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Das Wunder von Ercis : Säugling lebend aus den Trümmern geborgen

Bild: AFP

Es ist ein kleines Wunder: Zwei Tage nach dem schweren Erdbeben im Osten der Türkei haben Rettungskräfte ein rund zwei Wochen altes Baby aus den Trümmern geborgen.

          Es war eines jener Wunder, wie sie sich zum Glück im Unglück immer wieder ereignen nach Erdbeben: Mehr als zwei Tage nach dem Beben in der ostanatolischen Provinz Van gelang es den Rettungsmannschaften in der Kreisstadt Ercis, die am schlimmsten getroffen ist, ein Neugeborenes lebend aus den Trümmern eines Hauses zu bergen. Wenig später wurde auch seine Mutter aus
          den Trümmern geborgen. Azra, wie die berühmteste Überlebende der Katastrophe von Ercis heißt (oder jedenfalls von den Medien getauft wurde), ist nach Angaben der Ärzte gesund. Das Kind bewege Arme und Beine, wurde ein Arzt zitiert. Wie das kleine Wesen die Kälte der Nacht und so lange Zeit ohne Nahrung überstehen konnte, lässt sich nicht erklären – ein Wunder eben.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Doch wissen die Helfer nur zu gut, dass es vorerst noch ein Wunder auf Widerruf ist, ein vorläufiges Mirakel. Denn andere lebend aus den Trümmern gerettete Menschen starben später an ihren Verletzungen. Fassungslos verfolgte die Türkei die traurige Geschichte von Yunus Geray, einem dreizehn Jahre alten Jungen: Eingeklemmt zwischen Schuttbergen, die fahle Hand eines Toten auf der Schulter, blickt der Junge in die Kamera eines Fotografen, während Helfer an seiner Befreiung arbeiten. Es gelang auch tatsächlich, den Jungen aus seinem Gefängnis aus Betonbrocken zu befreien. Doch kaum waren die Meldungen über eine weitere wundersame Rettung in der Welt, hob sich das Wunder wieder auf. Yunus Geray starb im Krankenhaus. So hofft die Türkei nun, dass die Rettung der kleinen Azra nicht ebenso endet.

          Die Zahl der Toten steigt

          Sonst gilt, je mehr Zeit verstreicht: Die Zahl der Wunder sinkt, die der Toten steigt. In der Nacht zum Dienstag hatte es noch geheißen, die Zahl der Todesopfer bewege sich auf 300 zu, doch als der Morgen graute, war diese Marke längst überschritten. Nun war von „mindestens 366“ Todesopfern die Rede – und noch sind die Bergungsarbeiten nicht beendet. Die Behörden teilten mit, dass in Ercis, der Provinzhauptstadt Van und anderen Orten mehr als 2200 Gebäude eingestürzt sind oder stark beschädigt wurden. Der Krisenstab der Regierung warnte die Bewohner, auf eigene Faust nach Überlebenden zu suchen oder Wertgegenstände aus Gebäuden zu holen. Kleinere Nachbeben bringen nämlich die Gefahr mit sich, dass auch Gebäude, die den großen Stoß am Sonntag mit einer Stärke von 7,2 überstanden haben, noch in sich zusammenfallen. Aus Angst davor nächtigen viele Bewohner des Katastrophengebietes in ihren Autos oder in den von der Regierung bereit gestellten Zelten.

          Am Dienstag mehrte sich allerdings Kritik an dem Krisenmanagement Ankaras und der Hilfsorganisationen. Die ersten Hilfstrupps waren am Sonntag zwar schnell am Ort des Geschehens, aber offenbar reicht die Zahl der Zelte nicht aus. Türkische Medien zeigten Bilder von Schlägereien bei der Verteilung von Zelten. Zu Auseinandersetzungen kam es auch aus politischen Gründen, nachdem eine türkische Fernsehmoderatorin sinngemäß gespottet hatte, erst griffen „die Kurden“ türkische Polizisten und Soldaten an, (wie es in Van und vor allem der Nachbarprovinz Hakkari nahezu täglich vorkommt), dann aber riefen sie Armee und Polizei um Hilfe. In Van reagierten Kurden auf diesen unübertrefflichen Zynismus, indem sie Journalisten und Polizisten mit Steinen bewarfen.

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