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Bad Reichenhall : „Diese Halle hätte nicht einstürzen dürfen“

  • Aktualisiert am

In den Trümmern liegt die Ursache des Unglücks versteckt Bild: ddp

Der Architekt der eingestürzten Eissporthalle von Bad Reichenhall kann sich die Katastrophe nicht erklären. Die Halle hätte auch den Schneemassen standhalten müssen. In der Nacht zum Donnerstag wurde das letzte der 15 Todesopfer geborgen.

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          Nachdem das letzte Opfer des Einsturzes der Eissporthalle in Bad Reichenhall geborgen worden ist, hat sich der Architekt des Gebäudes öffentlich zu der Katastrophe geäußert. „Ich bin erschüttert und fassungslos“, sagte Hans Jürgen Schmidt-Schicketanz am Donnerstag der Nachrichtenagentur AP. „Diese Halle hätte nicht einstürzen dürfen“. In der Nacht hatten die Rettungsmannschaften die Leiche einer noch vermißten 40 Jahre alten Frau geborgen. Die Zahl der Todesopfer stieg damit auf 15 - drei Erwachsene sowie zwölf Kinder und Jugendliche. Bei dem Einsturz wurden 34 Menschen verletzt, von denen noch 15 in Kliniken sind.

          Polizeisprecher Franz Sommerauer sagte, das letzte Opfer sei gegen zwei Uhr bei Grabungsarbeiten in einem Schneehaufen entdeckt und eine halbe Stunde später geborgen worden. Man habe keine Hinweise, daß sich noch eine weitere Person in den Trümmern befinde. Nach Angaben der Behörden werden die Sucharbeiten aber so lange fortgesetzt, bis die gesamte Eisfläche geräumt ist. „Wir hoffen, daß wir gegen Abend die Einsatzstelle endgültig verlassen können“, sagte Feuerwehr-Einsatzleiter Rudi Zeif. Auch der Katastrophenfall bleibt vorerst weiter bestehen. Laut Staatsanwaltschaft erlagen alle Opfer des Unglücks ihren schweren Verletzungen, „keines starb an Unterkühlung oder Erfrierungen“.

          Blechteil schirmte Leiche ab

          Polizei-Einsatzleiter Hubertus Andrä sagte, daß die Sucharbeiten nach dem wohl letzten Opfer sehr schwierig gewesen seien. Die Suchhunde hätten die Witterung nicht aufnehmen können, weil die tote Frau hinter einem Blechteil gelegen habe. Helfer hatten gegen zwei Uhr auf dem Gelände plötzlich ein Kette gebildet. Mit Decken schirmten sie die Fundstelle vor Fernsehkameras ab. Notärzte eilten durch den Korridor, wenig später folgten ihnen Einsatzkräfte mit schwerem Gerät.

          In den Trümmern liegt die Ursache des Unglücks versteckt Bilderstrecke
          Bad Reichenhall : „Diese Halle hätte nicht einstürzen dürfen“

          Unmittelbar nach der Bergung des Opfers begannen umfangreiche Aufräumarbeiten auf dem Gelände, das in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht war. Von der Halle stehen nun nur noch die Stützpfeiler. In der Mitte des Areals schaufelten schwere Bagger die verbliebenen Trümmer beiseite.

          Am Mittwoch hatten die Helfer die Leichen zweier Jungen und eines Mädchens im Alter von 12 bis 15 Jahren geborgen, nachdem am Dienstag bereits elf der insgesamt 15 Verschütteten entdeckt worden waren.

          „Bin mir keiner Schuld bewußt“

          Falls er schuld an der Katastrophe sei, „stehe ich dazu“, sagte Architekt Schmidt-Schicketanz, „ich bin mir aber keiner Schuld bewußt. „Es ist für mich ein ein Rätsel und unerklärlich“, betonte er. Er könne nur die Äußerungen des Oberbürgermeisters von Bad Reichenhall bestätigen: „Es gab keine konstruktiven Mängel. Die waren nie bekannt und sind nie an mich herangetragen worden.“

          „Wir haben 150 Kilo Schnee pro Quadratmeter einkalkuliert“, erklärte der Münchner Architekt. „Das waren zehn Prozent mehr als erforderlich. Auch wenn dieser Wert erreicht worden wäre, hätte die Halle nicht einstürzen dürfen“, denn die Statiker rechneten immer noch eine Sicherheitsmarge mit ein, betonte er. Mit dem Bau der Halle, bei deren Einsturz am Montag 15 Menschen ums Leben gekommen waren, war 1971 begonnen worden. 1972 wurde sie fertig gestellt.

          Debatte um „Bau-TÜV“

          Die enorme Schneelast auf dem Dach der Eissporthalle war nach der Ferndiagnose zahlreicher Bauexperten offenbar nur der Auslöser, aber vermutlich nicht alleinige Ursache des Unglücks am Montag. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiterhin auf dem Unglücksgelände. Dach- und Gebäudeteile wurden vor dem Abtragen numeriert und fotografiert. Medienberichten zufolge sollen Eisläufer eine halbe Stunde vor dem Einsturz einen lauten Knall gehört haben. Die Polizei geht eigenen Angaben zufolge allen Hinweisen nach und befragt Zeugen.

          Bundesweit wurde nach dem Unglück der Ruf nach einem „Bau-TÜV“ für öffentliche Gebäude lauter. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) forderte die Länder auf, einen solchen TÜV zu prüfen, ebenso die vorhandenen Bauvorschriften. Städte und Gemeinden halten verstärkte Kontrollen öffentlicher Gebäude bundesweit derzeit allerdings nicht für sinnvoll. „Es gibt bereits eine Vielzahl an Bauvorschriften“, sagte das geschäftsführende Präsidialmitglied des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, in Berlin. Auch das bayerische Innenministerium sieht derzeit keine Notwendigkeit für einen verbindlichen „Gebäude-TÜV“. Zuerst müsse die Ursache des Unglücks geklärt werden, dann erst könne man über Konsequenzen reden, sagte der für Bauwerkssicherheit zuständige Bauingenieur Wolfgang Schubert. Lediglich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der auch Präsident des Deutschen Städtetages ist, setzt sich für regelmäßige Überprüfungen öffentlich genutzter Gebäude ein.

          Spekulation über Fehler am Unglückstag

          In der Debatte um mögliche bauliche Mängel der Reichenhaller Eishalle wiesen die Stadtratsfraktionen von CSU, SPD und Freier Wählergemeinschaft alle Vorwürfe zurück. „Sicherheitsrelevante Mängel waren im Stadtrat nicht bekannt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Fraktionen. Bei der Diskussion um die Sanierung der Eislauf- und Schwimmhalle sei es einzig um die Schwimmbad- und Kältetechnik gegangen. Die Fraktionen stellen sich damit hinter Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier (Freie Wähler). Auch er hat stets betont: „Das Dach war nicht sanierungsbedürftig.“

          Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. Die Kriminalpolizei stellte Unterlagen sowie einzelne Bauteile aus dem zusammengestürzten Gebäude sicher. Vor dem Unglück war ungewöhnlich nasser und schwerer Schnee gefallen. Zwar wurde die Belastung des Daches kurz vor dem Einsturz noch überprüft, dennoch gibt es Spekulationen über Versäumnisse der Behörden am Unglückstag. Die Anklagebehörde konzentriert sich aber weiterhin zunächst auf die Klärung der Unglücksursache. „Dann erst können wir prüfen, ob es persönliche Verantwortlichkeiten gibt“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Fertigstellung der Gutachten werde nicht vor April erwartet.

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