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Brand in Notre-Dame-Kathedrale : „C’est terrible!“

Der Bereich um die brennende Kathedrale wurde weiträumig abgesperrt. Bild: AP

Die Kathedrale Notre-Dame brennt am Montagabend lichterloh. Die Bewohner von Paris und die vielen Touristen sind entsetzt. Eindrücke aus einer Stadt unter Schock.

          Besonders bedrückend ist das Schweigen der Menge. An der Rue du Haut Pavé südlich der Kathedrale drängen sich die Schaulustigen, sie halten die Handys hoch, doch den Menschen kommen kaum Laute über die Lippen. In einer großen Geste der Machtlosigkeit müssen sie still zuschauen, wie eines der Wahrzeichen von Paris vor ihren Augen lichterloh brennt. „Manche haben geweint, ich habe es genau gesehen“, berichtet die Besitzerin eines Souvenirgeschäfts. Die Nerven sind angespannt, nur die Sirenen durchbrechen die schwere Ruhe. Polizisten und Soldaten drängen die Menge zurück; es wird weiträumig abgesperrt, so als ob die Welt die Schreckensbilder nicht sehen soll. Manche Menschen kommen in großer Hast angerannt, jeder will die Flammen selbst sehen, doch danach verfallend sie ins Schweigen. Was gibt es auch zu sagen?  „Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Feuerwehr kam, doch ist das ein Wunder bei den verstopften Straßen?“, sagt die Dame aus dem Souvenirgeschäft.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Verkehr in der Stadt, die wegen der Osterwoche ohnehin überfüllt ist mit Touristen, erleidet einen Kollaps. Autofahrer hupen, Rettungswagen kommen nicht durch, alle stehen auf der Straße und hängen am Handy, als ob sie mehr zu sagen hätten als das, was ohnehin alle Welt gerade live verfolgt.

          „Schrecklich, fürchterlich, traurig“

          Vor dem Louvre stehen die chinesischen Touristen und schauen sich die brennende Kathedrale auf ihren iPhones an. Bei dem schönen Wetter fallen die Rauchwolken über der Seine auf. Die Martinshörner und Hupen der Ambulanzen, der Polizei und der Feuerwehr durchschneiden den Abend des schönen Frühlingstags.

          Auf den Bahnsteigen der U-Bahn-Linie 1 sehen die Pendler auf ihren Handys nach, welche Züge Verspätung haben. Schon beim Hôtel de Ville riecht man den Brandgeruch. Notre-Dame brennt! Die Menschen können es nicht glauben und rennen auch hier auf die Straße. Tausende, bald Zehntausende Menschen stehen am Kai und sehen entsetzt auf die Île de la Cité hinüber. „C'est terrible“, ruft eine Frau in ihr Handy.

          Flammen schlagen aus den Türmen der weltberühmten Notre-Dame-Kathedrale in Paris. Bilderstrecke

          Die Pont d‘Arcole hinüber vom rechten Ufer der Seine auf die Insel ist geschlossen. Auf der anderen Seite steigt weiter grau-brauner Rauch auf, obwohl es jetzt schon seit mehr als einer Stunde brennt. Auf der Insel fahren die Ambulanzen mit Blaulicht, wenngleich dort kein Mensch auf der Straße zu sehen ist – weil niemand hinüberkommt und die Bewohner dort in ihren Häusern bleiben.

          Über der gewaltigen Kathedrale, deren Haupttürme offenbar noch nicht in Mitleidenschaft gezogen sind, fliegen ein Hubschrauber und zwei Copter, die vermutlich für die Feuerwehr den genauen Brandherd von oben ausmachen. Auf der Seine fahren nur noch wenige Touristenschiffe, es dominieren die Schnellboote der Wasserschutzpolizei. Auf der Südseite bietet sich überall das gleiche Bild: Die Menschen drängen sich in den Seitenstraßen, um dem Spektakel beizuwohnen, sie wenden sich dann aber auch wieder rasch resigniert ab.

