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Atomkraftwerk Fukushima Daiichi : In drei Reaktoren droht Kernschmelze

  • Aktualisiert am

Am Montag kam es wieder zu einer Explosion im Atomkraftwerk Fukushima 1 Bild: Reuters

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi droht nach Angaben der Behörden in drei Reaktoren eine Kernschmelze. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano der Nachrichtenagentur Kyodo zufolge. Im Reaktor 2 liegen die Brennstäbe offenbar völlig frei. Die Wetterbehörde rechnet mit einem weiteren schweren Nachbeben.

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          Während sich Rettungskräfte um die Bergung von Überlebenden und Toten nach dem Tsunami an der japanischen Küste bemühten, hat sich die Lage an dem Atomkraftwerk Fukushima 1 (Daiichi) am Montag weiter verschärft. Am Montagabend gab ein Regierungssprecher bekannt, dass das Stahlgehäuse des Reaktors 2 wahrscheinlich beschädigt ist. Damit besteht die Gefahr, dass große Mengen von Radioaktivität austreten. Später hieß es, das Kühlwasser in Reaktor 2 sei verdampft. Die Brennstäbe lägen offen.

          Der Fernsehsender NHK meldete, der Versuch, den Reaktor durch Zuführung von Meerwasser zu kühlen, habe unterbrochen werden müssen, weil die Pumpen versagt hätten. Am Abend sei allerdings wieder Meerwasser in die Anlage gepumpt worden.

          Kabinettssekretär Edano sagte, es bestehe trotzdem die Möglichkeit, dass in diesem Reaktor eine teilweise Kernschmelze stattgefunden habe. Zuvor hatte sich eine weitere Explosion am Reaktor 3 des Kernkraftwerks ereignet. Dabei wurden elf Arbeiter verletzt. Die Behörden haben bis Montagabend den Notfall für sechs Reaktoren des Kraftwerkes Fukushima ausgerufen, drei Reaktoren in Fukushima 1 und drei Reaktoren in Fukushima 2. Mehr als 180.000 Menschen sind mittlerweile aus einem Umkreis von 20 Kilometer um den Kraftwerkskomplex weggebracht worden. Es sollen sich aber noch etwa 600 Menschen in der Evakuierungszone befinden. Mehr als 160 seien radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen.

          Unterdessen erklärte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bei einer Pressekonferenz in Wien am Montag, es drohe kein zweites Tschernobyl und in den teilweise zerstörten Reaktoren laufe nach ihren Informationen keine Kernschmelze ab. Die unter dem Dach der UN gegründete Behörde sagte weiter: Die Sicherheitsbehälter aller Reaktoren in Japan seien intakt. „Die Abgabe von Radioaktivität ist begrenzt“, sagte IAEA-Chef Yukiya Amano. Die Situation sei aber dynamisch und könne nicht abschließend bewertet werden.

          Erhöhte Radioaktivität auf Flugzeugträger

          Nach Angaben des Kraftwerkbetreibers Tokyo Electric Power waren die Radioaktivitäts-Werte am explodierten Reaktorgebäude noch innerhalb der zulässigen Werte. Der als Regierungssprecher fungierende Kabinettssekretär Edano sagte nach der Explosion, der die Brennelemente enthaltende innere Behälter des Reaktors sei bei der Explosion intakt geblieben. Wenn eine völlige Kernschmelze eintritt, besteht die Gefahr, dass viel Radioaktivität in die Umwelt gelangt. Edano versicherte, keiner der Reaktoren in Fukushima sei in diesem Stadium.

          Nach der Explosion wurde auf dem amerikanische Flugzeugträger „USS Ronald Reagan“, der zu einem Hilfseinsatz an der japanischen Küste unterwegs war, erhöhte Radioaktivität gemeldet. Später wurde an mehreren Seeleuten erhöhte radioaktive Belastung, die etwa der Normalbelastung eines Monats entspricht, gemessen. Bislang weht der Wind radioaktives Material noch auf das Meer, doch es ist angekündigt, dass sich die Windrichtung an diesem Dienstag ändern soll. In einem Wärmekraftwerk in Fukushima brach am Montag ein Feuer aus.

          Seit dem Erdbeben vom Freitag bemühen sich japanische Techniker und Wissenschaftler, die überhitzten Reaktoren in Fukushima durch Einpumpen von Wasser abzukühlen. Das Kühlungssystem funktioniert nicht mehr, seit nach dem Erdbeben der Strom ausgefallen war und die Diesel-Generatoren nicht arbeiteten.

          Mehr als 46.000 Gebäude zerstört

          Am Montag erschütterten weitere Nachbeben Japan und verstärkten die Angst unter der Bevölkerung der Küstenregionen. Die japanische Wetterbehörde warnte, dass innerhalb der nächsten drei Tage mit einem schweren Nachbeben von einer Stärke von ungefähr 6 zu rechnen sei.

          Das Zentrum des Erdbebens werde wohl nahe dem des ersten Bebens liegen und wahrscheinlich wiederum eine Tsunami-Welle auslösen.

          Seit dem Erdbeben vom Freitag, dem stärksten in Japans Geschichte, werden noch Zehntausende vermisst. Mehr als 500.000 Menschen mussten mittlerweile ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Millionen Menschen musste bei Temperaturen um den Gefrierpunkt die Nacht in Notunterkünften verbringen. Trinkwasser und Essen in den Katastrophengebieten werden knapp. Nach Regierungsangaben wurden mehr als 46.000 Gebäude zerstört. Mehr als 500 Straßen und 32 Brücken wurden beschädigt. Das Erdbeben löste auch 66 Erdrutsche aus.

          Mit mehreren zehntausend Opfern wird gerechnet

          Unterdessen werden immer mehr Opfer des Tsunami gefunden. 2000 Leichen wurden am Montag in der Präfektur Miyagi an den Strand gespült, 1000 in Ojika und weitere 1000 in der Stadt Minamisanriku. Es wird geschätzt, dass insgesamt mehrere zehntausend Opfer zu beklagen sind. Zu einigen Dörfern und Siedlungen konnte noch immer kein Kontakt aufgenommen werden.

          In Tokio und anderen Städten fand eine geplante Stromabschaltung zunächst nicht statt. Am diesem Dienstag sollen allerdings einzelne Stadtgebiete für jeweils drei Stunden ohne Strom sein. Ministerpräsident Kan appellierte an die Bürger, Strom zu sparen. An den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, weil sich viele noch mit Treibstoff eindecken wollten. In Tokio begannen die Menschen Vorräte, vor allem Reis und Trinkwasser, anzulegen. In einigen Supermärkten der Innenstadt waren die Lebensmittelregale leer.

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