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Atomkraftwerk Fukushima : Japan schöpft Hoffnung im Kampf gegen Gau

  • -Aktualisiert am

Nach Angaben der Polizei dürften allein in der Präfektur Miyagi 15.000 Menschen gestorben sein Bild: AFP

In Japan steigt die Hoffnung auf einen relativ glimpflichen Ausgang der Atomkatastrophe von Fukushima. Der Feuerwehr in der Gefahrenzone des Meilers gelang es, Reaktor 2 wieder ans Stromnetz anzuschließen. Sorge bereitet weiter Reaktor 3.

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          Neun Tage nach dem schweren Erdbeben in Japan ist der Reaktorblock 2 des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1 am Sonntag erstmals wieder ans Stromnetz angeschlossen worden. Ob die Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen sind, blieb aber zunächst offen. Zuerst wollen die Ingenieure die Kontrollsysteme aktivieren. Die japanische Regierung vermeldete am Sonntagabend überdies Fortschritte bei der Kühlung der Abklingbecken in den Reaktoren 3 und 4. Zum ersten Mal sei es am Sonntag gelungen, Wasser auf das Abklingbecken von Reaktor 4 zu sprühen.

          Vorher am Sonntag schien sich die Lage im Reaktorblock 3 noch dramatisch zuzuspitzen. Dort war offenbar der Druck so stark gestiegen, dass der Betreiber des Kraftwerkes erwog, abermals radioaktiven Dampf abzulassen. Der Druck fiel später wieder ab. Nach offiziellen Angaben läuft die Kühlung der Abklingbecken für Brennstäbe nach der Wiederherstellung der Not-Kühlaggregate in den Reaktorblöcken 5 und 6 wieder normal; diese beiden Reaktoren waren schon vor den Naturkatastrophen für Wartungsarbeiten stillgelegt worden und liegen etwas entfernt von den anderen vier Reaktorblöcken des Kraftwerks.

          Fukushima geht nie wieder ans Netz

          Regierungssprecher Edano sprach in Tokio von einer Stabilisierung der Lage, mahnte aber zugleich, es könne weitere Rückschläge geben. Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Amano, sagte in Wien, man könne noch nicht sagen, ob die Entwicklung in die richtige Richtung gehe. Amano äußerte sich nach seiner Rückkehr aus Tokio, wo er sich von den Behörden informieren lassen hatte. Erstmals teilte die Regierung mit, dass das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi1 nie wieder zur Stromerzeugung angefahren werde.

          Die Feuerwehrleute waren am ganzen Wochenende im Einsatz

          Am Sonntag gab es ein Erdbeben der Stärke 6,1, dessen Epizentrum 160 Kilometer nördlich von Sendai lag. In der Großstadt hatten das Erdbeben und der Tsunami vom 11. März die größten Schäden verursacht. Die Zahl der Toten und Vermissten stieg am Sonntag auf etwa 20.000, wird aber wohl noch weiter steigen.

          Nach Angaben der Polizei dürften allein in der Präfektur Miyagi 15.000 Menschen gestorben sein (siehe auch: Japan: 80-Jährige und Schüler aus Trümmern gerettet ). Der dortige Polizeichef erwartet, dass von in diesen Tagen viele Leichen an die Küsten getrieben werden. Weil die Krematorien der Katastrophengebiete überlastet sind, haben einige Präfekturen Erdbestattungen genehmigt. Ein halbe Million Menschen sind in Notunterkünften untergebracht. Es fehlt an vielem, auch an Benzin. Am Wochenende trafen aber Hilfslieferungen wie Decken und Generatoren aus dem Ausland ein. In einigen Präfekturen wurde mit dem Bau von Fertighäusern begonnen. Am Sonntag konnten Rettungskräfte eine 80 Jahre alte Frau und ihren 16 Jahre alten Enkel aus den Trümmern ihres Hauses retten. Der Junge hatte um Hilfe gerufen.

          Das ganze Wochenende mühten sich Techniker in Fukushima, die Reaktoren und Abklingbecken zu kühlen. Feuerwehrleute und Soldaten besprühten die Reaktorblöcke 3 und 4 mit Wasser. Am Samstag wurde Reaktor 3 mehr als 13 Stunden lang besprüht. Ihm gilt besondere Sorge, weil sich dort am Mittwoch Rauch entwickelt hatte.

