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Flugzeugabsturz in Seattle : „Bin nur ein kaputter Typ, habe ein paar Schrauben locker“

  • -Aktualisiert am

Am Flughafen von Seattle: Ein Horizon Air-Flugzeug vom Typ Q400 hebt ab. Bild: EPA

Ein Airline-Mitarbeiter hebt in Seattle mit einem gestohlenem Flugzeug ab, vollführt waghalsige Stunts in der Luft – und verunglückt. Wie konnte es nur so weit kommen?

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          Der Mechaniker, der am Freitagabend am Flughafen der amerikanischen Stadt Seattle ein leeres Passagierflugzeug vom Typ Dash-8 Q400 gestohlen und ohne Genehmigung abgehoben ist, kannte sich offenbar außergewöhnlich gut mit Flugzeugen, ihren Treibstoffsystemen und den Triebwerken aus. Ob er sich umbringen wollte oder nur fliegen wollte, ist derweil noch unklar.

          Im Funkdialog mit dem Fluglotsen sagte der Mann, er sei „nur ein kaputter Typ, habe ein paar Schrauben locker, nehme ich an. Wusste ich bis jetzt gar nicht wirklich.“ Es gebe viele Leute, die ihn gern hätten. „Ich würde mich gerne bei jedem einzelnen von ihnen entschuldigen.“ Dann sagte der Mann, dass er mehr Treibstoff verbrauche als erwartet. Der Fluglotse wies ihn auf eine Landebahn in eineinhalb Kilometern Entfernung hin und forderte ihn auf, dorthin zu steuern – vergeblich. Ob der mögliche Ausfall eines der Triebwerke zum Absturz geführt hat oder der Mann die Dash-8 tatsächlich in Suizidabsicht auf den Boden gesteuert hat, wird Grundlage nun angelaufener Untersuchungen der amerikanischen Luftfahrtbehörden und der Staatsanwaltschaft sein.

          Die gestohlene Dash-8 flog nach ihrem Start in niedriger Höhe und unter Sichtflugbedingungen. Allerdings sagten Augenzeugen, dass sie waghalsige Manöver vollführt habe, was auf Videos in sozialen Medien dokumentiert ist. Die Dash-8 Q400 ist ein weit verbreitetes Flugzeugmodell und steht seit Mitte der 1980er Jahre in vielen Versionen im Dienst. Die früher von deHavilland und später von Bombardier in Kanada gebaute Maschine wird von zwei Propellerturbinen angetrieben. Sie kann rund 80 Passagiere je nach Variante zwischen 1300 und knapp 2000 Kilometer weit befördern. Um Motoren und Systeme bedienen zu können, bedarf es allerdings Insiderwissen.

          Der Mechaniker kannte sich offenbar auch damit aus, wie die Treibstoffsysteme funktionieren, und wie man die beiden Triebwerke in Betrieb nehmen kann. Einen „Zündschlüssel“ wie etwa beim Auto gibt es bei Airlinern nicht. Das Starten der Propellerturbinen geschieht üblicherweise durch die beiden Piloten, in dem einer die Checkliste vorliest und der andere die Dinge in der Reihenfolge absolviert, wie sie dort vorgeschrieben ist. Normalerweise muss sich der Pilot an einem Flughafen beim Tower eine Rollgenehmigung einholen, bevor er sich mit dem Flugzeug in Bewegung setzen darf. Das hat der Mann offenbar nicht getan. So konnte er unbehelligt bis zu einer der drei Runways des Flughafens rollen.

          Der 29 Jahre alte Mitarbeiter der regionalen Fluggesellschaft Horizon Air stürzte nach rund einer Stunde mit dem Propellerflugzeug auf eine Insel, die Maschine ging in Flammen auf. Der Geschäftsführer der Muttergesellschaft Alaska Airlines, Brad Tilden, sagte am Samstag in Seattle, der Mitarbeiter sei ums Leben gekommen. Er habe seit dreieinhalb Jahren im Bodenpersonal von Horizon Air gearbeitet. Seine Aufgabe sei unter anderem gewesen, Flugzeuge zu ihren Positionen zu schleppen.

          Das Büro des Sheriffs im Bezirk Pierce teilte über Twitter mit, es gebe keinen terroristischen Hintergrund. Es habe sich um einen einzelnen suizidgefährdeten Mann gehandelt. Zwei F-15-Kampfjets seien aufgestiegen, aber nicht in den Absturz verwickelt gewesen. Der Crash sei entweder auf „Stunts in der Luft“ oder mangelnde Flugkenntnisse zurückzuführen. Alaska Airlines teilte mit, das Flugzeug hätte gewartet werden sollen und sei nicht für einen Passagierflug vorgesehen gewesen. Der Sheriff sagte laut „Seattle Times“, am Boden sei niemand verletzt worden. Auf der Insel Ketron, auf der nur rund 20 Menschen lebten, sei dann nach dem Absturz das Feuer ausgebrochen.

          Dass kleine einmotorige Propellerflugzeuge wie Cessna und Piper gestohlen werden, kommt hin und wieder vor. Dass aber ein zweimotoriges Passagierflugzeug entwendet und gestartet wird, ist extrem ungewöhnlich. Im Januar 2003 hatte in Frankfurt der Dieb eines Motorseglers des Typs Dimona Angst und Schrecken verbreitet. Der Mann hatte das zweisitzige Flugzeug unter Waffenandrohung am südhessischen Flugplatz Babenhausen gestohlen und war damit gestartet, wohl ohne im Besitz einer Pilotenlizenz zu sein. In der Luft drohte er über Funk, sich auf die Europäische Zentralbank stürzen zu wollen. Nach mehreren Stunden Flug und der Verfolgung durch Bundeswehr-Jets landete der geistig verwirrte Mann mit fast leerem Tank und wurde festgenommen.

          Absturzort: Auf der Insel Ketron verunglückte das Flugzeug.
          Absturzort: Auf der Insel Ketron verunglückte das Flugzeug. : Bild: AP

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