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Ueli Steck ist tot : „Scheitern heißt für mich: wenn ich sterbe“

  • -Aktualisiert am

Ueli Steck 2011 in der Schweiz Bild: AP

Ueli Steck war ein Ausnahmebergsteiger, er wollte eine der großen unversuchten Herausforderungen an den Achttausendern meistern. Dann stürzte er eine über tausend Meter hohe Wand hinab. Über die Größe eines ganz Großen.

          Der schweizerische Ausnahmebergsteiger Ueli Steck ist tot. Der 40-Jährige starb am Sonntagvormittag bei einem Akklimatisationsaufstieg am Nuptse (7861 Meter) unweit des Mount Everest (8848 Meter). Er ist der erste Tote in dieser Saison am Mount Everest. Steck soll allein unterwegs gewesen und über eine tausend Meter hohe Steilwand abgestürzt sein. Laut „The Himalayan Times“ wurden die sterblichen Überreste Stecks am Fuß der Nuptse-Flanke gefunden und von einem Helikopter nach Lukla gebracht. Von dort wurden sie am Sonntagnachmittag nach Kathmandu geflogen.

          Steck war an den höchsten Berg der Welt gereist, um gemeinsam mit Tenji Sherpa die Everest-Lhotse-Überschreitung zu versuchen. Gemeinsam wollten sie zunächst ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff über die Westschulter und das Hornbein-Couloir zum Gipfel des Mount Everest (8848 Meter) aufsteigen, von dort zum Südsattel in etwa 8000 Metern Höhe absteigen, dann zum Gipfel des Lhotse (8511 Meter) aufsteigen und anschließend ins Basislager zurückkehren. Die Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley nennt dieses Vorhaben eine der großen unversuchten Herausforderungen an den Achttausendern, die nur den Besten vorbehalten sei – so wie Steck einer war.

          Wie sehr Steck Ausnahmeathlet war, zeigt sein letzter Post bei Facebook in der vergangenen Woche. Darin berichtet er über einen schnellen Aufstieg vom Basislager bis auf eine Höhe von 7000 Metern und zurück ins Basislager in 5400 Metern Höhe. „I love it, it’s such a great place here“, schrieb Steck.

          Unter den Bergsteigern herrscht tiefe Betroffenheit. „Ich bin sprachlos. Be free Ueli“, schrieb Kletterer Thomas Huber bei Facebook. „Ich bin sehr traurig. Ich muss das erstmal richtig fassen“, erklärte der schweizer Extrembergsteiger Stephan Siegrist, der mit Steck im Jahr 2004 Eiger, Mönch und Jungfrau innerhalb von 25 Stunden bestieg.

          Steck setzte bergsteigerische Akzente und wurde so zum Vorbild für viele andere. „Danke Ueli dafür, dass Du ein Mentor im Bergsteigen warst und eine konstante Quelle für Inspirationen“, schrieb der spanische Bergläufer Kilian Jornet am Sonntag bei Facebook.

          Das schier Unmögliche möglich gemacht

          Ueli Steck machte das schier Unmögliche möglich. Er durchstieg die drei großen Nordwände der Alpen (Matterhorn, Eiger and Grand Jorasses) im Winter in der Rekordzeit von insgesamt 7 Stunden und 4 Minuten. Im November 2015 verbesserte Steck abermals den Geschwindigkeitsrekord in der Eiger-Nordwand. Auf der Route der Erstdurchsteiger benötigte er 2 Stunden 22 Minuten und 50 Sekunden für die 1800 Meter hohe Wand. Vor zwei Jahren erklomm er alle 82 Viertausender der Alpen innerhalb von 62 Tagen, wobei er zwischen den Bergen, insgesamt 1772 Kilometer, zu Fuß, mit dem Gleitschirm oder dem Fahrrad unterwegs war. Für die Erstbegehung der Nordwand des Tengkampoche (6500 Meter) gemeinsam mit Simon Anthamatten im Alpinstil und für die erste Solobegehung der Südwand der Annapurna (8091 Meter) in 28 Stunden wurde Steck jeweils mit dem Piolet d’Or, dem Bergsteiger-Oscar ausgezeichnet.

          Ueli Stecks Körper wurde ins Krankenhaus nach Kathmandu gebracht.

          Wie Steck in seinem letzten Buch „Der nächste Schritt. Nach jedem Berg bin ich ein anderer“ beschreibt, habe ihn nach der Kletterei durch die Annapurna-Südwand besonders geschreckt, dass er bei diesem Husaren-Ritt bereit gewesen wäre, zu sterben. Damit aber nicht genug, setzte ihm auch die Medienschelte zu. Weil Steck keine eindeutigen Beweise seines Erfolges wie ein Foto oder die Aufzeichnung eines GPS-Trackers vorlegen konnte, wollten ihm einige nicht glauben, dass er es bis zum Gipfel geschafft hatte. 2008 wollte Steck schon einmal durch die Südwand der Annapurna steigen, er brach den Versuch aber ab, um dem höhenkranken spanischen Bergsteiger Iñaki Ochoa de Olza zu helfen. Steck konnte Ochoa in 7400 Metern Höhe noch lebend erreichen. Der Spanier starb aber kurze Zeit später im Beisein von Steck.

          Letzte Ruhe in Nepal

          Schlagzeilen machte Steck 2013, als er gemeinsam mit Simone Moro und Jonathan Griffith in der Lhotse-Flanke am Mount Everest in eine Schlägerei mit einheimischen Sherpas verwickelt wurde. Die Einheimischen warfen den Ausnahmebergsteigern vor, sie würden sie bei ihrer Arbeit gefährden und gingen mit Gewalt gegen die Ausländer vor. Todesängste habe er ausgestanden, erklärte Steck in der Rückschau und er beschreibt in seinem Buch, wie er nach diesem Erlebnis förmlich aus dem Lager II am Mount Everest und aus Nepal floh.

          Auch die Umstände des Lawinenunglücks im September 2014 an der Shisha Pangma, bei dem zwei Bergsteiger aus Stecks Gruppe starben, darunter der Münchner Sebastian Haag, und einer schwer verletzt überlebte, konnten nicht vollständig geklärt werden. Steck und Benedikt Böhm, die von der Lawine nicht mitgerissen wurden, wurde vorgeworfen, sie hätten Unwahrheiten über das Lawinenereignis erzählt und nicht alles für die Rettung des Überlebenden getan.

          In einem seiner letzten Interviews sagte Steck Anfang April dem schweizerischen Tages-Anzeiger: „Scheitern heißt für mich: wenn ich sterbe und nicht heimkomme.“ Berichten zufolge soll Steck in Nepal seine letzte Ruhe finden. Dies sei der Wunsch der Familie, erklärte Stecks Sprecher. Im Namen der Familie bat er darum, nicht über die Umstände des Todes zu spekulieren.

          Anmerkung der Redaktion

          Der Text wurde am Montag aktualisiert.

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