          Erhöhte Strahlungswerte bei Nahrungsmitteln

          Außerdem enthalten die Brennstäbe in Reaktor 3 offenbar als einzige auch Plutonium, das noch gefährlicher ist als Uran. Die radioaktive Belastung am Kraftwerk Fukushima Daiichi sank von der am Samstag gemessenen Strahlendosis von 3443 Mikrosievert pro Stunde auf einen Wert von 2579 Mikrosievert pro Stunde am Sonntag.

          Die Regierung teilte am Wochenende mit, in Tokio und angrenzenden Regionen seien Spuren von radioaktivem Jod im Leitungswasser gefunden worden. Das Ministerium für Erziehung und Technologie versicherte aber, das stelle keine Gefahr für die Gesundheit dar. In Milch und Spinat aus den Präfekturen Fukushima und Ibaraki wurden erhöhte Strahlungswerte gemessen. Die Produkte kamen aus zwei Orten, die 30 und 60 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt lagen. Der Vertrieb der Produkte wurde eingestellt. Die Regierung untersagte am Sonntag den Verkauf von Rohmilch aus Fukushima. Sie berät über weitere, allgemeine Beschränkungen für den Verkauf von Lebensmitteln aus Fukushima. In Taiwan wurde bei Bohnen aus Japan erhöhte Radioaktivität gemessen, die Werte lagen dort aber unter der zulässigen Grenze.

          Die japanischen Oppositionsparteien LDP und Neue Komeito lehnten am Wochenende ein Angebot von Ministerpräsident Kan ab, einem Krisenkabinett beizutreten. Kan bot dem Parteivorsitzenden der LDP, Tanigaki, das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Ministers für den Wiederaufbau an. Tanigaki sagte, er werde in der Krise zwar mit der Regierung zusammenarbeiten, wolle aber keine große Koalition. Die LDP hatte sich vor der Erdbebenkatastrophe Hoffnungen gemacht, die unter anderem durch Spendenskandale gebeutelte Regierung Kan bald stürzen zu können.

          Radioaktive Belastung

          Die Strahlendosis, bis zu der die Techniker in Fukushima ihren Katastrophendienst leisten dürfen, ist von 100 auf 250 Millisievert pro Jahr erhöht worden. Sechs Arbeiter waren bereits mehr als 100 Millisievert pro Jahr ausgesetzt, wie der Betreiber Tepco berichtete. In der vergangenen Woche waren am Haupttor des Atomkraftwerks 12 Millisievert per Stunde gemessen worden. Hält man sich länger ungeschützt in einem solchen Bereich auf, der dauerhaft hohe Strahlungswerte hat, steigt das Krebsrisiko erheblich. Ab 100 Millisievert pro Jahr geht man von einer zusätzlichen Krebserkrankung bei 100 Personen aus. Bei 12 Millisievert pro Stunde ist dieser Wert schnell erreicht und übertroffen. Der Wert von 100 Millisievert pro Jahr wurde auch in den Ortschaften rund um Tschernobyl gemessen.

          Unbedenklich war bislang die Strahlenbelastung im Raum Tokio. Hier wurden kurzfristig 0,8 Mikrosievert pro Stunde, hochgerechnet 7 Millisievert im Jahr, gemessen. Die Strahlung rund 30 Kilometer nordwestlich von Fukushima betrug am Freitag zeitweise 0,15 Millisievert - das entspricht der Belastung eines Mensch beim Röntgen seines Brustkorbs. Die Jahresdosis, der Flugpersonal ausgesetzt ist, liegt höher - knapp über der natürlichen Strahlenbelastung deutscher Bürger, die je nach Wohnort zwischen zwei und fünf Millisievert im Jahr beträgt.

          Die Arbeiter im Kraftwerk selbst müssen eine weit höhere Strahlenbelastung befürchten. Das japanische Gesundheitsministerium nimmt mit seinen neuen Grenzwerten ein erhöhtes Krebsrisiko für die Arbeiter in Kauf. Nach einer Wasserstoffexplosion am Dienstagmorgen waren die Strahlenwerte in Reaktornähe kurzfristig auf 400 Millisievert pro Stunde gestiegen. Würde ein solcher Wert dauerhaft auf die Arbeiter einwirken, wäre dies höchst gefährlich. Nicht vergleichbar sind die in Japan gemessenen Strahlungswerte allerdings mit denen, welchen die Arbeiter und Feuerwehrleute in Tschernobyl ausgesetzt waren. Hier ging die Belastung bis weit über 5000 Millisievert, also 5 Sievert, innerhalb kürzester Zeit hinaus. Das ist eine Dosis, die binnen Wochen oder weniger Monate zum Tod führen kann. (matt.)

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