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Love-Parade-Prozess : „Wir können Ihnen den Bösewicht nicht anbieten“

Ort des Schreckens: Im Bereich des Karl-Lehr-Tunnels in Duisburg kamen am 24. Juli 2010 21 Teilnehmer der Love Parade ums Leben. Bild: EPA

Das Landgericht Duisburg hat den Love-Parade-Prozess eingestellt. Die Entscheidung stützt sich auf ein Gutachten.

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          Die Einstellung eines Verfahrens ist ein kurzer Akt. Auch Mario Plein, der Vorsitzende Richter der sechsten großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg, braucht am Montag nur wenige Minuten, um zu verkünden, dass der Prozess gegen die drei noch verbliebenen Angeklagten im Love-Parade-Verfahren gemäß Paragraph 153 Absatz 2 Strafprozessordnung eingestellt sei. Trotz der schwerwiegenden Folgen – bei dem Techno-Spektakel wurden am 24. Juli 2010 auf dem viel zu schmalen Zuweg zum ehemaligen Duisburger Güterbahnhof 21 junge Menschen im Gedränge zu Tode gequetscht, mehr als 600 Personen wurden verletzt – sei das Gericht zum Schluss gekommen, dass die mögliche individuelle Schuld der Angeklagten „zum jetzigen Zeitpunkt als gering anzusehen ist“, sagt der Richter. Ihm und seiner Kammer ist klar, dass das nach 184 Prozesstagen nicht das letzte Wort in diesem historischen Mammutverfahren sein kann – auch wenn Gerichte ihre Einstellungsbeschlüsse in der Regel nicht begründen.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die sechste große Strafkammer hat ihre Entscheidung deshalb auf 44 engbedruckten Seiten dargelegt, die Richter Plein am Montagmorgen vorträgt – mal liest er Wort für Wort ab, mal erläutert er in freier Rede, wie es aus Sicht der Kammer vor zehn Jahren zur Katastrophe kommen konnte. Immer wieder lässt der Richter zudem auf eine große Leinwand Luftaufnahmen und Zeichnungen projizieren.

          Das Unglück hätte noch am Veranstaltungstag verhindert werden können

          Die Kammer stützt ihre Entscheidung im Wesentlichen auf die Erkenntnisse des von ihr bestellten Gutachters Jürgen Gerlach. Er ist in seiner rund 3800 Seiten starken Expertise zu eindeutigen Ergebnissen gekommen. Demnach war den beteiligten Mitarbeitern der Stadt Duisburg und der privaten Veranstalterfirma Lopavent schon in der Planungsphase klar, dass der alte Güterbahnhof für das Veranstaltungskonzept nicht geeignet war und dass die Zugangsanlagen für die erwartete Besucherzahl zu klein dimensioniert waren. Zu einer weiteren fatalen Ursachenverkettung kam es dann am 24. Juli 2010 selbst, weil Ordner und Polizeibeamte die Personenströme unkoordiniert steuerten und „massive Störungen in der Kommunikation notwendige Absprachen teilweise unmöglich machten“; am Katastrophentag kam es nicht nur zu erheblichen Beeinträchtigungen des analogen Polizeifunkverkehrs, sondern auch des Mobilfunknetzes.

          Das Gericht ist allerdings auch überzeugt, dass das Unglück noch am Veranstaltungstag hätte verhindert werden können – etwa indem der Zugang zum Festivalgelände rechtzeitig gesperrt worden wäre. Dezidiert kritisch beschäftigt sich die Kammer auch mit der Rolle der Polizei. Damit wird deutlich: Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, Anfang 2014 einen Polizeieinsatzleiter aus dem Kreis der Beschuldigten zu streichen, war zumindest voreilig. Denn der Beamte hatte mit der Einrichtung der Polizeikette auf der Zugangsrampe zum ehemaligen Güterbahnhof zwar zweifellos versucht, das Massengedränge einzudämmen. Tatsächlich aber machte die Kette alles nur noch schlimmer, denn sie hat „die Drucksituation auf die Rampe verstärkt“, wie es nun in der Einstellungsbegründung des Landgerichts heißt.

          Als gegen 16.31 Uhr an jenem 24. Juli vor zehn Jahren einige Zaunelemente an einer der Vereinzelungsanlagen geöffnet worden seien, habe dann „keine Möglichkeit mehr bestanden, die tragischen Ereignisse mit koordinierten Steuerungsmaßnahmen abzuwenden“. Zur selben Zeit sei dann am eigentlichen Unglücksort am Fuße der Rampe die Stimmung „von einer Lage mit feier- und kletterfreudigem Publikum in eine lebensbedrohliche Lage gekippt, aus der man vermeintlich nur kletternd entkommen konnte“. Durch Wellenbewegungen seien schließlich immer mehr Besucher übereinandergestürzt, so dass sie „ineinander verkeilt in mehreren Schichten in einer Art ‚Menschenhaufen‘ übereinanderlagen“.

          Zum Abschluss wendet sich Richter Plein noch einmal direkt an überlebende Opfer und Angehörige, die als Nebenkläger große Hoffnungen in den Prozess gesetzt und zuletzt noch einmal darauf gedrungen hatten, das Verfahren fortzusetzen. Die Kammer habe stets versprochen, sie werde darlegen, wie es zur Katastrophe kommen konnte. Das habe sie nun geleistet. Nichts sei mehr nebulös. „Alles liegt klar vor uns. Es wird keine weitere Aufklärung mehr geben.“ Er habe Verständnis dafür, wenn man als Betroffener einer Katastrophe nach dem großen Bösewicht suche. Doch bei diesem Unglück handle es sich um ein multikausales Geschehen. „Wir können Ihnen den Bösewicht nicht anbieten.“ Die Einstellung des Verfahrens sei keine Verlegenheitsentscheidung. „Es ist niemand da, der hätte anders zur Verantwortung gezogen werden können.“

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