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Bad Reichenhall : Nach Eishallen-Einsturz: Ermittlungen gegen Verantwortliche

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Die eingestürzte Eissporthalle Bild: AP

Der Einsturz der Bad Reichenhaller Eissporthalle, bei dem 15 Menschen starben, war die Folge haarsträubender Konstruktionsfehler und Baumängel. Dies belegen Gutachten der TU München und des Tüv-Süd. Gegen acht Verantwortliche wird nun ermittelt.

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          Aufgeweichter Leim, verpfuschte Dachträger und falsch berechnete Statik: Eine Verkettung katastrophaler Mängel hat den Einsturz der Eishalle von Bad Reichenhall zu Beginn des Jahres verursacht. Zu diesem Ergebnis kamen jetzt Gutachter, die von der Staatsanwaltschaft Traunstein beauftragt worden waren. Schon vor 35 Jahren war demnach bei Planung und Bau der Halle mit dem spektakulären Holzdach massiv geschlampt worden. Die hohe Schneelast brachte das marode Gebäude schließlich zum Einsturz. 15 Menschen verloren bei dem Unglück am 2. Januar ihr Leben.

          Die tonnenschweren Trümmer töteten zwölf Kinder und Jugendliche sowie drei Mütter, die den Feriennachmittag beim Eislaufen verbracht hatten. 34 Personen wurden verletzt, 18 davon schwer. Wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung wurden Ermittlungen gegen acht Personen eingeleitet, die für Planung und Bau sowie für Überwachung und Unterhalt verantwortlich waren, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Vordermayer am Donnerstag weiter mit.

          Verschlissener, falscher Leim

          Die Gutachter der Technischen Universität München und des Tüv Süd hatten den Ermittlern zuvor einewesentliche Ursache der Katastrophe genannt: Der Leim, mit dem die rund 75 Meter lange und 48 Meter breite Holzdachkonstruktion zusammengeklebt war, war durch die dauernde Feuchtigkeit in der Halle schwer beschädigt. Zum Teil sei der Kleber so verschlissen gewesen, „daß er bis in eine Tiefe von fünf bis acht Zentimeter keine Klebewirkung mehr hatte“, berichtete Vordermayer.

          Außerdem sei der falsche Leim verwendet worden. Der Harnstoffharz-Klebstoff war demnach weder ausreichend feuchtebeständig noch elastisch genug; die Verwendung war „auch nach den damals bestehenden technischen Regelungen nur in einem trockenen Umgebungsklima zulässig“.

          Von Anfang an unsicher

          Bei den Hauptträgern des Daches stellten die Gutachter Konstruktionsmängel fest. Das Dach wurde von mehreren, jeweils aus zahlreichen Brettern zusammengeleimten Trägern gehalten. Die Dach-Konstruktion war damals in der Fachwelt so aufsehenerregend, daß sie noch heute im Standardwerk „Der Holzbauatlas“ als Musterbeispiel zitiert wird. Der Architekt Hans-Jürgen Schmidt-Schicketanz hatte nach dem Einsturz gesagt: „Es gab keine konstruktiven Mängel. Die waren nie bekannt und sind nie an mich herangetragen worden.“ Am Donnerstag war er nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

          Wie die Gutachter bei ihren Untersuchungen an der Unglücksstelle und der sichergestellten Bauteile herausfanden, war das 1971 und 1972 errichteten Gebäude jedoch von Anfang an unsicher. Gleich mehrere Vorschriften seien bei Planung und Bau mißachtet, nötige Sondergenehmigungen gar nicht erst eingeholt worden. Wie Oberstaatsanwalt Vordermayer mitteilte, war etwa bei den Holz-Dachträgern eine Höhe von maximal 1,20 Metern erlaubt, tatsächlich waren die Träger aber mit 2,87 Metern mehr als doppelt so hoch.

          Statik des Daches nie abgenommen

          Außerdem wurde die statische Berechnung des Daches nie von einem Prüfingenieur abgenommen. „Ohne eine solche geprüfte Statik hätte das Bauwerk nicht errichtet werden dürfen“, schrieb Vordermayer. Und in der ungeprüften statischen Berechnung wurde die Tragkraft der Dach-Seitenteile überschätzt.

          Die Gutachter stellten weiter fest, daß die Standsicherheit der Dachkonstruktion nicht fachgerecht überprüft worden sei. Schon vor Jahren müßten demnach Schädigungen an den Verklebungen zu sehen gewesen sein. „Dies hätte für einen Fachmann Veranlassung zu einer vertieften Überprüfung des Zustandes der Tragkonstruktion und der bautechnischen Unterlagen geboten“, schrieb der Staatsanwalt.

          Schneelast nicht die Ursache des Unglücks

          Der viele, schwere Schnee, der um den Jahreswechsel in Südostbayern gefallen war, löste zwar den Einsturz der Sporthalle aus, Ursache war er aber nicht. Die maximale Schneelast von 150 Kilogramm pro Quadratmeter war zum Unfallzeitpunkt nicht überschritten, hieß es. „Das Gebäude hätte deshalb aufgrund der vorhandenen Schneelast nicht einstürzen dürfen.“

          „Die Verkettung mehrerer Mängel und Schäden“ habe zu der Katastrophe geführt. Nach Erkenntnissen der Sachverständigen versagte einer der drei östlichen Hauptträger zuerst. Die Last verteilte sich auf benachbarte marode Träger, „wodurch das gesamte Dach reißverschlußartig einstürzte“.

          Ermittlungen gegen acht Verdächtige

          Das letzte von insgesamt fünf Gutachten war bei der Staatsanwaltschaft schon am 30. Juni eingegangen. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, wurden die Ergebnisse zunächst unter Verschluß gehalten. Denn am Donnerstag rückten neun Staatsanwälte und 23 Kriminalpolizisten bei den Beschuldigten und weiteren Personen zu Durchsuchungen an. 20 Wohn- und Geschäftsräume der acht Beschuldigten und weiterer Personen in Oberbayern und Schwaben wurden am Donnerstag durchsucht.

          Ermittelt wird gegen vier ehemalige Mitarbeiter der Stadt Bad Reichenhall, zwei frühere Beschäftigte von Firmen, die am Bau des Daches beteiligt waren, sowie zwei Architekten beziehungsweise Bauingenieure. Weitere Mitverantwortliche sind schon tot. Rund 140 Zeugen wurden bisher vernommen, Dutzende Ordner mit Beweismaterial sichergestellt. Die Ermittlungen werden wohl noch Monate dauern.

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