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Ängste wie nach Tschernobyl : „Der globale Lebensmittelhandel wird zur Gefahr“

  • -Aktualisiert am

Die Deutschen fürchten Sushi, Grüntee und andere japanische Produkte Bild: AFP

Die deutschen Verbraucher fürchten sich vor Sushi, Algen und Fisch. Ihre Anrufe landen bei Silke Schwartau in der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Ernährungsexpertin schrieb vor 25 Jahren einen Bestseller über Tschernobyl.

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          Drei Tage nach dem Erdbeben ist Silke Schwartau auf den Dachboden gestiegen und hat das Buch von damals hervorgekramt. Fünf Exemplare hat sie noch gefunden. Ein wenig angestaubt sind sie, aber noch immer kann man das grüne Radioaktivitäts-Symbol auf dem Titel gut erkennen. Es ist mit einem Gewirr grüner Blättchen hinterlegt. „Das ist Kresse, sie war damals das Symbol für alles Frische, das man nicht mehr essen durfte“, erklärt Silke Schwartau. Sie war Ende 20, als sie das Buch schrieb, es erschien im Rowohlt Verlag unter dem Titel „Gesund leben nach Tschernobyl?“ und wurde ein großer Erfolg.

          Im Jahr 1987, als die erste Auflage erschien, suchten viele deutsche Verbraucher Rat in der Frage, welche Lebensmittel man nach dem Super-Gau in der Ukraine noch gefahrlos essen konnte. „Ich habe das Buch wieder rausgekramt, weil wir jetzt wieder dieselben Verbraucheranfragen haben“, sagt Schwartau. Die Ökotrophologin ist inzwischen 53 und Leiterin der Fachabteilung Ernährung in der Verbraucherzentrale Hamburg. Ein wenig, sagt sie, fühle sie sich jetzt zurückversetzt in die Zeit Ende der achtziger Jahre. „In wenigen Wochen wird man sich wieder fragen, welche Lebensmittel radioaktiv belastet sind“, sagt Schwartau. Schon jetzt steht das Telefon in der Verbraucherzentrale nicht mehr still. „Im Moment wird vor allem nach japanischen Lebensmitteln gefragt. Die Leute wollen wissen, ob man japanische Produkte noch gefahrlos essen kann und ob man weiter in japanischen Restaurants essen gehen kann.“ Außerdem wünschen sich die Verbraucher Prognosen: „Sie fragen, wie sich das Ganze entwickeln wird.“

          Wasabi, grüner Tee, Algen

          Silke Schwartau kann die Bürger für den Moment beruhigen, nicht aber für die Zukunft. „Japan ist kein Agrarland und auch kein ausgeprägtes Exportland für Lebensmittel“, sagt sie. „Es gibt nur wenige Lebensmittel, die typischerweise direkt aus Japan kommen, etwa Wasabi, grüner Tee oder Algenprodukte. Und: Was überhaupt aus Japan kommt, kommt per Schiff.“ Das heißt, der Transport dauert zwei Wochen. „Sushi kann man noch essen“, ist Schwartaus Fazit. „Und im übrigen kann man ja auch den Reis aus China kommen lassen und den Thunfisch aus dem Mittelmeer.“ Eine Entwarnung ist das aber noch lange nicht. Die Mitarbeiter der Hamburger Verbraucherzentrale verfolgen mit Sorge die Radioaktivitäts-Messungen außerhalb Japans; in Nordrussland etwa. „Glücklicherweise befinden wir uns auf der Nordhalbkugel und der Frühling hat noch nicht richtig begonnen“, sagt Schwartau. „Als Tschernobyl den Super-Gau erlebte, wuchsen schon Salat, Kohlrabi und andere Gemüse auf den Feldern, alles musste untergepflügt werden.“

          Silke Schwartau schrieb 1987 ein Buch über Ernährungsrisiken nach Tschernobyl

          Auch sonst sieht sie bedeutende Unterschiede zur Situation vor 25 Jahren in Deutschland. „Diesmal haben wir hier keine Wolke, die den Fallout heranbringt“, sagt Schwartau. „Dafür gibt es heute den globalen Handel.“ Selbst wenn japanische Produkte kaum nach Deutschland kommen, gebe es andere Länder, die von der japanischen Wolke betroffen sein könnten und nach Deutschland exportieren.

          „Die Zahl der Kontrollen muss jetzt massiv erhöht werden“

          „Wir von der Verbraucherzentrale fordern jetzt Messungen am Hafen, wo internationale Lebensmittellieferungen ankommen“, sagt Schwartau. Derzeit werden in Hamburg jährlich 350 Lebensmittelproben auf Radioaktivität untersucht. Bei diesen Stichproben werden nur Lebensmittel mit erhöhtem Risiko berücksichtigt, etwa Trockenpilze oder Rentierfleisch. „Die Zahl der Proben muss jetzt natürlich massiv erhöht werden“, fordert Schwartau für Hamburg.

          Schon nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl ging die Hansestadt mit dem internationalen Hafen mit größerer Strenge als andere Bundesländer gegen radioaktiv belastete Produkte vor. „Die Verbraucherzentrale in Hamburg nannte als einzige bundesweit Markennamen, wenn es um Belastungswerte ging“, blickt Schwartau zurück. „Andere sprachen etwa nur von 'einer Nuss-Nougat-Creme', wir sagten klar, um welche Marke es sich handelte.“ Die Initiative „Eltern für unbelastete Nahrung“ setzte in Hamburg durch, dass die Belastungsgrenze für Milch, Milchprodukte und Säuglingsnahrung von 370 Becquerel auf 50 gesenkt wurde. „Außerdem wurden die Kitas in Hamburg verpflichtet, nur Milchprodukte von demjenigen Anbieter zu kaufen, der die niedrigsten Belastungswerte vorweisen konnte“, erinnert sich Schwartau, deren Sohn ein Jahr alt war, als sich die Katastrophe in Tschernobyl ereignete.

          Als „Becqerellis“ belächelt

          „Viele Menschen waren damals verängstigt, auch ich selbst“, erinnert sich Schwartau. Vor allem um ihren kleinen Sohn sei sie besorgt gewesen. Zugleich habe sie für ihr Buch recherchiert und versucht herauszufinden, welche Produkte besonders bedenklich sind. „Damals musste man vor allem Pilze wie etwa Maronenröhrlinge, aber auch Rehfleisch und allgemein Produkte aus Osteuropa meiden“, sagt Schwartau, die sich noch an den „Geisterzug“ mit Molkepulver erinnert, der durch Deutschland fuhr und nirgendwo willkommen war. „Das Pulver wollte niemand haben“, sagt Schwartau. Allerdings gab es auch Gruppen, die nichts von allzu großer Vorsicht hielten. Silke Schwartau und andere besorgte Eltern mussten sich als „Becqerellis“ belächeln lassen: „So wurden wir genannt, weil wir immer die Becqerel gezählt haben.“

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