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Australische Buschfeuer : Der Flächenbrand im Internet

Demonstranten halten während einer Protestkundgebung unter dem Motto „New South Wales brennt, Syndey erstickt“ Plakate in die Luft. Bild: dpa

Mit Falschinformationen über die Brandursachen soll die Rolle des Klimawandels relativiert werden. Ein paar Gerüchte halten sich dabei besonders hartnäckig.

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          Seit Wochen wird intensiv über die verheerenden Buschfeuer in Australien berichtet. Parallel dazu werden im Internet viele Falschinformationen verbreitet. Auch in Leserkommentaren finden sich viele Beiträge, welche die Berichterstattung der Presse in Zweifel ziehen und unhaltbare Behauptungen aufstellen. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die globale Erwärmung Einfluss auf die hohe Intensität und Ausbreitung der Brände hat, wie viele Forscher glauben. Das Ziel vieler dieser Beiträge ist es, die Rolle des Klimawandels zu relativieren. Besonders häufig wird etwa auf vermeintliche Brandstiftung als eigentliche Ursache der Brände hingewiesen. Dafür wird eine Zahl angeführt, wonach derzeit 180 Personen in Australien dieses Vergehens beschuldigt seien.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Wie so oft, hat auch dieses Gerücht einen wahren Kern. Es stimmt, dass es im Zusammenhang mit den Feuern Vorwürfe der Brandstiftung gibt. Jedoch lassen sich in New South Wales, dem Bundesstaat, der am schwersten betroffen ist, laut Feuerwehr nur ein Prozent der Feuer auf mögliche Brandstiftung zurückführen. Im Nachbarstaat Victoria wurde in nur einem Fall überhaupt ermittelt. „Ich kann zweifellos sagen, dass die Mehrheit der größeren Feuer, mit denen wir es zu tun haben, das Resultat von Feuern in abgelegenen Gebieten sind, die durch Trockenblitze und -gewitter ausgelöst wurden“, sagte Ben Shepherd von der Feuerwehr im Bundesstaat New South Wales dem Sender ABC.

          Angeblich 180 Brandstifter

          Darüber hinaus führt die Zahl der mehr als 180 Personen, die angeblich aufgrund von Brandstiftung festgenommen worden seien, in die Irre. Sie bezieht sich auf Zahlen der Polizei in New South Wales. Die hatte angegeben, dass seit November 2019 gegen 183 Personen in Zusammenhang mit den Buschfeuern gerichtlich vorgegangen worden sei. Darunter sind aber nur 24 Anklagen wegen absichtlichen Feuerlegens. 54 Personen wurden dagegen beschuldigt, gegen das komplette Feuerverbot verstoßen zu haben. Damit kann schon das Betreiben einer heiß laufenden Maschine oder das Abfeuern von Feuerwerk gemeint sein. Für das Wegschmeißen einer brennenden Zigarettenkippe oder eines Streichholzes seien gegen 47 Personen Schritte eingeleitet worden.

          Die Maßnahmen reichen von reinen Verwarnungen bis zu Festnahmen und Anklagen. Die Behauptung, 180 oder gar 200 Personen seien wegen Brandstiftung festgenommen worden, ist also falsch. Dennoch wurde sie, nachdem eine Zeitung aus dem Medienimperium des aus Australien stammenden Verlegers Rupert Murdoch darüber berichtet hatte, im Internet verbreitet. Meistens fand dies unter dem Hashtag #ArsonEmergency (Brandstiftungsnotfall) statt. Laut Timothy Graham von der Technischen Universität Queensland wurde die Diskussion künstlich aufgebauscht. Die Hälfte von 300 Twitter-Nutzern, die unter dem Hashtag Einträge veröffentlichten, hätte ein für Bots oder Trolle typisches Verhalten gezeigt. Graham sagte, dahinter verberge sich „eine globale Kampagne mit dem Ziel, wissenschaftliche Beweise für den Klimawandel zu diskreditieren“.

          Präventionsmaßnahmen sind wetterabhängig

          In diesem Zusammenhang taucht auch häufig der Hinweis auf, die Feuergefahr in Australien sei gestiegen, weil es die Behörden versäumt hätten, leicht brennbares Material im Unterholz der Wälder kontrolliert abzubrennen. Dies sei eine Kulturtechnik, die von Aborigines, den australischen Ureinwohnern, seit Tausenden von Jahren angewendet worden sei. Die Schuld daran, dass diese Technik nicht mehr angewendet werde, sei bei „Grünen“ und „fanatischen Ökos“ zu suchen. Dabei wird das kontrollierte Abbrennen des „Zunders“ in den australischen Wäldern durchaus praktiziert. Der Chef der Feuerwehr in New South Wales, Shane Fitzsimmons, sagte kürzlich, dass es nicht an den „Grünen“, sondern vor allem am Wetter hänge, ob diese Maßnahmen angewendet werden können oder nicht. Es könne zu nass oder zu kalt dafür sein, oder auch zu heiß und zu trocken. Das entsprechende Zeitfenster werde wegen der Dürre jedenfalls immer kleiner.

          Eine weitere Relativierung besteht in dem Hinweis, in Australien habe es schon immer Buschbrände gegeben. Auch darin steckt zwar ein wahrer Kern. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Feuer ein bisher ungekanntes Ausmaß erreicht haben. Nach Angaben der Feuerwehr hatte die Brandsaison diesmal auch besonders früh begonnen. Außergewöhnlich ist zudem, dass gleichzeitig Brände in verschiedenen Regionen wüteten. Selbst Premierminister Scott Morrison, der bisher nicht als Klimaschützer aufgefallen ist, bezeichnet die Buschfeuer aus diesem Grund als „beispiellos“.

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