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Australien : Tausende retten sich im Flammen-Inferno an die Strände

Der Himmel über Mallacoota färbt sich rot während der Buschfeuer. In der rund 500 Kilometer östlich von Melbourne gelegenen Küstenstadt wurden rund 4.000 Urlauber von den Behörden angewiesen, in Meeresnähe Schutz vor dem herannahenden Flammenmeer zu suchen. Bild: dpa

Trotz Warnungen sitzen Tausende Urlauber in Australien in der Falle. Die Feuerwehren brauchen Verstärkung aus Kanada und Amerika, die Stromversorgung wird knapp.

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          Mitten in der Feriensaison wird der Strand für immer mehr Australier vom Urlaubort zum Zufluchtsort: Tausende Menschen sind an Stränden unter blutrotem Himmel eingeschlossen, während die von Stürmen getriebenen Feuer sich immer weiter in ihre Richtung bewegen. Immer mehr Brände werden von „trockenen Blitzen“ entfacht, die die riesigen Feuerwände mit ihrem eigenen Klima schaffen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Eine Gesamtfläche von mehr als vier Millionen Hektar – größer als die Niederlande – wurde schon verbrannt, darunter Wälder, die unter Weltkulturerbe der Vereinten Nationen (Unesco) stehen. Die Zahl der Toten ist inzwischen auf zwölf gestiegen, unter ihnen ein dritter junger Feuerwehrmann. Sein Löschfahrzeug wurde von einem Feuertornado in die Luft geschleudert.

          Menschen, Pferde und Hunde

          Südlich des für die Hauptstadt Canberra wichtigen Urlaubsortes Batemans Bay mit seinen Cafés am Fluss flohen Hunderte zum Strand, um den Flammen zu entkommen. Menschen, Pferde und Hunde sammelten sich im Flammenschein über Malua Beach. Gegen den beißenden Rauch, der auch über der eineinhalb Autostunden entfernten Hauptstadt hängt, tragen viele Atemmasken. Mit dem Mobiltelefon berichten Menschen, sie versteckten sich hinter Sanddünen am Meer, um sich vor den extremen Temperaturen im angrenzenden Busch zu schützen.

          An den Häusern explodieren in der Hitze die Gasflaschen, die den Australiern zum Kochen dienen. Rund um den Surf Live Saving Club in Bermagui im Süden Canberras warten mehr als 5.000 Menschen. Die meisten von ihnen sind australische Touristen, viele von ihnen Staatsbeamte, die hier am Strand ihren Weihnachtsurlaub verbringen wollten.

          Am Strand Mallacoota im Bundesstaat Victoria harren rund 4.000 Menschen aus. Als der Sturm nach vielen Stunden des Bangens seine Richtung drehte, erschallte aus tausenden Kehlen ein befreiender Schrei. Die Bilder wirken, als warteten die Menschen auf die rettende Arche Noah.

          Sie ist nicht in Sicht. Sowohl in Victoria mit seiner Hauptstadt Melbourne wie in New South Wales mit seiner Kapitale Sydney lodern jeweils acht Feuer, für die der Notstand ausgerufen wurde. Auf der Insel Tasmanien im Süden kämpfen die Wehren gegen fünf Großbrände. Insgesamt wurden bislang mehr als tausend Häuser zerstört. Die Zahl dürfte in den nächsten Stunden aber deutlich steigen, da mehrere Ortschaften in Brand geraten sind.

          Feuerwehr an ihren Grenzen

          Die freiwillige Feuerwehr, die mit mehreren tausend oft gut ausgebildeten Frauen und Männern die Brände bis zur Erschöpfung bekämpft, stößt an ihre Grenzen. Am Dienstagnachmittag erklärte Ministerpräsident Scott Morrison, er werde die Armee gegen die Feuer im Bundesstaat Victoria zum Einsatz bringen. Zugleich forderte Australien weitere Unterstützung bei den Feuerwehren in Kanada und Amerika an. Auf dem ganzen Fünften Kontinent sind die Temperaturen auf Rekordwerte von mehr als 40 Grad gestiegen.

