https://www.faz.net/-gum-6m4rh

Air-France-Flug 447 : Pilotenfehler leitete Absturz ein

Bild: reuters

Der Absturz des Air-France-Fluges 447 von Rio de Janeiro nach Paris ist maßgeblich auf Fehler der Piloten zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kommt die französische Untersuchungsbehörde für Flugunfälle.

          3 Min.

          Der Kopilot erkannte durchaus, dass mit den Pitot-Sonden, die bei Flugzeugen anhand der in ihr gestauten Luft die Geschwindigkeit messen, etwas nicht stimmen konnte. „Wir haben die Geschwindigkeiten verloren“, sagte er um 2:10:16 Uhr zu seinem Kollegen, der links im Cockpit als fliegender Pilot (PF) den eigentlichen Kapitän vertrat – der sich auf dem gut elf Stunden langen Flug von Rio de Janeiro nach Paris kurz zuvor in seine Ruhepause begeben hatte. Seine beiden Vertreter, 32 und 37 Jahre alt, hatten plötzlich mit ernsten Problemen zu kämpfen. Da die Pitot-Sonden durch Eiskristalle verstopft waren, wurden dem Flugzeug stark voneinander abweichende Geschwindigkeiten gemeldet. Das führte dazu, dass sich der routinemäßig eingeschaltete Autopilot abschaltete. Der ältere der beiden, der als PF auf dem Platz des Kapitäns saß, musste manuell steuern.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Gleichzeitig fiel die Geschwindigkeit schlagartig von etwa 275 auf 60 Knoten ab, also von mehr als 500 Stundenkilometern auf gerade noch 110. Der PF drückte daraufhin das Flugzeug zunächst nach unten, dann abwechselnd nach rechts und links. Während sein Kollege immer wieder versuchte, den Kapitän zurückzurufen, zog er allerdings die Nase des Flugzeugs hoch. Die Überziehwarnungen, die ihm sein Flugzeug meldete, um ihn auf einen drohenden Strömungsabriss aufmerksam zu machen, ignorierten die beiden Männer im Cockpit bis zum Schluss. Aber nur wenn genügend Luft unter und über die Tragflächen strömt, kann ein Flugzeug überhaupt fliegen. Wird ein Flugzeug zu langsam oder richtet es sich zum Beispiel zu stark auf, weil der Pilot es überzieht, verliert die Maschine ihren Auftrieb.

          Als der Flugkapitän etwa eineinhalb Minuten, nachdem sich der Autopilot abgeschaltet hatte, zurück ins Cockpit kam, war es im Grunde schon zu spät. Er griff auch nicht mehr ein. Als letztes ist vermerkt, dass die beide jungen Piloten gemeinsam auf die Steuerknüppel einwirkten, bevor die resignierenden Worte des fliegenden Piloten fielen: „Mach du, übernimm die Steuerung.“ Um 2:14:28 enden die Aufzeichnungen.

          Nach dem Absturz einer Air France-Maschine vor zwei Jahren über dem Atlantik gibt die französische Untersuchungsbehörde BEA neue Sicherheitsempfehlungen heraus
          Nach dem Absturz einer Air France-Maschine vor zwei Jahren über dem Atlantik gibt die französische Untersuchungsbehörde BEA neue Sicherheitsempfehlungen heraus : Bild: dpa

          Neue Sicherheitsempfehlungen veröffentlicht

          Die Spekulationen, dass die Piloten des Air-France-Fluges 447 eine beträchtliche Mitschuld am Absturz des Airbus 330-203 vor mehr als zwei Jahren hatten, hat die französische Untersuchungsbehörde für Flugunfälle (BEA) am Freitag weitgehend bestätigt. Ihr dritter Zwischenbericht beruht auf der Auswertung sämtlicher Daten der Flugschreiber, die erst vor wenigen Monaten aus 3900 Meter Meerestiefe geborgen werden konnten. Dabei legt die Behörde wert darauf, dass es sich noch nicht um den Abschlussbericht handelt. Noch werde weiter ermittelt, um die Analysen zu vertiefen. Allerdings hat die BEA zugleich weitere neue Sicherheitsempfehlungen veröffentlicht: Da die betroffenen Air-France-Piloten offenbar ungenügend vorbereitet waren, empfiehlt die Behörde, die Ausbildungs- und Übungsprogramme in manueller Flugzeugsteuerung zu verbessern, und das vor allem für einen beginnenden Strömungsabriss und dessen Beendigung.

