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Angst vor der Kernschmelze : Bitte nicht das auch noch

Flut und Feuer: Brennende Häuser und Schiffe, vom Tsunami gestapelt, in Kisenuma in der besonders betroffenen Präfektur Miyagi Bild: dpa

Die Furcht vor einer nuklearen Katastrophe wächst. Die Straßen in den Städten sind nahezu menschenleer, die ersten Ausländer verlassen das Land. In der Nacht bebte immer wieder die Erde und die Wolkenkratzer wackelten wieder. Japan steht unter Schock.

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          Um halb neun am Abend tritt Japans Ministerpräsident Naoto Kan endlich vor die Kameras. Jetzt gibt es Gewissheit, hoffen Millionen Japaner vor den Fernsehgeräten. Droht Japan nach dem verheerenden Erdbeben nun die atomare Katastrophe? Im Atomkraftwerk Fukushima 1 könnte es zu einer Kernschmelze kommen, melden die Medien seit Stunden. In Endlosschleifen laufen Bilder, die eine Explosion und weißen Rauch auf dem Gelände des Atomkraftwerks zeigen. Die Straßen von Tokio sind nahezu menschenleer an diesem Abend. „Nicht das auch noch“, beten viele, während die Stadt immer wieder von Nachbeben erschüttert wird. Fukushima 1 liegt gerade einmal 240 Kilometer vom Stadtzentrum Tokios entfernt. Die ersten Ausländer, auch einige Japaner haben die Stadt schon in Richtung Osaka verlassen. Von dort aus wollen sie der möglichen Atomkatastrophe entkommen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Ministerpräsident Kan entschuldigt sich zuerst einmal für die „sehr, sehr großen Sorgen“, die der Atomreaktor bereite. In blaue Arbeitsuniform gekleidet, rät er zugleich zu Ruhe. Hoffnung, dass das Äußerste verhindert werden kann, macht wenige Minuten später Kabinettsstaatssekretär Yukio Edano. „Die Druckschalen des Reaktors sind nicht beschädigt“, sagt er. Dann verkündet er den Notplan, mit dem der GAU vermieden werden soll. Es ist ein Experiment, das noch nie geprobt wurde. Während Soldaten Maschinen und Pumpen anschleppen, basteln Fachleute an den Details dieses Rettungsplans. Sie wollen den Reaktorkern mit einer Mischung aus Borsäure und Seewasser kühlen. „In fünf Stunden können wir beginnen“, sagt Edano. „Ich denke, dass wir es so unter Kontrolle bekommen können.“ Bis alles ganz unter Kontrolle sei, könne es aber noch Tage dauern.

          Die Lage scheint außer Kontrolle zu sein

          Immerhin ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht kann sie doch noch aufgehalten werden, die atomare Katastrophe. Aber die Skepsis bleibt groß. Ist die Lage wirklich unter Kontrolle? Wie realistisch ist das, was Edano sagt? Um 14.12 Uhr hat die Nachrichtenagentur Jiji gemeldet, Kernbrennstäbe in Fukushima 1 seien möglicherweise geschmolzen. Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze sei groß. Die Atomaufsichtsbehörde bestätigt die Befürchtungen. Sie weiß es aber auch nicht genau. Allein das zeigt, welch dramatische Stunden die Japaner durchmachen. Um 15.27 Uhr beruhigen die Behörden wieder. Durch das Öffnen der Ventile sei der Druck im Reaktor verringert worden. Es wird radioaktives Cäsium gemessen. Dann passiert um 15.33 Uhr etwas, das Schlimmstes befürchten lässt. Im beschädigten Atomkraftwerk kommt es zu einer Explosion. Bilder des staatlichen Fernsehens NHK zeigen, dass die Gebäudehülle des Reaktors zum Teil weggebrochen ist. Um 18.06 Uhr bestätigt Edano die Explosion und das Entweichen von Radioaktivität.

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          Japan durchlebt eine Zitterpartie, die noch längst nicht zu Ende ist. Eine knappe Stunde später wird der Evakuierungsradius um das Kraftwerk von zehn auf 20 Kilometer ausgedehnt. Das verheißt auch nichts Gutes. Die Lage scheint außer Kontrolle zu sein. In Tokio schwirren die Gerüchte. Edano verteidigt die Ausweitung der Evakuierungszone am Abend als reine Vorsichtsmaßnahme. Noch sei niemand ernsthaft gefährdet, sagt er. Genaue Informationen gibt es den ganzen Tag über aber nicht. Die zuständigen Fachleute äußern sich nur vage, so dass selbst eine populäre NHK-Moderatorin feststellt, dass entweder Informationen zurückgehalten oder doch zu viel Optimismus verbreitet werde.

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