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Busunglück von Madeira : Das Gaspedal oder die Bremsen

Die Rettungskräfte haben nach dem Unglück nur fünf Personen und den Fahrer im Bus vorgefunden. Bild: AFP

Nach dem schweren Busunglück auf Madeira mit 29 Toten wird über die Ursache gerätselt. Augenzeugen berichten, dass der Fahrer vergeblich versuchte, den Bus gegen eine Mauer zu steuern. Bremsspuren soll es keine geben.

          Die Frau hatte gerade ihr Auto an der schmalen Straße geparkt. Sie sah den Reisebus kommen: Er fuhr im Zickzack, prallte an Mauern. „Dann verschwand er mit einem Knall in der Kurve. Dann war Stille. So viel Stille“, sagte sie der portugiesischen Zeitung „Público“. Der Bus hatte kurz zuvor das Hotel Quinta Splendida verlassen. Vom Hauptgebäude, einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, geht der Blick über den großen Park hinaus auf den Atlantik. Es sei das einzige Hotel auf Madeira mit einem eigenen Botanischen Garten, heißt es stolz auf der Website des Hauses in Caniço im Südosten der Insel. Doch 29 seiner deutschen Gäste kehrten am Mittwochabend nicht mehr in ihre Zimmer zurück. Sie waren auf dem Weg zu einem Abendessen in der Inselhauptstadt Funchal. Kaum hatte der Bus das Hotel verlassen, verlor der Fahrer an einer scharfen Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug mit 56 Personen an Bord.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Schweigend gedachte Bundesaußenminister Heiko Maas 24 Stunden später an der Stelle, an der der Bus die steile Böschung hinabgestürzt war. Am Freitag erinnert neben der Polizeiabsperrung ein Kranz aus weißen Rosen und Anthurien an Maas’ Besuch, bei dem ihn der portugiesische Außenminister Augusto Santos Silva begleitete. Daneben haben Trauernde Blumen hinterlassen und Kerzen entzündet. Die 29 Getöteten waren nach portugiesischen Angaben alle Deutsche. Zudem gab es 27 Verletzte.

          Die meisten der verletzten Deutschen sollen am Samstag zurück in die Heimat gebracht werden. Das bestätigte Portugals Präsident Marcelo Rebelo de Sousa nach einem Besuch im Krankenhaus. Insgesamt wurden am Karfreitag noch 16 Verletzte in der Klinik behandelt, davon 14 Deutsche sowie der Fahrer und die Reiseleiterin, beides Portugiesen. Die besuchten Patienten hätten große Anerkennung und Dankbarkeit für die Helfer zum Ausdruck gebracht, zitierten portugiesische Medien Sousa. Vom Auswärtigen Amt hieß es zuvor bereits, ein Flugzeug der Bundeswehr stehe für die Rückkehr der Verletzten bereit. Das Krankenhaus empfahl aber, die Verletzten nicht schon am Freitag auszufliegen.

          „Die Bremsen haben wohl nicht funktioniert“

          Eine Überwachungskamera hatte festgehalten, wie sich der Bus am Mittwochabend gegen 18.30 Uhr lokaler Zeit mehrmals überschlug, bevor ein kleines Haus, in dem nun ein Loch klafft, den Aufprall stoppte. Der 70 Jahre alte Bewohner war gerade nicht zuhause. „Die Bremsen haben wohl nicht funktioniert. Der Bus verließ Quinta Splendida und begann nach wenigen Sekunden, sich immer schneller zu bewegen. Er stieß gegen eine Mauer, wir dachten sofort, er sei außer Kontrolle“, sagte ein Überlebender dem lokalen Fernsehen und mehreren Onlineportalen. Seine Frau berichtete, sie hätten sich auf ihren Sitzen wie Neugeborene zusammengekauert, ähnlich wie die Brace-Position, die bei einem Flugzeugabsturz empfohlen wird. Das habe sie möglicherweise gerettet.