          Denn auch wenn die Zusammensetzung der Besatzung den Verfahren des Betreibers entsprach und es auch durchaus der Routine an Bord entspricht, dass der Kapitän eine Ruhepause nimmt und sich von seinen Kopiloten vertreten lässt, so kritisiert die BEA in diesem Fall die Piloten und die Fluggesellschaft unmissverständlich: „Der Kapitän verließ das Cockpit, ohne klare Anweisungen zu geben.“ Zudem „erfolgte keine ausdrückliche Verteilung der Aufgaben zwischen den beiden Kopiloten“. Dass sich der Kapitän zudem ausgerechnet zu einem Zeitpunkt vom Steuerknüppel verabschiedete, als das Flugzeug in eine Gegend mit schweren Gewittern geriet, wie sie in der Innertropischen Konvergenzzone in der Nähe des Äquators üblich sind, hat die Situation ebenfalls maßgeblich negativ beeinflusst. „Denn die Kopiloten hatten keine Ausbildung in großer Flughöhe für das Verfahren ,Unreliable IAS‘ und die manuelle Flugzeugsteuerung erhalten.“

          „Keiner der Piloten verwies auf die Überziehwarnungen“

          IAS steht für „Indicated Air Speed“ und bezieht sich auf die direkt mit einem Staurohr (Pitot-Sonde) gemessene Fluggeschwindigkeit. Dass es durch sie zu erheblichen Messfehlern kommen kann, ist in der Luftfahrt bekannt. Zudem hat es allein bei Air France bei diesem Airbus-Typ (A 330) und sogar noch häufiger beim A 340 Schwierigkeiten mit vereisten Pitot-Sonden und in der Folge mit fehlerhaften Geschwindigkeitsmessungen gegeben. In einem internen Bericht der französischen Fluggesellschaft ist von mindestens zwölf Zwischenfällen die Rede.

          Nachdem sich also der Autopilot aufgrund der fehlerhaften Pitot-Sonden ausgeschaltet hatte, wussten die beiden Kopiloten nicht, wie sie zu reagieren hatten. So erkannten sie offenbar nicht, dass sie das Flugzeug in eine ausweglose Lage manövrierten. Im BEA-Bericht heißt es: „Keiner der Piloten verwies auf die Überziehwarnungen. Keiner der Piloten hat die Überziehsituation formell erkannt.“ Und das, obwohl der Überzieh-Alarm zuletzt 54 Sekunden lang kontinuierlich ausgelöst wurde. Der Anstellwinkel blieb in den gut vier Minuten „immer über 35 Grad“. Allerdings wurde er den Piloten nicht direkt angezeigt. Auch hier empfiehlt die BEA, eine „direkt für die Piloten an Bord der Flugzeuge zugängliche Angabe des Anstellwinkels“. Ohne diese Angabe kann es durchaus sein, dass den Kopiloten, die ohne Orientierung an einer Horizontlinie flogen, nicht bewusst war, wie stark sie das Flugzeug überzogen. Nicht zuletzt waren sie, wie es ein Air-France-Pilot am Freitag ausdrückte, einfach in Panik.

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.
          Kahrs saß für die SPD fast zwölf Jahre im Parlament, zwei Jahre lang saß er dem Haushaltsausschuss vor.

          Cum-Ex-Ermittlungen : Die Spur führt ins Zentrum der Hamburger SPD

          Im Cum-Ex-Skandal ist die Rolle von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz weiterhin unklar. Nun wurde bei einem Vertrauten die Wohnung durchsucht. Weitere Beschuldigte sind ein ehemaliger Senator und eine Finanzbeamtin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.