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Fast 200 Tote bei Absturz : Australien verbietet Mitarbeitern Flüge mit Lion Air

Jakarta: Ein Mitarbeiter der Indonesischen Such- und Rettungsbehörde inspiziert Trümmerteile und Fundstücke des abgestürzten Passagierflugzeug der Fluggesellschaft Lion Air. Bild: dpa

In Indonesien kommt es in trauriger Regelmäßigkeit zu Flugzeugunglücken. Nachdem jetzt wohl fast 200 Menschen ums Leben gekommen sind, untersagt die Regierung Australiens ihren Mitarbeitern erst mal, mit Lion Air zu fliegen.

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          Es ist 6.20 Uhr Ortszeit, fast eine Stunde nach Sonnenaufgang, als der Flug JT610 der Fluggesellschaft Lion Air in Jakarta startet. Schon wenige Minuten nach dem Abflug ist die Boeing 737 Max 8 offenbar in Schwierigkeiten. Die 189 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord erleben wahrscheinlich noch mit, wie das Flugzeug binnen kurzer Zeit rapide an Flughöhe verliert, um dann erst einmal wieder auf mehr als 1500 Meter Höhe aufzusteigen. Die Piloten teilen der Luftüberwachung mit, dass sie nach Jakarta zurückkehren. Der Bitte wird stattgegeben. Doch nur 13 Minuten nach dem Start bricht der Funkkontakt komplett ab. Die Besatzung eines Schleppers, der für das Ölunternehmen Pertamina in der Nähe unterwegs war, sieht das Flugzeug einige Kilometer vor der Küste von Tanjung Bungin in der Provinz Karawang in die Javasee stürzen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Über die mögliche Ursache des Unglücks gibt es zunächst keine Angaben. Das Flugzeug habe bei seinem vorangegangenen Flug ein technisches Problem gehabt, räumt allerdings der Chef der Fluggesellschaft, Edward Sirait, später vor Journalisten ein. Das Flugzeug war zuvor auf der Strecke zwischen Jakarta und Bali eingesetzt worden. Schon dabei hatte es offenbar in den ersten Minuten nach Start einen erratischen Flugverlauf gehabt, zeigen die Daten auf dem Internetportal Flightradar24, die nun von Hobbyanalysten durchsucht werden.

          Die Probleme seien aber behoben worden, sagt der Manager, ohne in die Details zu gehen. Er verteidigt außerdem den aus Indien stammenden Flugkapitän Bhavye Suneja. „Unser Pilot hat nach Vorschrift gehandelt“, sagt er. „Als er gesehen hat, dass es ein Problem gibt, hat er darum gebeten, zur Basis zurückkehren zu dürfen. Aber wir wissen, wie das zu Ende ging.“ Nach Angaben der indonesischen Behörden ist eine fundierte Aussage über die Gründe für das Unglück ohnehin erst möglich, wenn die Flugschreiber geborgen sind.

          Schon früh ist aber klar, dass wahrscheinlich niemand den Absturz überlebt hat. Mehrere Leichenteile werden bis zum Nachmittag geborgen. Muhammad Syaugi, der Chef der Rettungsbehörde, will die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgeben: „Wir wissen noch nicht, ob es Überlebende gibt. Wir hoffen, wir beten, aber wir können nichts bestätigen.“ Unter anderem waren 20 Mitarbeiter der Finanzbehörden an Bord des Flugs von der Hauptstadt nach Pangkal Pinang auf der Insel Bangkar östlich von Sumatra. Am dortigen Flughafen haben sich Angehörige versammelt und warten auf Neuigkeiten. Auf Videoaufnahmen sind laut weinende Menschen zu sehen und andere, die ihnen tröstend Beistand leisten.

          Stumme Zeugen menschlicher Tragödien

          Einige Stunden nach dem Unglück veröffentlichen die Rettungskräfte dann erste Fotos und Videoaufnahmen von einem Ölteppich auf dem Meer und persönlichen Gegenständen, die sie aus dem Wasser gefischt haben. „Wir haben Rettungswesten, Handys und Flugzeugteile entdeckt“, sagt Syaugi von der Rettungsbehörde. Hoffnungen machen aber auch diese Funde nicht. Denn auf den Fotos sehen die Gegenstände stark beschädigt aus. Eine zerfetzte Tasche ist zu sehen, ein zerbrochenes Handy und zerrissene Dokumente. Daneben ein Trümmerstück, das aussieht wie ein Teil einer Flugzeugverkleidung. Personalausweise, Sparbücher und Führerscheine, die ebenfalls gefunden wurden, sind ihrerseits stumme Zeugen menschlicher Tragödien.

          Trümmerteile im Wasser: Überlebt hat den Absturz wohl niemand.
          Trümmerteile im Wasser: Überlebt hat den Absturz wohl niemand. : Bild: AFP

          Mehr als 300 Rettungskräfte sind am Montag im Einsatz, um nach Überlebenden zu suchen. Taucher suchen nach Wegen, um das Wrack bergen zu können. Das Meer soll an der Unglücksstelle etwa 30 bis 35 Meter tief sein. Der Airline zufolge war es ein neues Flugzeug, das erst Mitte August in Betrieb genommen wurde. Es soll erst rund 800 Flugstunden hinter sich gehabt haben. Der Flugzeugtyp gehört zu den modernsten des amerikanischen Herstellers und der rasch wachsende Anbieter Lion Air derzeit zu seinen besten Kunden. Boeing kündigte denn auch an, bei den Untersuchungen helfen zu wollen. Wie die Fluggesellschaft mitteilt, hatten der Flugkapitän und sein Kopilot jeweils mehr als 5000 Stunden Flugerfahrung.

          In Indonesien kommt es allerdings in trauriger Regelmäßigkeit zu Flugzeugunglücken. In dem Land mit 17.000 Inseln, 250 Millionen Einwohnern und einer wachsenden Mittelschicht hat sich das Passagieraufkommen in zwölf Jahren verdreifacht. Vor allem Billigfluglinien wie Lion Air bekommen gewaltigen Zuwachs. Mit mehreren Unfällen seit ihrer Gründung im Jahr 1999 ist ihr Ruf schlecht. Vor ein paar Jahren waren Lion-Air-Piloten sogar beim Drogenmissbrauch erwischt worden. Wie mehrere indonesische Airlines war Lion Air auch bis zum Jahr 2016 nicht für den europäischen Luftraum zugelassen. Dieser Bann war nach einer Sicherheitsüberprüfung aufgehoben worden. Als erste zog nun die Regierung im Nachbarland Australien Konsequenzen. Sie untersagte ihren Mitarbeitern, mit Lion Air zu fliegen, bis die Absturzursache geklärt ist.

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