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Bahnfahrt bei Orkan „Xaver“ : Einmal Bremen – mit Halt in Neustadt am Rübenberge

  • -Aktualisiert am

Auf der Anzeigentafel im Hamburger Hauptbahnhof wird vor Fahrplanänderungen gewarnt Bild: dpa

Zahlreiche Züge fallen aus, andere haben teils massive Verspätungen – Orkan „Xaver“ sorgt für beträchtliche Behinderungen im Bahnverkehr. Was passiert, wenn der Sturm den eigenen Zug lahmlegt, hat unser Autor in Niedersachsen erlebt.

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          Viel los am Donnerstagmittag in Hannover. Am Hauptbahnhof ist das Gedränge größer als üblich, auch auf dem Bahnsteig, auf dem der Zug nach Bremen einfährt. All die Menschen, die warten, wollen wohl dem Sturm zuvorkommen.

          Lieber einmal zwei Stunden früher als eigentlich geplant losfahren, denn in Bremen wartet am Abend das Tabak-Collegium zum Gespräch. Angesichts der Warnungen scheint die Fahrt mit einem Regionalzug sicherer. Da hat man dann auch reichlich Zeit, einen Artikel in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ zu lesen über die Eröffnung eines neuen Museums in Cuxhaven, das doch wirklich den Namen „Windstärke 10“ trägt. Bei der Eröffnung des Museums in historischen Fischpackhallen, in dem es unter anderem um „dramatische Unglücksfälle auf See“ geht, fiel demnach am Mittwoch der Satz: „Nordsee kann Mordsee sein“.

          Der Regionalzug hält plötzlich zwischen Neustadt am Rübenberge und Nienburg, also nur knapp hinter Hannover. Eine Ansage folgt der nächsten. Alle in gelassener Tonlage. Erst behauptet man, es gebe eine Störung an der Oberleitung. Dann scheint ein Schaden am Triebwerk des Zuges in Frage zu kommen. Schließlich fordert der Zugbegleiter alle Mitarbeiter der Deutschen Bahn auf, sich zu melden. Und das ist nicht als Bitte, sondern als Anordnung gemeint. Dann werden auch weitere Mitarbeiter des Zuges gebeten, sich beim Zugpersonal zu melden.

          Bremen so sehnlich erwartet wie nie

          Dann fällt das Wort Evakuierung. Der Notfallmanager der Bahn sei unterwegs. Nach 20 Minuten trifft er ein und berät sich mit den übrigen Mitarbeitern. Weitere Ansagen: Alle mögen ihr Gepäck nehmen und zum Ausgang gehen. Nun warten sie auf die Feuerwehr. Polizei mit Blaulicht ist schon zur Stelle. Seit der Abfahrt ist kein einziger Zug aus der Gegenrichtung gekommen, und kein Zug hat auf dem dritten Gleis überholt. Der Laptop hat keinen Netzempfang. Den Anordnungen des Zugpersonals ist Folge zu leisten. Und zwar, Zitat, „ohne Wenn und Aber“.

          Offenbar ist die elektrische Leitung auf den Zug gefallen, das also ist der Grund. Feuerwehr und Polizei helfen den Passagieren beim Aussteigen auf das tiefe Gleisbett. 100 Meter Feldweg zu einer nahen Straße, vorbei an einem Auto der „Neustädter Zeitung“, die sind also auch schon da, zur Haltestelle „Friedhof“.

          Die Atmosphäre unter den Reisenden ist gelassen, fast fröhlich. Nach gut einer halben Stunde Warten im Regen und Wind wird eine Friedhofskapelle aufgeschlossen, für alle, die Schutz vor dem Regen oder Beistand von oben suchen. Ein Ersatzbus kommt nach einer dreiviertel Stunde und bringt die Reisenden nach Nienburg. Umsteigen in den Zug aus Bremen, der wegen des blockierten Gleises nicht nach Hannover weiterfährt, sondern zurück. Voraussichtlich wird der Zug mit dreieinhalb Stunden Verspätung ankommen. So sehnlich hat man Bremen selten erwartet.

          Einschränkungen im Zugverkehr

          Nach der Deutschen Bahn warnt nun auch das Bundesverkehrsministerium vor unnötigen Reisen am Wochenende. Reisen auf der Schiene oder der Straße sollten vom Donnerstagabend bis zum Sonntag auf das unbedingt Notwendige beschränkt werden, mahnte das Ministerium am Donnerstag in Berlin. „Vor jeder Reise sollten die aktuellen Wetternachrichten beachtet werden. Mit starken Verkehrsbeeinträchtigungen vor allem in Norddeutschland durch Starkwind und in ganz Deutschland durch Schneefall muss gerechnet werden.“ Das Ministerium hat vorsorglich das Lagezentrum für den Katastrophenfall aktiviert und ist mit allen beteiligten Behörden – so dem Deutschen Wetterdienst und dem Deutschen Seewetterdienst – ständig in Kontakt.

          Schon am Donnerstag führte „Xaver“ im Zugverkehr der Deutschen Bahn vor allem in Norddeutschland zu erheblichen Einschränkungen. Alle Verkehrsverbindungen in Schleswig-Holstein mussten eingestellt werden, dazu gehörten auch grenzüberschreitende Verbindungen nach Dänemark. Die Strecke Hannover–Bremen wurde gesperrt (siehe Artikel oben). Der Sylt-Shuttle zwischen Niebüll und Westerland fuhr schon seit dem Vormittag nicht mehr. Die Bahn teilte mit, die Bereitschaftsdienste zur Reparatur von Oberleitungen seien im Einsatz, die Dienste zur Schneeräumung von Bahnsteigen und Gleisen mobilisiert. Um besser informieren zu können, seien an Bahnhöfen und im Telefondienst zusätzliche Mitarbeiter im Einsatz.

          In der Wintervorsorge hält die Bahn rund 28000 Mitarbeiter und Helfer im Einsatz. Außerdem stehen 37 Abtau-Anlagen für Züge und 64 Schneeräumfahrzeuge bereit. Ferner werden Dieselloks vorgehalten, um Strecken befahren zu können, deren Oberleitung vereist ist. Wenn nötig, können Busse für Ersatzverkehr bestellt werden. Für Auskünfte ist die kostenlose Sondertelefonnummer (0 8000) 99 66 33 geschaltet. Informationen gibt es zudem auf der Internetseite der Bahn. (enn.)

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