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47 Tote in China : Nach der Explosion herrscht erstmal Schweigen

Bild: dpa

Bei einem Unglück in einem chinesischen Pestizid-Werk sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Führungskräfte der Fabrik wurden festgenommen. Die Regierung fürchtet Proteste.

          Wie so oft hatten die örtlichen chinesischen Behörden das wahre Ausmaß der Katastrophe zunächst verschwiegen. Erst einen Tag nach dem Chemieunfall im ostchinesischen Yancheng wurde am Freitag mitgeteilt, dass 47 Tote zu beklagen seien. Die Zahl der Opfer könnte weiter steigen, denn 32 der 90 Schwerverletzten sind noch in Lebensgefahr. Insgesamt wurden nach offiziellen Angaben 640 Menschen im Krankenhaus behandelt, nachdem es am Donnerstag auf dem Gelände einer Pestizid-Fabrik in der Provinz Jiangsu zu einer schweren Explosion gekommen war, die Erdstöße der Stärke 2,2 hervorrief.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Präsident Xi Jinping, der zur Zeit in Italien weilt, wies die Behörden am Freitag an, alles zu tun, um die Verletzten zu behandeln und jene Menschen zu retten, die womöglich noch unter den Trümmern auf dem Gelände des Unternehmens Jiangsu Tianjiayi Chemical eingeschlossen seien. Wie viele Personen noch vermisst werden, wurde nicht mitgeteilt. Angehörige veröffentlichten Fotos von Vermissten im Internet.

          Xi Jinping mahnte, die Rettungskräfte müssten ihr Bestes tun, um „soziale Stabilität zu wahren“. Dahinter steht die Furcht der Regierung vor Protesten. Von Worten des Mitgefühls und der Anteilnahme an die Familien der Opfer war in den Staatsmedien nicht die Rede, weder von Seiten des Präsidenten noch von anderen Staatsvertretern. Das übernahmen Nutzer in den sozialen Medien, die ihrer Anteilnahme Ausdruck verliehen. Verbreitet wurde zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, der seine Frau kurz vor der für ihn tödlichen Explosion noch daran erinnerte, dass sie seinen Geburtstag vergessen habe. „Ich hatte keine Zeit, ihm zum Geburtstag zu gratulieren“, sagte die verzweifelte Frau später nach einem Bericht der „Beijing Youth Daily“. Viele Anwohner spendeten freiwillig Blut für die Verletzten.

          Feuer nach der Explosion in einer Chemiefabrik

          Die Polizei gab bekannt, dass Führungskräfte der Fabrik, in der sich die Explosion ereignet hatte, festgenommen worden seien. Um wen es sich handelt und was ihnen vorgeworfen wird, blieb zunächst unklar. Der Fabrikleiter wurde nach Berichten örtlicher Medien verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Xi Jinping rief die zuständigen Stellen auf, die Unfallursache so schnell wie möglich festzustellen und die Bevölkerung „zeitnah“ zu informieren. Daraufhin setzte der Staatsrat eine Sonderkommission ein. Xi sprach aber auch davon, „die öffentliche Meinung stärker anzuleiten“. Mit anderen Worten: Alle Medien sind angehalten, allein die offiziellen Informationen zu veröffentlichen und nicht etwa selbst zu recherchieren oder den Opfern eine allzu laute Stimme zu geben. Diese Art von Vorgehen ist der Grund dafür, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Aufklärungsarbeit der Behörden in der Vergangenheit gering war.

          Diesem Misstrauen gaben Internetnutzer Ausdruck, indem sie am Freitag einen Text aus dem Jahr 2007 verbreiteten, in dem der Journalist Li Runwen berichtet hatte, wie die Börden des Distrikts Xiangshui versucht hatten, seine Recherchen über einen anderen Chemieunfall zu vereiteln. Es ist der gleiche Distrikt, in dem sich am Donnerstag die Explosion ereignet hatte. Unter anderem hatten die Behörden ihm 2007 demnach mit Gewalt gedroht und versucht, ihn mit Geld und Prostituierten zu bestechen.

          Am Freitag wurde außerdem ein Schreiben verbreitet, in dem sich die Propagandaabteilung von Xiangshui 2007 brüstete, erfolgreich Berichterstattung verhindert zu haben.

          Präsident Xi Jinping wies derweil auf die Gefahr von Folgeschäden hin. Welche Substanzen bei dem Unfall ausgetreten waren, wurde zunächst nicht mitgeteilt. Ein Arbeiter sagte der Zeitschrift „Caixin“, ein Benzoltank sei explodiert, nachdem er Feuer gefangen habe. Die „South China Morning Post“ veröffentlichte ein Foto, das Feuerwehrleute in einem Fluss zeigt, der sich rot verfärbt hat. Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete, die Luftverschmutzung in der Gegend übersteige nicht die zulässigen Werte. Noch Stunden nach der heftigen Explosion, nach der auf Videos ein großer Feuerball und schwarze Rauchschwaden zu sehen waren, waren Feuerwehrleute bis spät in die Nacht mit den Löscharbeiten beschäftigt gewesen. Insgesamt waren fast 1000 Feuerwehrleute im Einsatz. Nach Angaben des Bürgermeisters von Yancheng, Cao Lubao, wurden nach der Explosion 3000 Menschen aus der Unfallregion in Sicherheit gebracht, unter ihnen Anwohner und Mitarbeiter umliegender Fabriken.

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