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Rettungsaktionen in Australien : „Auf einmal war es dunkel wie um Mitternacht“

  • -Aktualisiert am

Luftaufnahmen an der Küste Australiens zeigen, wie nah sich die Brände bereits bis an die Strände des Bundesstaats Victoria vorgearbeitet haben. Bild: Reuters

In Australien sind die ersten Marineschiffe mit vor den verheerenden Bränden Geretteten südlich von Melbourne eingetroffen. Für das Wochenende befürchten die Behörden jedoch weiter katastrophale Zustände.

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          Im Zuge der größten Evakuierung in Australien in Friedenszeiten sind am Samstag die ersten Geretteten aus dem Gebiet Mallacoota per Schiff südlich von Melbourne eingetroffen. Unter den Ersten, die schon am Morgen mit dem Militärschiff MV Sycamore im Hafen von Hastings angekommen sind, waren einige Familien mit kleinen Kindern, Kranke und Hilfsbedürftige. Nach Tagen abgeschlossen von der Außenwelt, vielen Momenten der Angst und einer rund 17-stündigen Seefahrt zeigten sich die 57 Passagiere erleichtert, endlich einen sicheren Hafen erreicht zu haben. Sie waren nach der Ankunft des Militärschiffes am Morgen mit Reisebussen vom Anleger in das Evakuierungszentrum in dem Ort Somerville gebracht worden.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der emotionale Moment fand deshalb vor der gänzlich unromantischen Kulisse eines Parkplatzes statt. Die Geretteten stiegen aus den Bussen und fielen ihren Angehörige in die Arme. Manche blieben minutenlang ineinander verschlungen stehen. Viele trugen Taschen, Decken und Rucksäcke bei sich. Eine Katze wurde in einem Reisekorb aus dem Bus gebracht. Einem Hund wurde freundschaftlich auf den Rücken geklopft. Ähnliche Szenen wurden für die Ankunft des zweiten Militärschiffes einige Stunden später erwartet. Auf der HMAS Choules waren etwa eintausend Evakuierte sowie zahlreiche Hunde, Katzen, Kaninchen und andere Haustiere untergebracht.

          Zugangsstraßen nicht mehr passierbar

          Die militärische Rettungsaktion war nötig, weil die Zugangsstraßen auf die Halbinsel Mallacoota seit dem Jahreswechsel aufgrund der Feuergefahr nicht mehr passierbar sind. Angesichts sich weiter verschlimmernder Buschfeuer setzt Australien nun zunehmend das Militär ein. Premierminister Scott Morrison kündigte am Samstag den Einsatz eines dritten Kriegsschiffs, der HMAS Adelaide, zur Unterstützung der HMAS Choules und MV Sycamore bei der Evakuierung entlang der Küste der Bundesstaaten New South Wales und Victoria an. Es sollte am Samstag von Sydney in See stechen. Zudem sollen bis zu 3000 Reservisten einberufen werden. Laut Verteidigungsministerin Linda Reynolds ist es das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Reservisten in den Pflichteinsatz geschickt werden.

          In Somerville schließen Gerettete ihre Liebsten in die Arme.
          In Somerville schließen Gerettete ihre Liebsten in die Arme. : Bild: EPA

          Die Behörden wollen von nun an noch proaktiver gegen die Feuer vorgehen. Aufgrund hoher Temperaturen und starker Winde waren für Samstag wieder katastrophale Zustände angekündigt. Die Bundesstaaten New South Wales und Victoria haben den Notstand ausgerufen. Die Brände haben bisher ein Gebiet von der Größe Belgiens zerstört. Mehr als zwanzig Menschen haben ihr Leben verloren. Am Samstag wurde bekannt, dass auf der bei Touristen beliebten Känguru-Insel zwei Menschen ums Leben gekommen waren. Premierminister Scott Morrison, der für sein mangelhaftes Krisenmanagement und seine Haltung in der Klimapolitik viel Kritik einstecken musste, malte nun ein dramatisches Bild der Bedrohung. „Die Katastrophe hat ein völlig neues Level erreicht“, sagte er am Samstag in Canberra.

          Zu den ersten Ankömmlingen in Hastings gehörten auch drei 16 Jahre alte Mädchen, die aufgrund ihrer Asthma-Erkrankungen mit der ersten Gruppe in den Hafen von Hastings gebracht worden waren. Die drei Mädchen waren im Verlauf der Katastrophe Freundinnen geworden. „Wir hatten uns an unserem ersten Tag in Mallacoota kennengelernt. Nur ein paar Tage später haben wir uns zusammen durchgekämpft“, sagte Emily Wellington. Wie Tausende andere saßen die drei Mädchen über den Jahreswechsel in dem von Feuern abgeschlossenen Mallacoota fest. Aufgrund ihres Asthmas war der dichte Rauch, der in Mallacoot lag, für sie eine besonders starke Belastung. „Meine Eltern wollten, dass ich den Ort verlasse, damit ich nicht krank werde“, sagte Emily. Sie kommt wie ihre Freundin Tahnee Meehan aus Melbourne und war für ihre Sommerferien nach Mallacoota gereist.  

          Die ebenfalls 16 Jahre alte Darcy Brown kommt aus dem Ort selbst. Die Familie hatte erst einen Monat zuvor ein neues Haus bezogen. Das Haus ist nun bis auf die Grundmauern niedergebrannt. „Es ist komplett zerstört. Es hat sehr wehgetan, das zu sehen“, sagte Darcy vor dem Evakuierungszentrum in Somerville. Sie scheint das Erlebte noch nicht komplett verarbeitet zu haben. Hinter den Evakuierten liegen schließlich einige bange Tage in einem Ort, der nicht nur von der Außenwelt abgeschnitten, sondern in dem auch der Strom ausgefallen und die Wasserversorgung zusammengebrochen war. „Für mich war es das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Es war sehr, sehr, sehr beängstigend“, sagt Emily aus Melbourne.

          Schon in den Tagen vorher war der Rauch über den Ort gezogen. Aber am Silvestertag wurde es mit einem Mal gefährlich. „Es passierte plötzlich. Es war so staubig. Der Himmel war rot und eine Minute später komplett schwarz“, sagte Emily nach ihrer Ankunft in Hastings. „Es war neun Uhr morgens, aber auf einmal war es so dunkel wie um Mitternacht“, ergänzte Darcy. Dementsprechend zeigten sich die drei Mädchen froh, endlich in Sicherheit zu sein. Im Gespräch mit Journalisten sprachen sie der australischen Marine und den anderen Rettern ihren Dank aus. Dann gingen sie in das Evakuierungszentrum, das in einer Hallensportanlage untergebracht worden war. Sie wollten nun zuerst einmal duschen, ihre Kleidung waschen und ihre Familien in die Arme nehmen, sagten die Mädchen. Dann wurden sie von ihren Angehörigen aus Melbourne abgeholt.

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