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Concorde : Die geschwächten Flügeltanks

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Als der Rauch aufstieg, waren die Insassen schon verloren Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Fünf Jahre nach dem Absturz der Concorde bei Paris erhebt die französische Justiz Anklage gegen den früheren Chefingenieur. Er soll Sicherheitsmängel unterschätzt und aus Kostengründen nicht behoben haben.

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          Gut fünf Jahre nach dem Absturz des Überschallflugzeugs Concorde nahe Paris hat die französische Justiz ein Strafverfahren wegen des Verdachts „fahrlässiger Tötung und Körperverletzung“ gegen einen früheren Chefingenieur des Concorde-Programms, Henri Perrier, eröffnet.

          Perrier leitete seit Ende der sechziger Jahre beim Concorde-Hersteller Aerospatiale (heute im europäischen Luftfahrtkonzern EADS aufgegangen) die Tests für das Überschallflugzeug und war in den achtziger und neunziger Jahren für die Modernisierung der Concorde verantwortlich.

          Nach einem annähernd zwölf Stunden langen Verhör bis in die Nacht zum Dienstag hinein entschied der mit dem Unfall befaßte Untersuchungsrichter Christophe Regnard die Anklageerhebung. Bei dem Concorde-Absturz am 25. Juli 2000 wurden alle 113 Insassen, deutsche Touristen sowie die französische Besatzung, des Flugzeugs getötet.

          Sicherheitsmängel wurden unterschätzt

          Henri Perrier gehörte als Versuchsingenieur zur vierköpfigen Besatzung des Jungfernflugs der Concorde 001 am 2. März 1969 in Toulouse. Pilot war Andre Turcat, der später in Frankreich wie kein anderer mit dem Überschallflugzeug identifiziert und „Monsieur Concorde“ genannt wurde. Als sich Turcat 1976 in den Ruhestand in die Provence zurückzog, folgte ihm Perrier als Flugversuchsdirektor des Herstellers Aerospatiale nach.

          Perrier steht im Verdacht, seit 1979 nachgewiesene Sicherheitsmängel an den Treibstofftanks des Flugzeugs auf fahrlässige Weise unterschätzt beziehungsweise die Mängelbehebung aus Kostengründen hinausgezögert zu haben. Seit einem Unfall an einer Concorde-Maschine 1979 kurz nach dem Abflug in Washington war der Herstellerfirma Aerospatiale die Strukturschwäche der Treibstofftanks bekannt.

          Der Konstruktionsfehler wurde jedoch erst 2001, also nach dem Absturz in Gonesse, behoben. Dafür wurde Perrier, nur wenige Wochen nach dem Absturz der Concorde am 25. Juli 2000, aus dem Ruhestand nach Paris zurückgeholt, um in einem anglo-französischen Team über technische Verbesserungen des Flugzeugs zu beraten. „Nichts, was wir gewußt hätten, deutete je darauf hin, daß eine solche Katastrophe möglich sein würde“, sagte der damals 72 Jahre alte Versuchsingenieur.

          Neue Reifen und Spezialmatten in den Tanks

          Es zeigte sich, daß ein kleines, auf der Piste liegendes Metallteil, das ein anderes Flugzeug verloren hatte, der Auslöser des Unglücks war. Das Metall schlitzte einen Reifen der startenden Concorde auf. Fetzen des Reifens schlugen gegen die Tragfläche und lösten eine Schockwelle aus, die einen der integrierten Treibstofftanks platzen ließ. Das ausströmende Kerosin entzündete sich vermutlich an zerrissenen Kabeln. Als die Concorde mit einem riesigen Feuerschweif abhob, war das Schicksal aller ihrer Insassen besiegelt.

          Zwischenfälle mit geplatzten Reifen und beschädigten Flügeltanks waren in der langen Geschichte der Concorde schon vorgekommen, aber immer glimpflich abgelaufen. Das anglo-französische Ingenieurteam schlug deshalb zwei Modifikationen vor, um die Flugsicherheit zu erhöhen. Erstens: sie bekam neue Reifen, die den Belastungen der hohen Rollgeschwindigkeit besser gewachsen sein sollten. Zweitens: die Treibstofftanks wurden mit Spezialmatten aus Kunststoff und Gummi ausgekleidet.

          Weitere Strafverfahren stehen an

          Im November 2001 nahmen Air France und British Airways mit der neu zugelassenen Concorde den Liniendienst von Paris und London nach New York wieder auf. Henri Perrier, erleichtert und glücklich, kommentierte: „Wäre die Geschichte der Concorde mit dem Unglück am 25. Juli zu Ende gegangen, was wäre das für ein bitterer Nachgeschmack gewesen.“ Die lebensverlängernden Maßnahmen reichten allerdings nur für knapp zwei Jahre. Im Oktober 2003 wurde das Überschallflugzeug endgültig aus dem Verkehr gezogen.

          Die französische Justiz ermittelt nicht allein gegen Perrier: Untersuchungsrichter Regnard hat bereits weitere drei Verantwortliche von Aerospatiale sowie drei Mitarbeiter der Flugaufsichtsbehörde „Direction generale de l'aviation civile“ (DGAC) vorgeladen. Es ist mit weiteren Strafverfahren zu rechnen.

          Schon im März wurde ein Strafverfahren gegen die amerikanische Fluggesellschaft Continental Airlines eröffnet. Ein Flugzeug des Typs DC10 von Continental hatte kurz vor dem Concorde-Abflug die Titan-Lamelle auf der Startbahn verloren. Zwei unabhängige Untersuchungsberichte hatten geschlossen, daß der Titan-Streifen die Pannenserie an der Concorde auslöste, die zum Absturz führte. Der Anwalt von Continental Airlines bestreitet einen kausalen Zusammenhang.

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