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Dammbruch in Brasilien : „Fürchterliche menschliche Tragödie“

Eine Luftaufnahme zeigt eine zerstörte Brücke nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine. Bild: dpa

Bisher bestätigen die Behörden 34 Todesopfer. Noch immer werden mehr als 300 Personen unter den Schlammmassen vermisst. Es ist bereits das zweite Bergbauunglück dieser Art binnen kurzer Zeit in Brasilien.

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          Nach dem verheerenden Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien haben die Einsatzkräfte ihre Suche nach Verschütteten vorerst eingestellt. Es besteht die Gefahr eines zweiten Dammbruchs an dem Bergwerk im Bundesstaat Minas Gerais. Am Sonntagmorgen evakuierte die Feuerwehr mehrere Orte in der Region. 24.000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Es handelt sich um den Damm eines kleineren Wasserreservoirs des Bergwerks mit einer Kapazität von rund einer Million Kubikmeter. Das Becken wird nun geleert.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, war ohnehin gering. Der Dammbruch hatte am Freitag eine Lawine von mehreren Millionen Kubikmeter Schlamm ausgelöst, die alles mitriss, was sich ihr in den Weg stellte. Die Behörden bestätigten bisher rund drei Dutzend Todesopfer. Mehr als 250 Personen werden weiterhin vermisst. Es ist davon auszugehen, dass sie unter den Schlammmassen begraben wurden.

          Es sei schwer, noch Überlebende zu finden, sagte der Gouverneur des Bundesstaats Minas Gerais, Romeu Zema, bereits am Freitagabend. Bei den meisten Opfern handelt es sich um Minenarbeiter. Im Bundesstaat Minas Gerais wurde der Ausnahmezustand ausgerufen.

          Die Justiz blockiert Geld bei Vale für Entschädigungszahlungen 

          Die betroffene Mine gehört dem brasilianischen Unternehmen Vale, einem der weltweit größten Bergbaukonzerne. Fábio Schvartsman, der Präsident von Vale, sprach von einer „fürchterlichen menschlichen Tragödie“. Allerdings dürften sich laut Schvartsman die Schäden für die Umwelt in Grenzen halten, da das Abraumbecken seit drei Jahren inaktiv und das Abraummaterial relativ trocken war. Über die Ursachen des Dammbruchs ist derzeit nichts bekannt, Ermittlungen wurden eingeleitet. Die brasilianische Justiz blockierte am Samstag bei Vale fünf Milliarden Real (rund 1,3 Milliarden Dollar) für Rettungsarbeiten und Entschädigungszahlungen. Doch der finanzielle Schaden könnte weitaus höher ausfallen. An der Wallstreet fielen die Aktien des brasilianischen Bergbaukonzerns noch am Freitag um acht Prozent.

          Die Ermittlungen über die Ursachen des Dammbruchs dürften auch das deutsche Prüfungsunternehmen TÜV Süd betreffen. TÜV Süd hatte laut Schvartsman erst im September des vergangenen Jahres ein Gutachten über den geborstenen Damm erstellt und diesen als sicher eingestuft. TÜV Süd bestätigte gegenüber der Agentur AFP die Inspektion des Dammes. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand seien keine Mängel festgestellt worden, sagte ein Sprecher. „Wir werden die Ermittlungen vollumfänglich unterstützen und den Ermittlungsbehörden alle benötigten Unterlagen zur Verfügung stellen.“ Weitere Auskünfte gab das Unternehmen wegen der laufenden Ermittlungen nicht. Laut Vale-Chef Schvartsman wurden auch bei einer weiteren Inspektion im Januar durch keine Mängel beanstandet.

          Es gibt 24.000 solcher Anlagen – und nur 154 Kontrolleure

          Es ist das zweite derartige Bergbauunglück in Brasilien innerhalb kurzer Zeit. Vor drei Jahren brach in der Gemeinde Mariana, ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais, der Damm eines Bergwerks. Dabei kamen 19 Personen ums Leben. Die betroffene Mine gehört Samarco, einem Unternehmen, das zu gleichen Teilen Vale und dem australischen Bergbaukonzern BHP Billigton gehört. Damals strömte eine weitaus größere Menge Abwasser aus, die sich über den Fluss Rio Doce bis in den Atlantik ergoss. Die Schäden für die Umwelt waren massiv. Es handelte sich um die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. Milliarden werden aufgewendet, um die Folgen des Unglücks zu kompensieren.

          In Brasilien ist eine Debatte um die Auflagen und die Kontrolle des Bergbausektors ausgebrochen. Laut brasilianischen Medien soll es im Dezember zu kontroversen Diskussionen um die Verlängerung der Betriebslizenz der nun betroffenen Mine von Vale gekommen sein. Die brasilianische Umweltbehörde habe der Mine die Lizenz nicht verlängern wollen. Der Staat hält über Pensionsfonds allerdings große Aktienanteile an Vale. Die Kontrolle des Sektors und insbesondere der Rückhaltebecken der Bergwerke ist mangelhaft. Laut der „Nationalen Wasseragentur“, die für die Kontrolle solcher Staubecken verantwortlich ist, existierten 2017 in Brasilien mehr als 24.000 solcher Anlagen. Die Zahl der Kontrolleure belief sich im selben Jahr aber lediglich auf 154. Der für die Ermittlungen des Unglücks von Mariana zuständige Staatsanwalt sagte, dass die Wiederholung einer solchen Tragödie abzusehen war.

          Am Samstag überflog Präsident Jair Bolsonaro das Katastrophengebiet. Er teilte mit, dass die Regierung alles unternehmen werde, um den Opfern zu helfen. Die Ursachen müssten aufgeklärt und die Justiz dazu angehalten werden, weitere solcher Tragödien zu verhindern – für das Wohl der Brasilianer und der Umwelt. Im Wahlkampf hatte Bolsonaro eine Lockerung der Umweltauflagen zugunsten der Landwirtschaft und des Bergbausektors versprochen. 

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