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Kommentar zum Hochhaus-Brand : Inferno in London

Ein Unfall „wie in der Dritten Welt“, so bezeichnete ein Fachmann für Brandbekämpfung die Katastrophe im Grenfell Tower. Bild: dpa

Das Unglück im Londoner Grenfell Tower wirft viele Fragen auf. Mit ihnen wird sich auch Theresa Mays Regierung auseinandersetzen müssen.

          Eine solche Brandkatastrophe inmitten einer Stadt, die für sich in Anspruch nimmt, zu den Schrittmachern der Moderne zu gehören, hat nicht nur mit Feuer zu tun. Solange die Brandursache für das Inferno im Grenfell Tower noch nicht geklärt ist, sollte man sich mit Schuldzuweisungen zwar zurückhalten. Ganz offenbar konnte sich das Feuer aber so schnell ausbreiten, da von einem verantwortungsvollen Brandschutz nicht die Rede sein kann.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Erst im vergangenen Jahr wurde die Renovierung und „Modernisierung“ des Wohnturms abgeschlossen. Die Gefahr hätte damit auf dem neuesten Stand der Technik eigentlich gebannt werden können, sollte man meinen. Doch die Tragödie nahm ihren Lauf, weil die neuinstallierte Dämmung der Fassade das Haus in ein riesiges Streichholz verwandelte.

          Bewohner beschwerten sich schon lange über Fahrlässigkeit

          In die Trauer über die Opfer mischt sich deshalb Wut über Versäumnisse und Leichtsinn von Politik und Verwaltung. Die „Grenfell Action Group“, eine Interessengruppe der Bewohner des Hauses, wird deshalb seit Mittwoch häufig zitiert. Sie hatte sich bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft mehrmals darüber beschwert, dass der Brandschutz fahrlässig vernachlässigt werde und die Mieter immer wieder nur hingehalten würden.

          In der Tat wirft es einen Schatten auf Rettungspläne, Fluchtwege und Schutzvorkehrungen, wenn den Bewohnern nicht mehr empfohlen wurde, als im Brandfall in den Wohnungen zu bleiben, die feuerfesten Türen zu schließen und Ruhe zu bewahren. Genau das war in der Brandnacht tödlich.

          Wären Luxusapartements besser geschützt worden?

          Der Tonfall der Kritik an den öffentlichen Wohnungseigentümern – sie benähmen sich wie eine Mafia-Organisation, schrieben die Grenfell-Aktivisten – fällt allerdings so aus, dass es dabei ganz offenbar nicht nur um Brandschutzvorschriften ging. Die ersten Bewertungen des Großbrands griffen das indirekt auf, indem sie darauf hinwiesen, beim Grenfell Tower handele es sich um Sozialwohnungen – wären es Luxusapartments gewesen, soll das wohl heißen, wäre für den Notfall anders vorgesorgt worden.

          Nicht nur die Stadt London, auch die Regierung um Theresa May wird sich damit auseinandersetzen müssen. Die Katastrophe in Kensington trifft ein Land voller Selbstzweifel und Gegensätze. Es hatte Symbolcharakter, dass am Donnerstag das Wort eines britischen Fachmanns für Brandbekämpfung die Runde machte, eine solche Katastrophe sei nur in der Dritten Welt möglich.

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