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Atomkraftwerk Fukushima Daiichi : Auch die Meerwasser-Pumpen versagten

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Drei Explosionen und ein Brand haben dafür gesorgt, dass radioaktives Material aus den Reaktoren ausgetreten ist. Bei dem Versuch, das Schlimmste zu verhindern, versagte die Technik der Pumpen. Durch die Schäden treten Zerfallsprodukte aus.

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          Die Situation im japanischen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi wird immer unübersichtlicher. Am Samstag war es in der Anlage zu einer Explosion in Reaktor 1 gekommen, am Montagmorgen zu einer ähnlichen Explosion in Reaktor 3. Am Dienstagmorgen kam es schließlich auch in Reaktor 2 zu einer Explosion. Anders als in den beiden vorherigen Fällen scheint dabei auch der Sicherheitsbehälter des Reaktors Schaden genommen zu haben.

          Reaktor 2 galt in den zwei Tagen unmittelbar nach dem Erdbeben als stabilster der drei betroffenen Blöcke in Fukushima-Daiichi. Dann aber versagte am Montagmittag japanischer Zeit das nach der Katastrophe in Gang gesetzte Notkühlsystem, woraufhin jede Menge Kühlwasser verdampfte und die Brennstäbe vorübergehend freilagen. Nachmittags begannen die Techniker und Ingenieure damit, auch in diesen Reaktor Meerwasser zu pumpen; diese Maßnahme hatte bei Reaktor 1 und 3 in den Tagen zuvor offenbar die bereits eingesetzte Kernschmelze verlangsamen können. Der Wasserpegel im Reaktorkern 2 sank aber weiter. Das lag wohl daran, dass die Pumpen ausfielen, mit denen das Meerwasser in den Reaktor befördert werden sollte. Die Ursache hierfür blieb zunächst unklar. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete, dass die Pumpen infolge der Explosion im Reaktorblock 3 Schaden genommen hätten. Die Betreibergesellschaft Tepco hingegen sprach von Treibstoffmangel.

          Knallgasmischung explodierte

          Zwar konnten die Pumpen gegen Abend wieder in Betrieb genommen und Meerwasser in den Reaktor gepumpt werden. Bis dahin war der Druck im Reaktordruckbehälter aber so weit gestiegen, dass man diesen über Ventile entlüften musste. Die gleiche Maßnahme war in den Tagen zuvor in Block 1 und 3 nötig gewesen - zum einen, um den Druck im Reaktorkern nicht so hoch steigen zu lassen, dass der Reaktor explodiert. Zum anderen, weil die in der Anlage verbauten Hochleistungspumpen, die Wasser auch bei hohem Gegendruck in den Reaktor pumpen können, seit dem Tsunami ausgefallen sind. Die Einsatzkräfte setzen unter diesen Umständen offenbar unter anderem Feuerwehrpumpen ein, die aber nur arbeiten können, wenn der Druck im Reaktorinneren nicht zu hoch ist.

          Bei der Lüftung des Sicherheitsbehälters wird Wasserstoffgas frei, das sich aus den Brennstabhüllen im Reaktorinneren gelöst hat. Es mischt sich in den oberen Räumen des Reaktorgebäudes mit Sauerstoff, wodurch Knallgas entsteht, das schließlich die großen Explosionen in Block 1 und 3 zündete.

          Ein ähnliches Szenario sollte sich bei Reaktor 2 nicht wiederholen, so dass die Einsatzkräfte offenbar Öffnungen im oberen Bereich des Reaktorgebäudes schufen. Aber trotzdem kam es Stunden später zu einer Explosion. „Das war ziemlich sicher wieder eine Wasserstoffexplosion“, sagt Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Er vermutet, dass bei der Explosion die torusförmige Kondensationskammer beschädigt wurde. In ihr kondensiert das überhitzte (und radioaktive) Gas aus dem Reaktordruckbehälter, wodurch es abgepumpt werden kann.

          Hohe Strahlenbelastung am Kraftwerk

          Die Kondensationskammer wird zum Sicherheitsbehälter des Reaktors gezählt, der das Entweichen von Radioaktivität verhindern soll. „Die gemessenen Strahlenwerte weisen darauf hin, dass infolge der Explosion der Sicherheitsbehälter von Reaktor 2 tatsächlich beschädigt wurde“, sagt Dokter. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde wurde auf dem Gelände der Atomanlage Fukushima-Daiichi zuletzt eine Strahlenbelastung von bis zu 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz liegt die zulässige Höchstdosis für einen Erwachsenen bei 20 Millisievert - pro Jahr.

          Mitverantwortlich für die hohe Belastung sind womöglich auch die Reaktorblöcke 4, 5 und 6, die zum Zeitpunkt des Erdbebens wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet waren. So meldeten japanische Nachrichtenagenturen einen Brand im Gebäude des Reaktorblocks 4. Die Ursache ist offenbar Wasserstoffgas aus einem der Auffangbecken, in denen alte Brennstäbe gelagert werden. Die ausgebrannten Brennstäbe müssen wegen der radioaktiven Nachwärme für vier oder fünf Jahre gekühlt werden, ehe man sie abtransportieren kann. Dazu werden sie in der Fukushima-Anlage in Wasserbecken in den oberen Stockwerken der Reaktorgebäude gelagert. Aber offenbar funktioniert auch die Kühlung der Lagerbecken nicht mehr richtig, wodurch auch hier Wasser verdampft ist, sagt Sven Dokter. Auch ein Leck in den Becken sei eine Möglichkeit. Problematisch sind die Kühlbecken auch deswegen, weil sie in den Blöcken 1 bis 3 wegen der Explosion unter freiem Himmel liegen. „Und auch abgebrannter Brennstoff ist gefährlich“, sagt Dokter. Denn darin seien deutlich mehr Zerfallsprodukte wie Cäsium-137 oder Strontium-90 enthalten.

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