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Vargas Llosa und die Religion : Ungläubig glauben

Bejubelt: Papst Benedikt XVI. in San Lorenzo Bild: REUTERS

Ein Ungläubiger heißt den Papst nachträglich willkommen. Doch Mario Vargas Llosas Notizen nach dem Weltjugendtag in Madrid dürften weder den Frommen noch den Unfrommen so richtig gefallen.

          3 Min.

          Mario Vargas Llosa hat den Besuch des Papstes in Madrid genossen. Oder sagen wir, er fand es schön, dass so viele begeisterte Menschen zum Weltjugendtag nach Madrid gekommen sind und gesungen und getanzt und dem Papst zugejubelt haben. Allen, denen diese Beobachtung nicht besonders originell vorkommt, sei gesagt, dass sich der peruanische Literaturnobelpreisträger als Agnostiker versteht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Vargas Llosa ist nicht fromm, auch wenn er einem katholischen Hintergrund entstammt. Sein literarisches Werk befördert weder den christlichen Glauben noch katholisches Dogma. Und doch empfand der Schriftsteller beim Besuch von Benedikt XVI. in Madrid so unvermischte Freude, dass er das jetzt den Lesern seiner regelmäßigen Beiträge in der Zeitung „El País“ mitteilen musste. Und das ist schon die Nachricht daran: Ein Ungläubiger heißt den Papst nachträglich willkommen.

          Einer, dem es niemals einfiele, die katholische Morallehre zu predigen (allein sein Roman „Tante Julia und der Schreibkünstler“, wie er jetzt in neuer Übersetzung heißt, steht dem entgegen), der sowohl Empfängnisverhütung als auch die Pille für den Tag danach ganz normal findet und der sicherlich nicht viel für den schmallippigen, verbiestert wirkenden spanischen Klerus übrig hat, sagt deutlich: Gut, dass es diesen Papst und diese Kirche gibt.

          Mario Vargas Llosa

          Aber b itte Abstand halten!

          Natürlich ist da ein versierter, dem Frivolen nicht abgeneigter Erzähler am Werk, wenn Vargas Llosa schildert, wie laizistische Demonstranten in Madrid einigen öffentlich betenden Mädchen (sie hielten die Augen geschlossen) mit klarer Provokationsabsicht Kondome hinwarfen. Oder wie es am Tag vor der Ankunft des Papstes zu Reibereien zwischen Gläubigen und Ungläubigen kam. Solche Szenen bringen Leben in die Bude, und die Phantasie eines Romanciers ist immer dankbar dafür.

          Auch die Statistik gedenkt der Schriftsteller nicht im mindesten aufzuhübschen: Letztes Jahr, so Vargas Llosa, bezeichneten sich noch achtzig Prozent der Spanier als katholisch; dieses Jahr sank die Zahl auf siebzig. Von den Jungen, unter denen es laut Zahlenwerk nur noch einundfünfzig Prozent sind, praktizieren nur noch karge zwölf Prozent ihren Glauben. Ansonsten lassen die knallbunten religiösen Schauwerte des Landes, all die Prozessionen, Taufen und Hochzeiten, eher auf diffusen Partywillen als auf gesteigerte Spiritualität schließen.

          Was soll das also noch in den Augen eines säkular gestimmten Intellektuellen? Was hat ein greiser Papst noch beizutragen, und was leistet eine Kirche, die offenbar in einem unumkehrbaren Schrumpfungsprozess steckt? Sie errichte ein moralisches Gerüst, sagt Vargas Llosa, selbst für jene, die ihrer Lehre nicht folgen. Sie liefere einen ethischen Maßstab in Zeiten, da Gier, akklamierter Egoismus und Korruption die öffentliche Sphäre beherrschten. Genau dafür sei die Kirche da, immer vorausgesetzt, sie wirke in einem laizistischen Staat, der seinen gebührenden Abstand hält.

          Den Papst lesen, ohne zu gähnen

          Die katholische Kirche müsse noch nicht einmal interne Demokratie üben, um sich als wertvollen Bestandteil der Demokratie zu qualifizieren, schreibt der Schriftsteller, eine demokratische Kirche sei ohnehin nur „ein Traum“. Nein, als die, die sie nun einmal unwiderruflich sei - eine strenge, vermutlich auch autoritäre, sich nicht anbiedernde Institution -, stärke die Kirche das Gemeinwesen, dessen säkulare Sinnlieferanten wie Wissenschaft oder Kultur sich längst als nutzlos erwiesen hätten. Solange die Kirche, sagt Vargas Llosa, „keine politische Macht ergreift und die politische Macht vor der Kirche Unabhängigkeit und Neutralität zu bewahren weiß, ist die Religion in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur zulässig, sondern unentbehrlich“.

          Es liegt auf der Hand, dass diese Sätze weder den Frommen noch den Unfrommen so richtig gefallen. Den einen dürften sie zu wenig sein, den anderen zu viel. Sie lassen außerdem vermuten, dass der Schriftsteller die Kirche weniger als verbindliche (geschweige denn höchste) Autorität für irgendetwas betrachtet, sondern eher als spirituelle Putzkolonne in einem heillos verdreckten Gemeinwesen. Als solche allerdings scheint er sie aufrichtig zu mögen. Zum Beispiel bezeugt er Benedikt XVI., „wahrscheinlich der gebildetste und intelligenteste Papst, den die Kirche in langer Zeit gehabt hat“, seinen Respekt und fügt an, ein Agnostiker wie er, Vargas Llosa, habe einige Bücher des Papstes immerhin gelesen, ohne zu gähnen.

          Was also wäre an einer derart reservierten, zentimetergenau pointierten Zustimmung schlecht, zumal in einem Land wie Spanien, das sich gern über Grundsätzliches rauft und soeben sogar wieder die Gespenster des Bürgerkriegs heraufbeschworen hat? Ebendas macht Vargas Llosa als meinungsfreudigen Essayisten so erfrischend: In ihm hat keine Seite einen, auf den sie bauen kann.

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