          Ein Augenzeuge berichtete, der Fahrer habe vergeblich versucht, den Bus gegen eine Mauer zu steuern, um ihn abzubremsen. Angeblich hatte er auf der Straße keine Bremsspuren hinterlassen. Der Koordinator des notfallmedizinischen Dienstes sagte dem Fernsehsender RTP, die Rettungskräfte hätten nur fünf Personen und den Fahrer im Bus vorgefunden. „Alle anderen waren draußen. Das heißt, sie wurden herausgeschleudert. Ich glaube nicht, dass sie Sicherheitsgurte angelegt hatten.“

          Neben einem Versagen der Bremsen wurde auch über eine Blockade des Gaspedals spekuliert. Die Regionalregierung warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Der Bus sei etwa fünf Jahre alt und regelmäßig inspiziert worden. Das Unternehmen hat auf der Insel einen guten Ruf. Der verletzte 55 Jahre alte portugiesische Fahrer galt als erfahren und hatte keinen Alkohol im Blut, wie die Zeitung „Diário de Notícias da Madeira“ berichtete. Der portugiesische Ministerpräsident António Costa versprach, dass nach der Versorgung der Opfer und ihrer Angehörigen, alles getan werde, um „die Ursachen zu finden, damit dieser Unfall absolut geklärt werden kann“.

          „In Rekordzeit“ noch Schlimmeres verhindert

          Die portugiesische Regierung ordnete für das ganze Land bis zu diesem Samstag Staatstrauer an – als Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls mit Deutschland, in diesem „für alle sehr traurigen Moment“, wie es Regierungschef Costa formulierte. Außenminister Maas brachte Psychologen und Ärzte aus Berlin mit; am Morgen war der deutsche Botschafter aus Lissabon auf der Insel angekommen. Nach Angaben des lokalen Katastrophenschutzes habe eine Reaktion „in Rekordzeit“ noch Schlimmeres verhindert. In der Klinik in Funchal meldeten sich viele Ärzte und Pfleger freiwillig zum Dienst. Ilse Berardo, Pastorin der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde auf Madeira, lobte in Interviews die große menschliche Wärme, die Rettungskräfte und Krankenhauspersonal den Betroffenen entgegengebracht hätten. Am Karfreitag wurde am Nachmittag in einem Gottesdienst in der Presbyterianischen Kirche Opfern und Überlebenden besonderer Trost gespendet.

          Maas bedankte sich für die „großartige Zusammenarbeit in einer ganz schwierigen Zeit“. Man arbeite „mit Hochdruck“ daran, die transportfähigen Verletzten nach Hause zu bringen und die Toten zu identifizieren. Um dabei keine Fehler zu machen, hatte er Beamte des Bundeskriminalamts nach Madeira mitgebracht. Erst wenn alle Angehörigen der Opfer, die nach portugiesischen Angaben zwischen 40 und 60 Jahre alt waren, informiert sind, wird es endgültige Zahlen geben. 51 Insassen des Busses hatten laut Agenturberichten ihre Reise über einen Frankfurter Anbieter gebucht, zwei bei einem Duisburger Reisebüro. An Bord des verunglückten Fahrzeugs war zudem die 30 Jahre alte portugiesische Reiseleiterin, die zu den insgesamt 27 Verletzten zählte.

          Am Karfreitag kehrte langsam wieder der Alltag nach Caniço zurück. Bis Ende der sechziger Jahre war das Dorf an dem steilen Abhang über dem Atlantik ein kleines Fischernest. Dann entdeckten Touristen und Hoteliers den kleinen Ort. Unter ihnen waren auch viele Deutsche. An der Estrada Ponta da Oliveira, die zur Unfallstelle hinaufführt, stößt man auf „Klenks Café“. Nicht weit entfernt steht eine frühere deutsche Brauerei zum Verkauf. Auf der Insel haben sich etwa 400 Deutsche niedergelassen. Viele boten ihre Hilfe an und sprangen als Übersetzer für ihre Landsleute ein.

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