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Erdbeben am Hindukusch : Die Angst vor der Kälte

Die Lehmhäuser, wie hier in Pakistan, sind für Erdbeben besonders anfällig. Bild: AFP

Nach dem Erdbeben in Afghanistan und Pakistan steigt die Zahl der Opfer auf mehr als 350. Viele Häuser sind nicht mehr bewohnbar – den Rettungskräften bereiten vor allem die fallenden Temperaturen Sorgen.

          Die Rettungskräfte in Afghanistan und Pakistan versuchen nach dem schweren Erdbeben vom Montag jetzt fieberhaft, zu den Überlebenden vorzustoßen. Dabei macht ihnen das rauhe und abgelegene Terrain in der Nähe des Epizentrums zu schaffen. Erdrutsche blockieren die Straßen. Die pakistanische Armee setzt Hubschrauber ein. Die Informationen über die Situation in den betroffenen Gebieten sind jedoch nach wie vor spärlich. „Hier sind noch keine Rettungsteams eingetroffen“, sagte Syed Shah der pakistanischen Zeitung „Dawn“ am Dienstag. „Es gibt keinen Strom, kein Wasser, und alle Straßen sind gesperrt“, sagte der Mann aus der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Die Zahl der Toten in Afghanistan und Pakistan wurde am Dienstag mit mehr als 350 angegeben, es wurde aber mit weiteren Opfern gerechnet. Mehr als 1000 Verletzte wurden gezählt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Tausende Häuser sind ganz oder zum Teil zusammengebrochen. Der Wiederaufbau dürfte viel Zeit in Anspruch nehmen. „Unsere Häuser sind nicht mehr bewohnbar. Aus Angst vor Nachbeben haben wir die ganze Nacht im Freien verbracht. Alles, was wir besitzen, ist unter den Trümmern unseres Hauses begraben“, sagte ein Pakistaner in der Unglücksregion. Derzeit seien die Behörden und verschiedene Hilfsorganisationen noch dabei, die Informationen aus den betroffenen Gebieten zusammenzutragen, berichtete Katja Richter, die Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Kabul, dieser Zeitung. Schon jetzt lasse sich aber sagen, dass in einigen Gebieten, in denen ihre Organisation tätig sei, viele Häuser ganz oder teilweise zerstört seien. Das liege auch an der Bauart der dort verbreiteten Lehmhäuser, die besonders anfällig für Zerstörungen durch Erdbeben sind.

          Temperaturen unter dem Gefrierpunkt

          „Die Rettungsarbeiten laufen, Zelte, Decken und Schlafmatten werden verteilt“, sagte Latifur Rehman vom pakistanischen Rettungsdienst der Agentur Reuters. Die Not ist groß, weil das Erdbebengebiet im Nordosten Afghanistans nach Angaben der Vereinten Nationen „äußerst unterentwickelt“ ist. Da viele Menschen ihre Unterkunft verloren hätten, bereiteten vor allem die zu dieser Zeit schon „empfindlichen“ Temperaturen große Sorgen, sagte Katja Richter. Im Hindukusch herrschen in der Nacht Temperaturen um den Gefrierpunkt. Als Hilfsgüter würden vor allem Baumaterialien und Nahrungsmittel benötigt. In Afghanistan werden zudem einige der betroffenen Gebiete von den Taliban kontrolliert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP haben die radikalislamischen Aufständischen am Dienstag versprochen, mit Hilfsorganisationen zu kooperieren, die Nahrungsmittel, Medizin und Zelte zu den Opfern bringen. Den Kämpfern sei befohlen worden, den Menschen „vollständig“ zu helfen.

          Nach dem Erdbeben beginnen die Aufräumarbeiten. Bilderstrecke

          Das Erdbeben vom Montag hatte nach Angaben des U.S. Geological Survey (USGS) eine Stärke von 7,5. Das Epizentrum lag in einem dünnbesiedelten Gebiet des Hindukusch-Gebirges in dem Bezirk Dschurm, etwa 254 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Kabul. Nach Angaben des Instituts lag das Hypozentrum 213,5 Kilometer unter der Erdoberfläche. Solche tiefliegenden Beben richten in der Regel weniger Zerstörung an als flache Beben, dafür sind die Erschütterungen besonders weitläufig zu spüren. Selbst in Kabul, Islamabad und Delhi hatte das Beben um 14.09 Uhr die Menschen aufgeschreckt. Viele waren aus ihren Häusern auf die Straße gestürmt. In der mehr als 1000 Kilometer entfernt liegenden indischen Hauptstadt war der U-Bahn-Verkehr vorübergehend unterbrochen.

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          In der Oberschule Bibi Hajra in der afghanischen Provinz Thakar hatte die Panik besonders tragische Folgen. Dort wurden zwölf Schülerinnen beim Versuch, sich in Sicherheit zu bringen, totgetrampelt. Anwohner sprachen davon, dass sie Todesängste durchgestanden hätten. In Kabul seien die Erschütterungen sogar stärker gewesen als bei dem verheerenden Kaschmir-Erdbeben vor ziemlich genau zehn Jahren, sagte Katja Richter von der Welthungerhilfe. Aber „zum Glück“ seien die Folgen diesmal offenbar nicht so schlimm. Damals waren bis zu 86000 Menschen zu Tode gekommen. Das Erdbeben aus dem Jahr 2005 hatte zwar eine vergleichbare Intensität gehabt, sein Hypozentrum lag aber wesentlich flacher unter der Erde. Deshalb waren die Zerstörungen schlimmer ausgefallen.

          Das schwerste Beben seit Jahrzehnten

          Afghanistans „Regierungsvorsitzender“Abdullah Abdullah sprach dennoch von dem schwersten Erdbeben seit Jahrzehnten. Auch diesmal waren an einigen Orten Häuser eingestürzt, Ziegelsteine herabgefallen, Bäume abgeknickt und Felsbrocken die Hänge herabgerollt. Die Verletzten wurden in Krankenhäuser gebracht und, so gut es ging, versorgt. Viele hatten blutige Verbände am Kopf und an Armen und Beinen. In der pakistanischen Stadt Peshawar waren zahlreiche Mauern eingefallen. In Srinagar im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir war die Stromversorgung vorübergehend unterbrochen.

          Länder wie Indien und die Vereinigten Staaten hatten schon am Montag ihre Hilfe angeboten. Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif, der von einer Auslandsreise zurückkehrte, lehnte das Angebot aber ab. Nach Augenzeugenberichten hatte die Erde am Montag mindestens eine Minute lang gebebt. Ein Internetvideo des afghanischen Fernsehsenders Ariana soll den Moment zeigen, in dem das Beben die Hauptstadt Kabul erschüttert hatte. Ein Sprecher sitzt hinter seinem Schreibtisch, als plötzlich das Studio bedrohlich zu wackeln anfängt. Es dauert eine Weile, bis der Mann realisiert, was sich gerade um ihn herum ereignet. Auch die Kamera verschiebt durch die Erschütterungen ihre Position. Dann sieht man nur noch die Hände und den Oberkörper des Sprechers und schließlich noch, wie er fluchtartig den Bildausschnitt verlässt.

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