          Am frühen Nachmittag in Australien warnte die Feuerwehr in New South Wales vor  sogenannten Feuergewittern, die die riesigen Brände selber erzeugen. Die hochauflodernden Brände ziehen nun immer mehr Sauerstoff an, was zu Stürmen führt, die ihrerseits die Flammen noch weiter beschleunigen. Der Pyro-Cumulonimbus führe zu „unberechenbaren Stürmen, Trocken-Blitzen und deshalb deutlich höheren Feuergeschwindigkeiten“, die die Brände in ganz unterschiedliche Richtungen trieben. Die Regierung beschreibt „Flammagenitus“-Wolken, in denen sich „wie bei einem Atompilz oder einer Wolke nach einem Vulkanausbruch“ Gewitter bilden. Dabei steigt die Wolke bis in die Stratosphäre, um dort auf Eispartikel zu treffen: die unterschiedlichen Temperaturen führen zu Aufladungen, aus denen Gewitter ohne Regen entstehen. Die Trockengewitter, bei denen jeder Niederschlag auf dem Weg zum Boden verdampft, entfachen aufgrund der Blitze immer neue Brandherde – ein Inferno, gegen das die besten Wehren am Boden machtlos sind.

          Heiße Rauchschwaden (1) steigen in die Luft. In der Höhe mischen sie sich mit kälterer Luft (2) und kühlen ab. Steigen sie hoch genug und stimmen die Bedingungen in der Atmosphäre, entstehen Wolken (3) und ein Gewitter (4).  Es kommt zu Regen und Fallböen (5). Dabei können Blitze entstehen (6) die neue Brände verursachen.

          Zu früh für Schadensaufnahme

          Schon jetzt fielen mehr als 220.000 Hektar in Victorias Strandgegend den Flammen zum Opfer. In den Zeiten, in denen Menschen um ihr Leben laufen und Wohnhäuser, Schulen und Sporthallen in Flammen aufgehen, ist es zu früh für eine Schadensaufnahme. Doch treffen die Brände nicht nur die direkten Opfer, sondern auch die Geschäftsleute: Diese Tage bilden die wichtigste Feriensaison „down-under“ – und immer mehr Hotels und Campingplätze entlang der Strände um Canberra, Sydney und Melbourne und in den Bergen um das südaustralische Adelaide müssen geräumt werden.

          Zugleich lodert der politische Streit weiter. Dabei geht es längst nicht nur um während der Katastrophe urlaubende Minister und den Ministerpräsidenten, sondern um Australiens Klima- und Energiepolitik. Der als Kohleanhänger umstrittene Energieminister Angus Taylor verteidigte gerade die Energiepolitik der Regierung und erklärte, Australien werde von seinem klimapolitischen Kurs keinen Deut abweichen. Allerdings wird inzwischen aufgrund der Hitze die Stromversorgung in Teilen Victorias knapp. 5.000 Häuser waren ohne Energie, nachdem Feuer einen Überlandleitung zerstörten. Die Dörfer sind in dunklen Rauch getaucht. Die Wasserkraftwerke von Snowy Mountain, ein System von 16 Dämmen, mussten evakuiert werden, weil der Feuer-Wind sich in ihre Richtung drehte. Noch arbeiten die Turbinen, der Chef warnte aber vor extrem niedrigen Wasserständen in den Stauseen aufgrund der jahrelangen Dürre.

          Der Funkenflug in der Region beträgt fünf bis sechs Kilometer, so dass immer neue Brandherde entstehen. Der staatliche Stromversorger gibt an, dass „mehrere Ereignisse die Stromübertragung“ ausschalten könnten. Als am Montag eine Verbindung zum Snowy-Mountain-Kraftwerkskomplex kurzfristig unterbrochen war, schoss der Großhandels-Strompreis für rund zehn Minuten von den üblichen 40 Australischen Dollar pro Megawatt-Stunde auf fast 15.000 Dollar.

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