https://www.faz.net/-gum-9qyhj

Mahnwache an Unglücksort : Berlin trauert nach Unfall mit vier Toten – und diskutiert

Mahnwache in Berlin: Für jeden Toten eine Minute schweigen Bild: dpa

Hunderte Menschen versammelten sich nach dem Unfall in Berlin zu einer Mahnwache. Viel spricht dafür, dass der Fahrer zu schnell fuhr. Diskutiert wird, ob der Fahrzeugtyp für die Schwere des Unfalls eine Rolle spielte.

          2 Min.

          Am Samstagabend kamen Hunderte Menschen zur Kreuzung an der Invalidenstraße, Ecke Ackerstraße im Zentrum Berlins. Sie setzten sich auf die Fahrbahn und schwiegen. Vier Minuten lang. Für jeden Toten eine Minute. Am Rand der Straße befand sich schon ein Meer von Rosen, Sonnenblumen, Margeriten, auch Grablichter und Kuscheltiere waren abgelegt worden. Berlin ist schockiert über einen schrecklichen Unfall, der hier am Freitagabend geschah und vier Menschen tötete.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Gegen zehn nach sieben am Freitagabend kam nach Polizeiangaben der Fahrer eines schwarzen Porsche Macan von der Straße ab, querte die Fahrbahn der Gegenrichtung und fuhr auf dem Gehweg in eine Traube von Passanten. Vier Menschen starben am Unfallort an ihren schweren Verletzungen. Es waren ein drei Jahre alter Junge und seine 64 Jahre alte Großmutter sowie zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren, unter ihnen ein britischer Staatsbürger. Eine 38 Jahre alte Frau und ein neunjähriger Junge erlitten einen Schock, teilte die Polizei mit. Es waren die Mutter des Dreijährigen und sein Bruder.

          Nach Zeugenaussagen war der Porsche Macan mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs auf dem Straßenabschnitt, auf dem nur 30 Stundenkilometer erlaubt sind. Dafür, dass er zu schnell fuhr, spricht der Ablauf des Unfalls: Der Wagen erfasste nicht nur die vier Personen. Er riss mehrere Poller und einen verankerten Ampelmast um, drehte sich um die eigene Achse, durchbrach einen Bauzaun und kam auf der Baustelle, einer Brachfläche, zum Stehen. Der 42 Jahre alte Fahrer des Wagens kam mit Kopfverletzungen zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus. Um die Unfallursache zu klären, wurde ihm auch Blut abgenommen. Im Wagen waren zudem eine 67 Jahre alte Frau und ein sechs Jahre altes Mädchen, die beide einen Schock erlitten und im Krankenhaus zur Beobachtung blieben. Nach unbestätigten Angaben handelte es sich um die Mutter und die Tochter des Fahrers.

          Am Freitagabend ist dieser Geländewagen über den Gehweg und durch einen Bauzaun auf ein Baugrundstück gerast. Vier Menschen wurden getötet.

          Warum der Mann von der Straße abkam, konnte die Polizei auch am Sonntag noch nicht sagen. Hinweisen, wonach ein medizinischer Notfall des Fahrers ursächlich gewesen sein könne, werde ebenso nachgegangen wie allen anderen Informationen und Aussagen, etwa, dass der Fahrer mit sehr erhöhtem Tempo gefahren sei. Passanten hatten berichtet, der Wagen sei an einer roten Ampel ausgeschert und habe die wartenden Fahrzeuge mit hohem Tempo überholt. Polizei, Feuerwehr und Notfallseelsorger waren am Freitag stundenlang im Einsatz, Experten der Verkehrspolizei sammelten Spuren, die Unfallstelle wurde digital aufgenommen und vermessen. So soll die Fahrt des Wagens rekonstruiert und auch geklärt werden, ob er sich überschlagen hat.

          In den sozialen Netzwerken wurde schon kurz nach dem Unfall darüber diskutiert, ob der Fahrzeugtyp für die Schwere des Unfalls eine Rolle spiele. Bei dem Porsche Macan handelt es sich um „Sports Utility Vehicle“, abgekürzt SUV. Der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel von den Grünen kritisierte diese schweren Modelle. „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, schrieb er auf Twitter. Es seien „Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich, jeder Fahrfehler wird zu Lebensgefahr für Unschuldige.“

          Andere kritisierten solche Äußerungen. Es sei pietätlos, den Tod von vier Menschen für verkehrspolitische Forderungen zu instrumentalisieren, zudem könnten auch kleinere Fahrzeuge genauso gefährlich für Fußgänger sein wie die schweren SUVs. Es sei „zynisch“, einen solchen Einzelfall zu nutzen, um damit Projekte voranzutreiben, „die man aus ideologischen Gründen betreibt“, sagte der Berliner CDU-Generalsekretär Stefan Evers.

          Am Samstagabend fand am Unfallort dann die Mahnwache statt. Mehrere Vereine, die Interessen von Fußgängern vertreten, hatten dazu aufgerufen. Die Initiatoren forderten Tempo 30 überall in der Stadt, eine von Autos freie Innenstadt und die Berufung eines Ombudsmanns für Verkehrsopfer.

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.