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Anschlag auf der Krim : „Ich liebe Dich, meine Sonne“

An der Berufsschule von Kertsch: Augenzeugen und Rettungshelfer nach der Tat am Mittwoch. Bild: Imago

Eine mit Metallteilen gefüllte Bombe geht in einer Berufsschule im Osten der Krim hoch. Dutzende Schüler werden verletzt. Zunächst wird wegen Terror ermittelt – doch die Tat war wohl nicht politisch motiviert.

          Als am Mittwoch klar wurde, dass es in der Berufsschule von Kertsch auf der von Russland annektieren ukrainischen Halbinsel Krim einen Vorfall mit mehreren Toten und Verletzten gegeben hatte, vermuteten russische Medien zunächst eine Gasexplosion als Ursache. Solche Unfälle passieren auch in Russland häufig, immer wieder kommen dabei Menschen ums Leben.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Doch dann sprachen Augenzeugen von Schüssen. Auf Videos im Internet war zu sehen, wie Panzerwagen und bewaffnete Soldaten vor dem Schulgebäude auffuhren. Etwa anderthalb Stunden später sprach der stellvertretende Leiter der russischen Nationalgarde, Sergej Melikow, in Moskau von einem Terroranschlag. Unter Berufung auf die Ermittlungsbehörden sagte er, ein „mit Metallteilen gefüllter“ selbstgebauter Sprengsatz sei in der Kantine der Schule explodiert.

          „Leute mit Kalaschnikows“

          Als Nächstes tauchte ein Video im Internet auf. Zu sehen ist die Direktorin der Schule, die am Telefon einer Frau erklärt, was passiert ist. Sie sei gerade weggefahren gewesen, als „Leute mit Kalaschnikows“ in die Schule eingedrungen seien und begonnen hätten, auf die Studenten zu schießen. Woher die Direktorin diese Informationen hatte, ist unklar, war sie doch selbst offenbar zur Tatzeit nicht in der Schule. Sie sprach im Plural von den Eindringlingen. Sie hätten in der Eingangshalle „Sprengstoffpakete“ herumgeschmissen. Im ersten Stock hätten sie Türen zu Büros aufgestoßen und „alle getötet, die sie finden konnten, alle, die zufällig da waren“. Sie sprach von einem „echten Terroranschlag wie in Beslan“. In der nordossetischen Stadt hatten im September 2004 islamistische Extremisten in einer Schule mehr als 1000 Kinder und Erwachsene als Geiseln genommen; bei der Erstürmung durch russische Einsatzkräfte kamen mehr als 300 von ihnen ums Leben.

          Doch der Anschlag von Kertsch war offenbar nicht politisch motiviert. Am Nachmittag gaben die Ermittler bekannt, der Täter sei identifiziert – es handele sich um den 18 Jahre alten Schüler des Kollegs Wladislaw Rosljakow. Auf Bildern der Überwachungskameras sei zu sehen, wie der junge Mann sich kurz vor dem Anschlag mit einem Gewehr in der Hand in der Schule bewege. Russische Medien veröffentlichten ein Foto, auf dem ein junger blonder Mann, bekleidet mit weißem T-Shirt und schwarzer Hose, in den Händen ein Gewehr, eine Treppe hinuntersteigt.

          Die Ermittlungsbehörden meldeten weiter, sie gingen davon aus, dass Rosljakow auf in der Schule befindliche Leute geschossen und dann Selbstmord verübt habe. Sein Leichnam sei mit Schusswunden in einem Raum der Schule gefunden worden. Nun sprachen die Ermittlungsbehörden auch nicht mehr von Terror, sondern von Mord. Die ersten Untersuchungen der Körper der Toten hätten ergeben, dass sie an Schusswunden gestorben seien. Die meisten sollen Jugendliche sein. 50 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

          Mehrere Augenzeugen sprachen laut russischen Medien aber auch von mindestens zwei Explosionen. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitierte eine Augenzeugin mit den Worten, sie habe zuerst eine Explosion im Erdgeschoss, dann eine zweite im ersten Stock gehört. Weil gerade Pause war, sei sie auf dem Weg in ein anderes Schulgebäude gewesen. Nach den Explosionen seien dann Schüsse gefallen. Vor ihren Augen sei ein Junge angeschossen worden.

          Das nationale Antiterror-Komitee gab bekannt, in der Schule sei ein offenbar nicht explodierter Sprengsatz gefunden worden, der von Spezialisten untersucht werde. Ob es sich dabei um den mit Metall gefüllten Sprengsatz handelt, von dem das Ermittlungskomitee vorher gesprochen hatte, wurde nicht klar. Die Sicherheitsbehörden suchen zudem noch nach möglichen Mittätern.

          Über Wladislaw Rosljakow war zunächst wenig bekannt. Ein Bekannter erzählte der Zeitung „RBK“, dass der junge Mann „das Technikum sehr gehasst“ habe wegen der Lehrer, er habe angedeutet, dass er sich an ihnen rächen wolle. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitiert einen Behördenvertreter mit den Worten, Rosljakow habe seinen Waffenschein auf legale Weise bekommen. Er sei volljährig gewesen, habe alle medizinischen und psychologischen Untersuchungen gemacht und alle nötigen Dokumente vorgewiesen. Nach anderen Medienberichten soll der mutmaßliche Attentäter sich wenige Tage vor dem Attentat 150 Patronen gekauft haben.

          Der Staatssender „RT“ meldete unter Berufung auf Mitschüler Rosljakows, er habe im ersten Lehrjahr ständig ein Messer bei sich getragen. Er sei ruhig gewesen und habe sich abgesondert. Er sei aber nicht gemobbt worden. Der letzte Eintrag Rosljakows in sozialen Netzwerken soll einer 15 Jahre alten Schülerin gegolten haben. Rosljakow soll ein Foto des Mädchens gepostet haben mit dem Kommentar: „Ich liebe Dich, meine Sonne“. Er soll allein mit seiner Mutter gelebt haben.

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          An der polytechnischen Schule war der junge Mann seit 2015 eingeschrieben. Er soll ein staatliches Stipendium für die Ausbildung gehabt haben, was darauf hindeutet, dass er ein guter Schüler war. Das bestätigen auch Mitschüler. Am polytechnischen Kolleg von Kertsch können Jugendliche nach Abschluss entweder der neunten oder der elften Klasse eine Berufsausbildung machen. Rosljakow wurde dort zum Elektromonteur ausgebildet.

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