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„Costa“-Bergung vor Giglio : Ein Schiff wird gehen

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Verfahren ist nicht ohne Risiko: Vor der italienischen Insel Giglio hat die letzte Phase der Costa Concordia-Bergung begonnen. Sie soll nun aufs offene Meer geschleppt werden.

          Nach 31 Monaten erst auf dem Meeresgrund vor der toskanischen Insel Giglio und dann verankert auf einer künstlichen Plattform kann das Wrack der „Costa Concordia“ wieder schwimmen. Am frühen Montag hatte Nick Sloane, der südafrikanische Bergungsleiter, in seinem eigens gebauten Kontrollraum auf dem Wrack das Zeichen gegeben, Luft in die Tanks voller Wasser an den Flanken des Schiffes zu pressen, damit es Auftrieb bekommt. Er sei „schon ein bisschen nervös“ hatte der 53 Jahre alte Südafrikaner zuvor gesagt, der mittlerweile auf Giglio der am besten bekannte und wohl auch beliebteste Ausländer ist. Jetzt müsse es aber losgehen. Giglio wolle das Wrack loswerden, und das gute Wetter müsse ausgenutzt werden, sagte er, als wolle er der Aufschrift auf seinem T-Shirt gerecht werden: „Entschlossenheit und Liebe“.

          Um 12 Uhr am Mittag konnte Sloane dann die erste beruhigende Nachricht verbreiten lassen: Der Rumpf des Schiffes sei um einen Meter gehoben. Das ließ sich von der Küste aus sehen, wo nicht nur Journalisten die Arbeit der vielen hundert Techniker beobachteten, sondern auch die Sommergäste am Strand.

          „Die kritischste Phase ist sicherlich die, wenn sich das Schiff von den Plattformen löst“, hatte der Chef des italienischen Zivilschutzes, Franco Gabrielli, zuvor gesagt. Noch musste das Zerbrechen des Rumpfes befürchtet werden, der Ausfluss von vielen hundert Litern schmutzigen Wassers und Öls, auch wenn das meiste in einer langwierigen Operation abgepumpt worden war. „Meinen sie wirklich, dass das Anheben klappt?“, hatte noch am Sonntagnachmittag der Aktivist einer Umweltschutzgruppe bei einer Pressekonferenz skeptisch gefragt. Immerhin liegt Giglio in einem Naturschutzgebiet und ist seit Generationen Magnet für Touristen.

          Langsam wird das ehemalige Kreuzfahrtschiff wieder zum Schwimmen gebracht. Bilderstrecke

          Eine Operation, bei der ein 290 Meter langer und 36 Meter breiter leck gelaufener Ozeanriese in einem Stück abtransportiert wird, habe es noch nie gegeben, hatte Michael Thamm, Vorstandschef der Reederei „Costa Crociere“, über die etwa 1,5 Milliarden teure Bergung gesagt. Er fügte hinzu, er habe „großes Vertrauen, dass unsere Bergungsspezialisten dieses Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss bringen werden“. Am Nachmittag um 14 Uhr kam dann die nächste Erfolgsmeldung von Sloane: Das Schiff schwimme nun „wie geplant“ zwei Meter über seiner künstlichen Plattform. Noch vor dem Abend sollte das Wrack 30 Meter aufs Meer geschleppt, verankert und mit Stahltauen an der Küste befestigt werden; in den nächsten Tagen sollen weitere Schwimmkästen an den Flanken des Wracks angebracht werden.

          Zurzeit ist die Insel überfüllt von Touristen, Journalisten und den Technikern der Bergungsfirma, die das größte Hotel der Insel am Hafen besetzen. Selbst die Fährschifffahrt hatte seit dem Schiffbruch am 13. Januar 2012 mehr Geld als zuvor verdient, weil viele Neugierige nur für einen Tag kamen, um das Wrack zu sehen, und die Insulaner mit der „Postkartenansicht der Schande“ gut verdienten. Doch schon gibt es die Befürchtung, dass sich mit dem Abschied vom Riesen die Kassen wieder leeren könnten. In der Wirtschaftskrise können sich weniger Menschen als früher mehrere Sommerwochen Urlaub am Strand leisten, und der Tagestourismus werde wieder merklich nachlassen. „So hässlich und gefährlich die Lagerung der Costa vor unserem Hafen ist, sie hat uns einige Monate wirtschaftliche Sicherheit bescheren können“, sagt ein Gastwirt und nimmt offenbar auch mit einer Prise Skepsis Abschied von dem Riesen.

          Gewiss aber überwiegt die Freude: „Man kann nicht leugnen, dass das Abschleppen der Concordia für uns eine Befreiung sein wird“, sagt Pfarrer Lorenzo Pasquotti. „Es wird sicherlich keine Feier geben, aber wir freuen uns, dass das Wrack verschwindet.“

          Am Sonntag war mit einer Prozession aller Opfer des Unglücks gedacht worden. Daran nahmen auch Überlebende teil, die in jener kalten Januarnacht gerettet worden waren oder allein an Land schwimmen konnten, wo sie Freiwillige erst mit Decken versorgten und dann mit Schlafplätzen, etwa in der Kirche und bei Pasquotti zuhause. Die Überlebenden und viele Menschen auf der Insel denken vor allem an den Schrecken jener Nacht zurück. „Ich sehe die Bänke meiner Kirche und sehe sie wieder wie in dieser Nacht vor mir, voll mit frierenden, schweigenden Menschen“, erinnert sich Pasquotti. „Wir werden das niemals vergessen können.“

          Bis zum Ende der Woche soll die Costa Concordia soweit schwimmfähig gemacht werden, dass sie am Sonntag oder Montag im Schlepptau los kann zum Abwracken in den Hafen von Genua. Im September war das Schiff in einer aufsehenerregenden Operation aus der Schieflage auf die künstliche Plattform gehoben worden. Seither war der Schiffsbauch weitgehend durchsucht worden; aber offenbar wird noch immer nach einer vermissten Person gesucht. 32 Menschen, unter ihnen zwölf Deutsche, waren ums Leben gekommen, als die „Costa Concordia“ mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor Giglio auf einen Felsen lief und leckschlug. Bei den Bergungsarbeiten vor der Insel kam ein Taucher ums Leben.

          Noch vor der Rettung aller Menschen an Bord hatte sich Kapitän Francesco Schettino an Land begeben. Er muss sich als einziger Schuldiger vor Gericht verantworten. Ihm werden ein gefährliches Manöver in Küstennähe, unterlassene Hilfeleistung und vorzeitiges Verlassen seines Schiffes vorgeworfen. Schon bald nach dem Schiffbruch verlor Schettino sein Kapitänspatent, das er vor Gericht zurückgewinnen will. Er sei nicht verantwortlich, sagte der Mann, der offenbar während des Manövers an der Küste mit einer Frau zusammen war. Die ganze Schuld liege bei seinen Offizieren, sagte er kürzlich der Genueser Tageszeitung „Il Secolo XIX“. Der Mann am Ruder habe seinen Befehlen nicht gehorcht.

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