https://www.faz.net/-gum-8lvbb

Bewährung nach Zugunglück : „Der Mann ist bestraft genug“

  • Aktualisiert am

Entgleister Güterzug 2014 in Mannheim. Bild: dpa

Vor zwei Jahren kommt es in Mannheim zu einem schweren Zugunglück. Der verantwortliche Lokführer zeigt sich vor Gericht reuevoll – und bekommt Bewährung.

          Zwei Züge krachen gegeneinander, Waggons mit 110 Reisenden kippen um, es gibt Verletzte und einen millionenschweren Schaden: Die Verantwortung für einen schweren Zugunfall vor zwei Jahren in Mannheim trägt der Lokführer eines Güterzugs. Vor dem Amtsgericht der Stadt hat der heute 62-Jährige am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung bekommen, wegen fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Bahnverkehrs. Außerdem muss er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

          Rückblende, ein Augustabend im Jahr 2014: Für den Lokführer ist es das Ende eines langen Arbeitstages, seine Ablöse wartet schon am Mannheimer Hauptbahnhof auf ihn, er freut sich auf den Feierabend. Auf eingleisiger Strecke überfährt er unachtsam ein Haltesignal, weil er das Weiterfahrtzeichen des entgegenkommenden Zuges für sein eigenes hält. Das sollte zwar nicht passieren, kommt aber laut Eisenbahnbundesamt hin und wieder vor. Deshalb gibt es automatische Zwangsbremsungen, die Schlimmeres verhindern sollen.

          Was dem Lokführer am meisten angelastet wird: Er hebt die Zwangsbremsung auf und spricht entgegen der Vorschriften nicht mit der Fahrdienstleitung. Es kommt zu dem Unfall, bei dem 38 Menschen von Rettungsärzten versorgt werden müssen. 14 Reisende melden sich später wegen Verletzungen. Der Sachschaden liegt bei rund 2,3 Millionen Euro.

          „Um Gottes willen, halt an!“

          Als der Fahrdienstleiter das nahende Unglück erkennt, ruft er noch: „Um Gottes willen, halt an!“ Doch es ist zu spät. Der Lokführer hat allerdings noch Glück im Unglück. Der Unfall hätte noch viel schlimmer ausgehen können, betont der Staatsanwalt. Es habe glücklicherweise nur Leichtverletzte gegeben.

          Die Richterin sagt mit Blick auf die aufgehobene Zwangsbremsung: „Er darf so etwas gar nicht allein entscheiden.“ Der Mann habe das bewusst gemacht – und damit sei es ein vorsätzlicher Verstoß. Der Lokführer sei eigentlich ein erfahrener Triebwagenfahrer. Die Richterin spricht von einem Augenblicksversagen.

          Der Angeklagte leidet laut seinem Verteidiger stark unter seinem Versagen. Seine Arbeit habe er wegen des Unfalls verloren – und er traue sich auch gar nicht mehr, einen Zug zu führen. „Er hat nie versucht, seine Verantwortung kleinzureden“, sagt der Anwalt des Lokführers. Der Angeklagte trage eine gewaltige Schuld mit sich herum. „Der Mann ist bestraft genug.“

          Kurz vor Verhandlungsende ergreift der 62-Jährige selbst das Wort. Bis dahin sitzt er beinahe regungslos im Gericht. „Ich möchte mich für mein Fehlverhalten in aller Form entschuldigen“, sagt er. Er habe nicht so viel Unheil anrichten wollen.

          Strafmaß und Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung bleiben dicht beieinander. Der Anwalt des Lokführers sagt in dem voll besetzten Gerichtssaal: „Wir müssen ihm einen Rest an Lebensperspektive lassen.“

          Topmeldungen

          Nach Mord an Lübcke : Seehofer will Kampf gegen Rechts verstärken

          Der Mord an Walter Lübcke hat die Republik aufgeschreckt. Es sei bisher nicht alles Menschenmögliche gegen Rechts getan worden, sagt Innenminister Horst Seehofer. Aber auch die Gefahr durch Islamisten ist unverändert hoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.