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Unfall : Der schiefe Kirchturm von Köln

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Kölns neue Attraktion: Der schiefe Turm von Sankt Johann Baptist Bild: dpa/dpaweb

Jetzt gibt es auch einen schiefen Turm am Rhein: Sankt Johann Baptist wackelt ganz gewaltig. Der Bau einer U-Bahn brachte den Turm ins Wanken.

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          Als 1985 in Köln das Jahr der Romanischen Kirchen gefeiert wird, ist sie nicht mit dabei. Obwohl mitten im Severinsviertel und damit in der Altstadt gelegen, bleibt Sankt Johann Baptist dennoch außen vor. Irgendwie ungerecht, aber auch wieder verständlich, wäre sie doch die dreizehnte in einer Schar, die besser "nur" aus zwölf Jüngern besteht.

          Dabei kennt sie jeder: Die Rampe der Severinsbrücke führt ganz nah an ihr vorbei, ihr neuer Turm ist mit seinem Ziegelmauerwerk markant und 44 Meter hoch, und auf der Mauer davor steht der heilige Severin in Marmor. Mehr als einen flüchtigen Blick aber haben nur wenige für sie übrig, und das, obwohl Sankt Johann Baptist historisch und architektonisch etwas zu bieten hat: 948 als Filialkirche von St. Severin erstmals erwähnt, erhält sie im 11. Jahrhundert Pfarrechte und 1210 einen staufischen Emporenbau, flachgedeckt und dreischiffig, der in späteren Jahrhunderten mit Seitenschiffen und einer Einwölbung erweitert und verändert wird.

          U-Bahn-Bau rüttelt am Fundament

          Im Zweiten Weltkrieg wird Sankt Johann Baptist voll getroffen, der Wiederaufbau von 1960 bis 1963 aber heilt sie im Sinne der Romanik. Denn der Kirchenbaumeister Karl Band nimmt auf die gotischen Zusätze wenig Rücksicht und führt eine Umbauung aus, welche die vier Mittelschiffjoche des romanischen Kerns als erhöhten Reliquienschrein herauspräpariert. Seine Neugestaltung, zu der auch der neoneuromanische und deutlich abgesetzte Turm gehört, schafft eine der schönsten kirchlichen Räume der Kölner Nachkriegszeit. Daß sie dennoch nicht in den Kranz der Romanischen Kirche aufgenommen wurde, hat Sankt Johann Baptist verständlicherweise gewurmt, doch hat sie lange stillgehalten.

          Als jetzt aber der U-Bahn-Bau, für den in vierzehn Meter Tiefe ein drei Meter Durchmesser starker Schacht für Versorgungsleitungen gegraben wurde, an ihr kratzte und unter ihrem Turm hindurchwollte, war der Moment gekommen, endlich auf sich aufmerksam zu machen: Der Turm von Sankt Johann Baptist neigte sich bedenklich und kippte einen Meter nach vorne. Als das am Mittwoch morgen um zwei Uhr von einem Einbruchmelder "bemerkt" und Alarm ausgelöst wurde, ließ die Feuerwehr die in der möglichen Fallrichtung stehenden Häuser räumen, 65 Bewohner wurden in Sicherheit gebracht. Erst an diesem Donnerstag werden sie in ihre Wohnungen zurückkehren können, solange wird auch die Severinsbrücke für die Straßenbahn gesperrt und für den Autoverkehr nur in Fahrtrichtung Innenstadt offen sein.

          Einsturzgefahr aber besteht nicht mehr, der Turm wird mit einem Stahlgerüst gestützt. Seine Schieflage wird er darin noch eine Weile behalten und so sicherstellen, daß Sankt Johann Baptist nicht mehr ganz so schnell aus dem Blick verschwindet.

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