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Wiederaufbau der Notre-Dame : Ein Schwimmbad auf dem Dach

Arbeiter werden in einem Kran zur Rosette von Notre-Dame gebracht. Bild: AFP

Zwei Monate nach dem Brand von Notre-Dame übertreffen sich Architekten mit ausgefallenen Ideen zum Wiederaufbau. Denkmalschützer sind besorgt und fordern „eine Rückkehr zur Bescheidenheit“.

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          Ein schwedisches Architekturbüro hat vorgeschlagen, das Dach der Kathedrale von Notre-Dame durch ein Schwimmbad zu ersetzen. Das Pariser Architekturstudio NAB stellt sich hingegen ein Treibhaus-Dach vor, unter dem Blumen und andere Pflanzen wachsen. Sir Norman Foster wiederum will das Dach von Notre-Dame mit viel Glas wiederherstellen, ähnlich wie bei der von ihm entworfenen Reichstagskuppel in Berlin.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Zwei Monate nach dem verheerenden Brand in Paris warten Architekten aus aller Welt mit den ausgefallensten Ideen auf – zum Entsetzen des für den Wiederaufbau hauptverantwortlichen französischen Denkmalschützers Philippe Villeneuve. In „Le Figaro“ mahnte er jetzt „eine Rückkehr zur Bescheidenheit“ an. „Wir sind noch in einer Notfallphase. Wir können überhaupt nicht garantieren, dass die Kathedrale stehen bleibt. Wir haben bislang viel Glück gehabt. Aber wir wissen nicht, ob das Gewölbe nicht noch einstürzt“, sagte der 56 Jahre alte Architekt, der seit sechs Jahren die Verantwortung für die Instandhaltung der Kathedrale trägt.

          Villeneuve plädiert dafür, Notre-Dame originalgetreu wieder aufzubauen. Das soll vor allem für den Vierungsturm gelten, zu dem es die verrücktesten Modernisierungsvorschläge gibt. Der Architekt Alexandre Chassang etwa will den feinen Spitzturm als massiven und modernen Pfeil aus Glas wieder aufbauen. „Wir werden die Vergangenheit nicht wieder aufbauen, indem wir sie nachahmen“, sagte Chassang. Das sieht Villeneuve ganz anders. Er hält dem von Eugène Viollet-le-Duc 1844 entworfenen Vierungsturm zugute, dass er sich „zeitlos“ in das mittelalterliche Ensemble von Notre-Dame einfügte. „Wer von den 13 Millionen jährlichen Besuchern wusste schon, dass der Turm aus dem 19. Jahrhundert stammte?“, sagte Villeneuve.

          Die Zweifel wachsen

          An diesem Freitag wird sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet in der Kathedrale einen eigenen Eindruck von den Brandschäden verschaffen. Es ist Laschets erster Besuch als deutsch-französischer Kulturbeauftragter in Paris. Er kommt in Begleitung der früheren Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die deutsche Hilfen zum Wiederaufbau koordiniert. Für Architekt Villeneuve ist die Anfang der fünfziger Jahre beschlossene Modernisierung des Vierungsturms des Kölner Doms ein abschreckendes Beispiel. „Das ist eine Warze an einem alten Baudenkmal“, sagte er. Schock-Werner äußerte sich in einem Interview diplomatischer, teilt aber die Grundidee. „Der Kölner Dombaumeister hat sich in der Nachkriegszeit für eine moderne Neugestaltung des beschädigten Vierungsturms entschieden. Viele Besucher sagen heute: Der ist aber hässlich“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“.

          In der französischen Öffentlichkeit wachsen die Zweifel an dem „innovativen Wiederaufbau“, den Präsident Emmanuel Macron unmittelbar nach dem Brand versprochen hat. Das Feuer in der Kathedrale schwelte noch, da kündigte der Staatschef schon an, dass das Gotteshaus innerhalb von fünf Jahren „schöner denn je“ wiederhergestellt werden solle. Er versprach, einen internationalen Architekturwettbewerb für den eingestürzten Vierungsturm auszurichten. Bis zu den Olympischen Sommerspielen in Paris 2024 solle alles fertig sein.

          Die Eile beim Wiederaufbau steht in seltsamem Kontrast zu den schleppenden Ermittlungen zur Aufklärung der Brandursache. Gewissheit besteht inzwischen darüber, dass das für die Kathedrale verantwortliche Kulturministerium bei der Sicherheit sparte. So wurde aus Kostengründen die zweite Planstelle gestrichen und die Aufgabe zudem einer privaten Sicherheitsfirma übertragen. Am frühen Abend des 15. April war ein kaum angelernter Sicherheitsmann im Einsatz, der sich bereits seit halb acht Uhr morgens im Dienst befand und nicht wie geplant abgelöst worden war. Darauf wies der Rektor der Kathedrale, Patrick Chauvet, hin. Der Sicherheitsmann konnte das Alarmsignal nicht einem bestimmten Ort zuordnen, dadurch verstrichen mehr als 30 Minuten, bis die Feuerwehr gerufen wurde. Die Brandschäden sind so groß, dass die Ermittler kaum Spuren gefunden haben. „Wir werden wohl nie erfahren, was den Brand verursachte“, sagte Chauvet.

          Die Kirche habe auch „ein Wörtchen mitzureden“

          Am 11. Mai verabschiedete die Regierungsmehrheit in der Nationalversammlung ein Gesetz zum Wiederaufbau von Notre-Dame. Das Gesetz hebelt Baubestimmungen und Denkmalschutznormen aus, um die Restaurierung innerhalb der kurzen Frist schaffen zu können. Doch darüber ist jetzt ein heftiger Streit entbrannt.

          So weigerte sich die rechtsbürgerliche Mehrheit in der zweiten Parlamentskammer, im Senat, dem Ausnahmegesetz zuzustimmen. Am 27. Mai fassten die Senatoren den wichtigen Grundsatzbeschluss, dass der Wiederaufbau der Kathedrale gemäß „dem sichtbaren Zustand vor dem Brand“ zu erfolgen habe. Die Parlamentarier strichen den Paragraphen aus dem Gesetz, mit dem der Regierung weitreichende Zuständigkeiten bei Ausschreibung, Denkmalschutz und Umweltauflagen übertragen werden sollten. Nun verhandelt der Vermittlungsausschuss. Wenn es keine Einigung gibt, hätte die Nationalversammlung das letzte Wort.

          Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und der Denkmalschutzbeauftragte Stéphane Bern plädieren für eine originalgetreue Rekonstruktion. Der Rektor von Notre-Dame, Patrick Chauvet, mahnte an, dass auch die Kirche „ein Wörtchen mitzureden“ habe. Er glaube, dass binnen fünf Jahren die Kathedrale soweit wieder restauriert sei, dass sie als Gotteshaus genutzt werden könne. Chauvet sagte, er hoffe, dass der Dachstuhl aus Eichenholz aufgebaut werde. „Holz ist ein nobles Material, und es wäre zugleich eine Hommage an die ersten Baumeister“, sagte der Rektor. Sie hätten damals 107 Jahre gebraucht. Ein wenig von der Geduld der Gründergeneration stehe den Franzosen auch heute gut an. Am Sonntag findet im kleinen Kreis erstmals eine Messe zum Jahrestag der Altarweihe statt.

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