          Auch auf die Touristen scheint die Trauer überzuspringen. Alle sehen, wie die Wasserstrahlen der Feuerwehr nicht weit genug reichen, wie ein paar Hubschrauber tatenlos das Feuer umkreisen, wie der 93 Meter hohe Spitzturm einbricht, wie der Dachstuhl aus dem 13. und 14. Jahrhundert in sich zusammenkracht und wie sich das Feuer im Laufe des Abends immer tiefer in die Kirche hineinfrisst.

          Es ist 20.30 Uhr, und mittlerweile scheint das ganze Kirchenschiff zu brennen. Die Feuerwehr ist am Turm und spritzt Wasser auf das Dach des Kirchenschiffs. Die Flammen züngeln bedrohlich in Richtung der beiden Türme und scheinen nur noch wenige Meter von ihnen entfernt zu sein. Verzweifelt versuchen die „pompiers“, ein Übergreifen des Feuers abzuwenden. Aber trotz des dauernden Wasserstrahls schlagen die Flammen weiter aus dem Dachstuhl und tauchen den dunkler werdenden Himmel in orangefarbenes Licht.

          Zu spät! Jetzt sieht man vom Seine-Ufer deutlich, dass das Feuer nun auch in den beiden Türmen lodert. Der Strahl der Feuerwehr richtet sich nun auch auf sie und die Brandbekämpfer scheinen die Flammen dort wirklich löschen zu können. Ab 21 Uhr ist es dunkel in den Türmen. Dafür brennt das Ende des Kirchenschiffs um so stärker. Diesen Kampf wird die Feuerwehr die ganze Nacht hindurch führen müssen.

          Eine junge Frau steht da mit ihrer Mutter, die noch das Baguette von ihrem Einkauf unterm Arm hat. „Schrecklich, fürchterlich, traurig“, sagt die junge Frau. „Da habe ich meine erste heilige Kommunion gefeiert“, sagt die Frau, die gegenüber lebt. Sie glaubt, dass der Brand mit den Renovierungsarbeiten an der Kirche zu tun hat.

          Ihre Mutter ist verzweifelt. „Wir sehen die Kathedrale jeden Tag, jeden Tag“, sagt sie, als ob ein solches Symbol nie zerstört werden könnte, als ob die Kirche immer unter dem Schutz Unserer Lieben Frau, also der Gottesmutter, stünde. Im Weggehen wischt sich die alte Dame mit dem Handrücken die Tränen ab und hängt sich bei ihrer Tochter unter. Sie gehen nach Hause. Diesen Anblick können sie nicht mehr ertragen.

          „Ein Teil von uns brennt“

          „Es ist einfach nur schrecklich“, sagt die Wirtin hinter der Bar in der Brasserie „Rendez-vous Saint-Germain“. Der Historiker Camille Pascal bringt den Schmerz der Franzosen zum Ausdruck: „Ob katholisch oder nicht – für jeden ist das ein Horror. Seit 800 Jahren wacht diese Kathedrale über Paris. Alle Ereignisse, ob glücklich oder unglücklich, sind von den Glocken von Notre-Dame begleitet worden“, sagt er in einem Interview.

          Präsident Emmanuel Macron hat seinen Fernsehauftritt abgesagt, mit dem er Antworten auf die Gelbwesten-Demonstranten geben wollte. An diesem Abend geht es um mehr als um soziale Proteste. Paris muss erleben, wie sein großes Weltkulturerbe in Flammen aufgeht. „Wie alle Franzosen bin ich von Trauer erfüllt, weil ich sehe, wie ein Teil von uns brennt“, schrieb Macron auf Twitter.

          Gegen 22 Uhr, mehr als drei Stunden nach Ausbruch des Feuer,  brennt es immer noch. Die Flammen waren weiterhin nicht unter Kontrolle. 

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