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Biloxi, Mississippi : „Ich habe noch nie soviel Zerstörung gesehen“

  • Aktualisiert am

„Katrinas” Zerstörungswerk in Biloxi Bild: dpa/dpaweb

Die kleine Küstenstadt Biloxi im Bundesstaat Mississippi existiert praktisch nicht mehr. Hurrikan „Katrina“ hat kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Warum sie alle Warnungen in den Wind geschlagen haben, wissen die letzten Bewohner Biloxis nicht mehr.

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          Joy Schovest schwamm um ihr Leben. Verzweifelt kämpfte die 55 Jahre alte Frau gegen mannshohe Wellen und die wütenden Windböen von „Katrina“ an, als der Wohnblock „Quiet Water Beach“ in Biloxi in dem Hurrikan regelrecht weggespült wurde. Mindestens 30 ihrer Nachbarn verloren ihr Leben.

          „Es war schrecklich“, sagt Schovest unter Tränen. Wer sich retten wollte, mußte durch Möbel und Autos hindurch, die von den Fluten mitgerissen wurden. Wieviele Menschen „Katrina“ in den Südstaaten der Vereinigten Staaten das Leben gekostet hat, weiß bislang noch niemand. Allein im Bezirk Harrison in Mississippi, wo auch die Kleinstadt Biloxi liegt, wurden bis zum Dienstag mehr als 100 Tote bestätigt. Die Behörde für Zivilschutz fürchtet, daß sich diese Zahl verdoppeln oder sogar verdreifachen könnte.

          Plünderungen sind alltäglich

          Wände aus Beton und ein Haufen roter Ziegel, mehr ist vom Wohnblock „Quiet Water Beach“ nicht mehr zu sehen. In dem Schutthaufen liegen eine Spielzeugeisenbahn, Schmuck und Kleidungsstücke. „Das ist alles, was von meinem Haus übrig ist“, erklärt Jack Crochet. „Es wird nie wieder so sein wie früher. Es ist vorbei“, sagt der 56jährige kopfschüttelnd.

          Das „Hard Rock Casino” sollte in Biloxi in einem Monat eröffnet werden
          Das „Hard Rock Casino” sollte in Biloxi in einem Monat eröffnet werden : Bild: dpa/dpaweb

          In den Trümmern der Strandcasinos von Biloxi, die in den Wassermassen von „Katrina“ verschwunden sind, räumen Plünderer die Spielautomaten leer. Auch in etlichen Geschäften bedienen sich ungebetene Gäste: „Die Leute kommen hier einfach rein, füllen ihre Taschen und gehen wieder raus, als wären sie der Weihnachtsmann“, sagt Marty Desei, dem ein Motel gehört. „Sowas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.“

          Den „Monstersturm“ unterschätzt

          Wer die Katastrophe überlebt hat, mit der „Katrina“ am Montag über die Südostküste der Vereinigten Staaten hereingebrochen ist, kann seine Erlebnisse nur mit Mühe in Worte fassen. Warum sie sich nicht vorher in Sicherheit gebracht haben, werden die verbliebenen Einwohner von Biloxi gefragt. Viele dachten, der Wirbelsturm werde schon nicht so schlimm sein, andere schütteln nur mit dem Kopf.

          Landon Williams, der ein Appartement in „Quiet Water Beach“ bewohnt hat, rannte mit seiner Großmutter und einem Onkel in Panik aus dem Haus, als der Hurrikan zuschlug. Schwimmend brachten sich die drei in Sicherheit. „Wir haben gesehen, wie die Appartements auseinander gefallen sind“, sagt Williams. „Man konnte hören, wie die Holzelemente barsten und auseinander brachen.“ Er habe jetzt alles verloren, klagt der 19jährige. In den Trümmern versucht er ein paar von seinen Sachen wiederzufinden, dann will er vielleicht nach North Carolina ziehen und dort Arbeit suchen. „Ich halte es hier nicht mehr aus - nicht nach dem, was passiert ist.“

          „Wir sollten eigentlich nicht mehr am Leben sein“

          Sechs seiner Nachbarn in dem Wohnblock hätten ebenfalls überlebt, sagt Williams. Sie seien aufs Dach geklettert, das später teilweise weggerissen wurde. Nur ein paar Straßen weiter wohnte Paul Merritt, der 30jährige hat durch den Hurrikan ebenfalls alles verloren. Seine Frau ist erst 18, beide haben einen drei Monate alten Sohn. „Ich habe noch nie so viel Zerstörung gesehen“, sagt Merritt.

          Ida Punzo verschanzte sich vor „Katrina“ zusammen mit einem Freund und zwei Nachbarn in ihrem 130 Jahre alten Haus. Die ersten beiden Stockwerke seien fast komplett verschwunden, sagt sie, aber alle drei haben überlebt. „Das war ein Wunder“, sagt Punzo. „Wir sollten eigentlich gar nicht mehr am Leben sein.“

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