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Unangenehme Krisensitzungen : Komm, lass uns reden

Bild: Jan Bazing

Ein Kind verhält sich seltsam, die Freundin nervt, ein Kumpel trinkt zu viel: Soll man, als guter Freund, so etwas ansprechen? Oder um der Freundschaft willen schweigen?

          6 Min.

          Als Katharina Spiegel, eine 36 Jahre alte Kölnerin, das letzte Mal bei ihrer Schwester zu Besuch war, war wieder alles wie immer: Ihr Neffe hielt sich die Augen zu, als sie in der Tür stand. Und sein sonderbares Verhalten setzte sich während des gesamten Besuchs fort: Wenn Spiegel ihn fragte, was er sich von ihr zum Geburtstag wünsche, antwortete er nicht. Wenn seine Mutter ihn bei Tisch fragte, was er essen wolle, antwortete er auch nicht. Außerdem guckte er mit seinen zwölf Jahren immer noch die „Sendung mit der Maus“, und Spiegels Schwester erzählte, dass er in der Schule immer noch gemobbt werde.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich finde das hammerhart. Ich glaube, dass meine Schwester nicht versteht, welche Not dieser Junge hat“, sagt Spiegel, die wie alle Leute in diesem Text eigentlich anders heißt. Spiegel glaubt, dass ihr Neffe das Asperger-Syndrom hat, also eine Form von Autismus. Deswegen hat sie in den vergangenen Jahren immer mal wieder ganz vorsichtig angeregt, dass ihre Schwester mit ihm zur psychologischen Beratung gehen solle. Aber die habe dann immer geantwortet: „Der ist doch nicht verrückt.“ Spiegel sagt: „Ich mache mir Sorgen um ihn, aber dieses Stichwort ,Asperger‘ zu sagen, das schaff ich nicht. Ich habe Angst, dass ich mehr kaputtmache als heile. Und vielleicht ist für das Kind ja auch alles okay, und ich bin die anspruchsvolle kinderlose Tante?“

          Tatsächlich kann es eine Gratwanderung sein, wenn man nahe Angehörige oder enge Freunde mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren möchte. Man läuft Gefahr, sich unbeliebt zu machen, und setzt im schlimmsten Fall sogar die Beziehung aufs Spiel. Soll man das wirklich riskieren? Oder ist es besser, alles auf sich beruhen zu lassen und das Thema zu umschiffen?

          „Alles, was Essen angeht, ist schrecklich kompliziert“

          Auch die 42 Jahre alte Elisabeth Rothenn stellt sich diese Frage: Gute Freunde der Musikerin, mit denen sie und ihr Lebensgefährte schon oft im Urlaub waren und mit denen sie viel unternehmen, waren „schon immer ein bisschen esoterisch“, erzählt Rothenn, „zum Beispiel haben sie einen Spezialisten für Elektrosmog durch ihre Wohnung gejagt, und ihre drei Söhne besuchen eine alternative Privatschule“. Aber das sei bisher immer noch im Rahmen des Normalen gewesen. Doch seit einiger Zeit gebe es, insbesondere was die Ernährung angehe, immer öfter „ideologische Phasen“, in denen ihre Freunde auf irgendetwas verzichteten, weil sie es schädlich fänden. Mal sei es Fisch, mal Fleisch, mal beides zusammen.

          Ab und zu dürften auch deren Söhne nicht mehr essen, was sie wollten, und müssten dann einige Wochen streng gluten- und laktosefrei leben, ohne dass es einen ernsthaften gesundheitlichen Grund dafür gebe. „Wenn die Kinder mal bei uns zu Besuch sind, können sie also nicht einfach bei uns am Kaffeetisch ein Stückchen Kuchen mopsen. Alles, was Essen angeht, ist schrecklich kompliziert. Natürlich vermitteln unsere Freunde uns dadurch indirekt auch, dass wir unwissende Allesfresser sind und man bei uns nicht bedenkenlos essen kann“, sagt Rothenn. Wenn sie und ihr Partner die Freunde zum Essen einlüden und gerade nicht bis in die letzte Verästelung informiert seien, was jene gerade nicht essen - „wenn wir also einen Spritzer Kuhmilch statt Sojamilch ins Essen schütten und sie gerade vegan leben“ -, dann ließen sie das Essen stehen. „Das ist unhöflich. Und kann einem den Spaß am Zusammensein verderben. Ein gemeinsamer Urlaub kommt da schon nicht mehr in Frage“, findet Rothenn.

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