https://www.faz.net/-gum-aebqw

Opfer der Flutkatastrope : Die Beerdigung muss warten

  • -Aktualisiert am

Angeschwemmt Autos, überflutete Gräber, zerstörte Andenken: Friedhof in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Bild: dpa

Auch Friedhöfe und Bestattungsunternehmen wurden in den Flutgebieten vom Wasser verwüstet. Deshalb ist ein würdevoller Abschied von vielen Opfern zunächst nicht möglich. Beerdigungen müssen verschoben werden.

          3 Min.

          Die Flutkatastrophe hat allein in Rheinland-Pfalz 134 Menschenleben gefordert, 47 weitere Tote sind in Nordrhein-Westfalen zu beklagen – so der aktuelle Stand. Die Identifizierung der Opfer läuft noch. Wenn die Behörden die Verstorbenen danach freigeben, was nun nach und nach passiert, können sie bestattet werden. Doch die Opfer würdevoll beizusetzen, den Angehörigen einen angemessenen Abschied zu ermöglichen, das ist inmitten der Flut-Nachwehen eine Herausforderung.

          Aus mehreren Gründen: Einerseits sind die Bestattungsunternehmen im Gebiet selbst betroffen, da Geschäftsräume geflutet, Leichenfahrzeuge beschädigt wurden. „Ein Bestattungsunternehmer aus Bad Neuenahr-Ahrweiler hatte seine Ausstellungs- und Beratungsräume im Erdgeschoss. Da er selbst im Stockwerk darüber wohnt, kann er seine Kunden nun dort empfangen“, berichtet Stephan Neuser, der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter. Die rund 4500 Betriebe, die in dem Berufsverband organisiert sind, haben sich schon während der Corona-Pandemie darin geübt, sich gegenseitig auszuhelfen. Aufgebaut hatte der Verband ein zentrales Krisenmanagement, er erstellte eine Kapazitätsliste, in der die Institute ihre Fahrzeuge, Mitarbeiter oder Leichensäcke aufführten. Diese Infrastruktur hilft jetzt auch in der aktuellen Krise: Indem kurzfristig Fahrzeuge verliehen oder Verstorbene bei anderen Kollegen untergebracht werden. Dabei half etwa die Organisation Transrep International, die eigentlich darauf spezialisiert ist, Verstorbene ins Ausland zu bringen oder von dort zurückzuholen. Jetzt seien die Mitarbeiter der Einrichtung schon von Beginn an im Flutgebiet gewesen, berichtet Neuser.

          Verwüstete Friedhöfe müssen wiederhergestellt werden

          Andererseits ist auch auf vielen Friedhöfen zurzeit an keine Beerdigung zu denken. Als Neuser vor ein paar Tagen selbst das Flutgebiet besuchte, blieb ihm vor allem ein Friedhof in Bad Neuenahr-Ahrweiler in Erinnerung: „Da standen jetzt noch Autos, die dorthin geschwemmt wurden. Da ist eine Brücke über Gräbern zusammengebrochen. Da sind Urnenstelen, auf denen Bäume liegen.“ Die früheren Grabstätten nun wiederherzustellen, das sei sicherlich eine „Mammutaufgabe“, bei der man sehr behutsam vorgehen müsse. „Wir müssen davon ausgehen, dass es noch lange dauert, die Friedhöfe wieder so herzustellen wie vor der Flut“, sagt er. Und fügt hinzu: „Wenn überhaupt.“ Mindestens mehrere Monate werde es dauern.

          F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

          Samstags um 9.00 Uhr

          ANMELDEN

          So lange darauf zu warten, von der verstorbenen Mutter oder dem Ehemann würdevoll Abschied zu nehmen – für die meisten Angehörigen kommt das wohl kaum infrage. Um in ihrer Trauer zu einem Abschluss zu finden, sollen sie nicht allzu lang auf eine Bestattung warten müssen. Zudem gibt es gesetzliche Fristen, die festlegen, wann Verstorbene spätestens beigesetzt sein müssen – bei Urnenbestattungen in Nordrhein-Westfalen etwa innerhalb von sechs Wochen. Zwar lässt sich bei den Behörden eine Verlängerung dieser Fristen beantragen, und Neuser geht auch davon aus, dass eine Verlängerung in diesem Fall „unproblematisch befürwortet“ würde. In diesem Fall könnte eine Familie einen Verstorbenen jetzt einäschern lassen und ihn erst später beisetzen. Dafür kann es gute Gründe geben: Wenn Angehörige den Verstorbenen zum Beispiel auf einem bestimmten Friedhof beisetzen wollen oder einfach noch nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

          Auf unbestimmte Zeit oder einen anderen Ort verschieben

          Soll die Beerdigung aber jetzt erfolgen, könnte der Angehörige unter Umständen dann nicht auf dem örtlichen Friedhof, sondern weiter weg beerdigt werden. „Vielleicht gibt es einen Nachbarfriedhof, der etwas höher gelegen und noch unversehrt ist“, sagt Neuser. Auf manchen Friedhöfen im Katastrophengebiet, auf denen das Wasser stand, werde schon aufgeräumt. Es kann jedoch gute Gründe geben, warum Angehörige ihre Verstorbenen nicht woanders beisetzen wollen – wenn etwa auf dem örtlichen Friedhof das Familiengrab liegt.

          Angehörige haben also oft nur diese Optionen: Eine Beerdigung jetzt, aber auf einem anderen Friedhof. Oder aber die Beisetzung wird erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben. All das in dieser schwierigen Situation, in der sie selbst noch unter Schock stehen, womöglich selbst von den Flutfolgen betroffen sind. Da müsse man als Bestatter behutsam mit den Angehörigen umgehen, sagt Neuser. Ein Patentrezept gebe es da nicht, in jedem Einzelfall müssten Angehörige und Bestatter individuell besprechen, wie sie vorgehen. „Letztlich ist das eine Entscheidung, die die Familien treffen müssen.“

          Topmeldungen

          Der Betrieb hält sich in Grenzen: ein Blick ins fast leere Impfzentrum Sachsen (Dresden)

          Geringe Quoten im Osten : Impfen? Nicht mit mir!

          In Ostdeutschland sind die Corona-Impfquoten auffallend niedrig. Was ist der Grund dafür? Ein Soziologe sieht den Widerstand gegen die Spritze als Teil der grundlegenden Protesthaltung gegenüber der Regierung.
           Um dem sogenannten Ebergeruch vorzubeugen, werden männliche Ferkel  kastriert – bis Ende 2020 durfte die qualvolle Prozedur ohne Betäubung durchgeführt werden.

          Landwirtschaft : Wir brauchen eine Fleischwende

          Wir reden davon, den Klimawandel zu bekämpfen, schweigen uns aber über Nutztierhaltung und Fleischproduktion aus. Dabei gehört beides zusammen.
          Gemischte Gefühle bei der Rückkehr nach Deutschland.

          Fußball-Weltmeister Özil : Diese Wunde schließt sich nicht

          Mesut Özils Rückkehr ist bedrückend. „Scheiß-Türken“, heißt es von der Tribüne beim Spiel von Fenerbahce Istanbul gegen die Eintracht. Am Tag danach macht er deutlich: Sein Platz ist jetzt anderswo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.