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Chaos an Bord : Passagiere erheben schwere Vorwürfe gegen Crew

  • Aktualisiert am

Auf dem Festland: Passagiere der „Norman Atlantic“ erreichen den Hafen von Bari. Bild: AP

In Italien weckt das Unglück der havarierten „Norman Atlantic“ schmerzliche Erinnerungen. Die Überlebenden berichten von chaotischen Zuständen, Panik und Schlägereien an Bord der Fähre.

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          Ein Mann im Schlafanzug humpelt, in eine Decke gewickelt, Schritt für Schritt die Treppe des Containerschiffes hinunter. Die Anstrengungen der letzten Stunden stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Ein Junge klammert sich an einen Mann. Einige weinen vor Erleichterung. Für diese Geretteten hat der Albtraum auf der Adria-Fähre „Norman Atlantic“ ein Ende, als sie von einem Containerschiff im Hafen von Bari gehen. Per Hubschrauber wurden sie in einer hochkomplizierten Rettungsaktion aus der Hölle auf hoher See befreit. Nur neun Crewmitglieder sollen nach Angaben der italienischen Marine am Montag an Bord bleiben, um das Abschleppen des Schiffs vorzubereiten.

          Was die Passagiere von den Zuständen an Bord berichten, wirft kein gutes Licht auf die Crew der „Norman Atlantic“. Offensichtlich herrschte Chaos, nachdem am Sonntag vor der griechischen Insel Korfu ein Feuer das Schiff ergriff. Panik und Schlägereien brachen unter den Hunderten Passagieren aus, die eine gefühlte Ewigkeit auf Hilfe warten mussten. „Man wollte Kindern, älteren  Menschen und Frauen Vorrang bei der Rettung geben“, sagt die griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou, die auch an Bord war, der Zeitung „La Repubblica“. Aber einige Männer hätten sich nicht darum geschert, „sie schlugen uns und schoben uns weg, um sich als erste in Sicherheit zu bringen“. Sie schaffte es, der Hölle auf hoher See zu entkommen.

          Havarierte „Norman Atlantic“ : Bergung der Passagiere beendet

          „Man hat uns keine Anweisung gegeben. Es gab nur einen einzigen Notausgang auf Deck 6 in Richtung Bug. Es herrschte dort Panik wegen des Gedränges. Es gab keinerlei Koordination, niemand hat die Leute beruhigt“, sagte die Passagierin Rania Thireou im griechischen Fernsehen. „Das größte Rettungsboot für 150 Menschen war mit nur 60 Leuten besetzt. Das Personal war praktisch nicht verfügbar.“ Zudem sei das Schiff der griechischen Linie Anek Lines in letzter Minute ausgewechselt worden. „Wir hätten eigentlich mit einem anderen Schiff fahren sollen. Wir fühlten uns, als ob wir auf einem Schiff in der Dritten Welt reisen sollten.“

          „Er sagte ‚Wir sterben, wir sterben‘“

          Andere erzählen von ihrer Verzweiflung. „Mein Mann und ich sind mehr als vier Stunden im Wasser getrieben. Ich wollte ihn retten, habe es aber nicht geschafft. Er sagte „Wir sterben, wir sterben““, erzählte die Frau eines Todesopfers, Teodora Douli. Ein Elfjähriger liegt im Krankenhaus von Copertino in Süditalien und wartet auf Nachrichten von seinem Vater. „Geht es Papa gut? Wo ist er? Wann holt er mich ab?“, fragte der Junge.

          Große Probleme bereitete den Helfern das Wetter. Bei meterhohen Wellen konnte kein anderes Schiff an die „Norman Atlantic“ anlegen und die Menschen von Bord holen. Zu groß wäre das Risiko gewesen, dass beide Schiffe folgenschwere Schäden davontragen. Der griechische Schifffahrts-Experte Giorgos Margetis sagte im Fernsehen, bei dem Unfall seien mehrere unglückliche Umstände zusammengekommen. „Zunächst das Feuer, das sich ausgesprochen schnell ausgebreitet hat. Feuer ist das Schlimmste, was auf einem Schiff passieren kann. Dazu hatten wir extrem schlechtes Wetter, und Wind bis Windstärke zehn. Das passiert auf unseren Meeren vielleicht zwei, drei Mal im Jahr.“

          Abstimmungsprobleme zwischen den Ländern

          Für die Retter im Hubschrauber war das eine große Herausforderung. „Die Flammen zu überfliegen, ist keine leichte Sache“, sagte der ehemalige General der italienischen Luftwaffe, Vincenzo Camporini. „Zudem macht es die Sache noch komplizierter, wenn sich so viele Institutionen koordinieren müssen.“ Medien spekulierten bereits über Abstimmungsprobleme zwischen den Ländern. So soll Griechenland zum Beispiel in Betracht gezogen haben, dass die „Norman Atlantic“ ins nähere Albanien geschleppt werde. Doch das sollen die Italiener, die das Kommando bei der Operation haben, nicht unterstützt haben.

          Die Staatsanwaltschaften in Bari und Brindisi leiteten Ermittlungen gegen die Reederei ein. Geprüft werden auch Vorwürfe, wonach bei der „Norman Atlantic“ vor der Abfahrt Mängel festgestellt worden waren, und dass das Autodeck überfüllt war. In Italien wecken die Schilderungen schmerzliche Erinnerungen an die Havarie der „Costa Concordia“ im Januar vor drei Jahren. Damals fuhr der Kreuzer mit mehr als 4200 Menschen auf einen Felsen vor der Insel Giglio, 32 Menschen starben. Dem Kapitän Francesco Schettino wird derzeit der Prozess gemacht. „So etwas überwindet man nie“, sagt Chiara Castello, Opfer der Concordia-Katastrophe, der Zeitung „La Repubblica“. „Ich denke an die Armen auf dem Schiff. Diese Tragödie wird sie ein Leben lang begleiten.“

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