ganzen Land nicht mehr ausschließen kann, ist ein Indiz dafür, dass es neben dem Niederschlagsmangel noch eine andere Ursache für die Wasserkrise in Italien gibt. Nach Angaben des italienischen Statistikamtes gehen im Landesdurchschnitt 42 Prozent des aufbereiteten Trinkwassers bei der Lagerung in Zisternen und zumal beim Durchfluss durch das marode Leitungsnetz verloren. In Catania auf Sizilien versickern fast 55 Prozent des Trinkwassers, in Mailand gehen rund 19 Prozent verloren. Wegen der Wasserknappheit ist in fast 200 Gemeinden Norditaliens die Wasserversorgung seit rund zwei Wochen zwischen 22 und fünf Uhr unterbrochen.

          Obwohl Haushalte und Betriebe nachts kaum Wasser verbrauchen, ist die Maßnahme sinnvoll: Es versickert weniger. Von den 8,2 Milliarden Kubik­metern Trinkwasser, die jährlich ins öffentliche Leitungsnetz eingespeist werden, kommen nur 4,7 Milliarden Kubikmeter bei den Verbrauchern an, 3,5 Milliarden Kubikmeter gehen verloren. Aus dem EU-Fonds für den postpandemischen Wiederaufbau Italiens sollen deshalb knapp 900 Millionen Euro für die Verlegung von 25.000 Kilo­metern neuer Wasserleitungen ausgegeben werden. Für die historische Dürre und Wasserknappheit des Jahres 2022 kommen diese Maßnahmen freilich zu spät.

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