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Umweltkatastrophe in Ungarn : Kontamination der Donau scheint unausweichlich

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Die Austrittsstelle des giftigen Schlamms

Die Austrittsstelle des giftigen Schlamms Bild:

Das Ausmaß der Umweltkatastrophe in Ungarn, bei der zehn Menschen ums Leben gekommen sind, nimmt immer dramatischere Formen an. Wie nun bekannt wurde, wird das krebserregende und leicht radioaktive Gift wohl auch in die Donau fließen.

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          Nach der Heimsuchung durch die zerstörerische rote Flut wird Schuld zugewiesen. Die durch einen Chemie-Unfall verursachte größte Umweltkatastrophe seit Menschengedenken in Ungarn lässt naturgemäß Kritik laut werden. Die Politik zu kritisieren, ist auch dort wohlfeil und billig: „Die Geschehnisse sind die Folge der jahrzehntelangen Verantwortung - und natürlich Verantwortungslosigkeit - der politischen Kaste", schrieb die linksliberale (ehedem kommunistische Partei-)Zeitung „Népszabadság“ am Mittwoch, zwei Tage nach dem Dammbruch eines Rückhaltebeckens des Aluminiumerzeugers MÁL AG in Ajka (Eikau), 35 Kilometer nördlich des Plattensees, bei dem sich eine Schlammlawine über 40 Quadratkilometer Fläche, in Kanäle, Bäche und Flüsse ergoss. In Kommentaren anderer Blätter konnte man lesen, die Abfälle der in den neunziger Jahren privatisierten ungarischen Aluminiumindustrie hätten „nahezu bedenkenlos unter freiem Himmel gelagert werden können“. Die Politik habe es versäumt, strengere Vorschriften zu erlassen und - wie etwa in der Schweiz, in Österreich oder Großbritannien - eine Deponiesteuer einzuführen.

          Das Ausfließen des ätzenden Rotschlamms, eines Abfallprodukts bei der Herstellung von Tonerde, aus der wiederum Aluminium gewonnen wird, konnte erst am Dienstagabend unter Kontrolle gebracht werden. Höchstwahrscheinlich zehn Menschen fanden den Tod, mehr als 120 wurden verletzt, vierzig davon schwer. Mehrere hundert Häuser sind durchflutet worden und dürften vorerst unbewohnbar bleiben. Über die von dem Vorgang beeinträchtigten Komitate (Bezirke) Veszprém, Vas und Györ wurde der Notstand verhängt. Mehr als 500 Helfer des ungarischen Katastrophenschutzes waren pausenlos im Einsatz. Auch österreichische Firmen, die in der Umgebung tätig sind, stellten Helfer ab. Der Notstandsalarm wurde am Dienstagnachmittag auch auf die Flüsschen Marcal und Torna sowie auf das Westtransdanubische Trinkwasserreservoir ausgeweitet. Am Mittwoch schien auch die Kontamination von Raab und Donau als unausweichlich. Weshalb man sich vornehmlich auf die Neutralisierung der ätzenden Lauge konzentriert, die als „krebserregend und leicht radioaktiv“ eingestuft wird. Damit soll vor allem eine Ausbreitung der Katastrophe verhindert werden. In einem zweiten Schritt, so das ungarische Umweltministerium, müsse wohl das gesamte kontaminierte Erdreich abgetragen werden, erst danach könne man mit der Renaturierung beginnen.

          In der Brühe baden, um zu sehen, ob sie giftig ist oder nicht

          Staatspräsident Pál Schmitt eilte herbei und besuchte Angehörige der vier in den Fluten Umgekommenen. Dabei handelt es sich um einen 35 Jahre alten Mann, der in seinem Auto ertrank, um eine ältere Frau und zwei unmündige Kinder. Sechs Personen werden noch vermisst, es ist aber nicht sicher, ob sich alle zum Zeit des Unglücks in den Orten aufhielten. Viele der Verletzten werden im Budapester Militärhospital behandelt, auch sie suchte der Präsident auf und bedankte sich gleichzeitig bei den Hilfskräften. Dasselbe tat Ministerpräsident Viktor Orbán. Im ungarischen Fernsehen sprach er von „menschlichem Versagen". Auch Orbán lobte die Koordinierung und die Hilfseinsätze, eine radioaktive Belastung, wie von Umweltorganisationen und Anwohnern gemutmaßt wurde, schloss er aus. Indes empfahl sein Innenminister Sándor Pintér jenem MÁL-Vorstandsmitglied, das geäußert hatte, der Schlamm sei unschädlich; er könne ja einmal „in der Brühe baden, um zu sehen, ob sie giftig sei oder nicht.“ Pintér wies darauf hin, dass das Unternehmen „praktisch keine Versicherungsabdeckung hat“, die Regierung aber dafür Sorge tragen werde, „dass jeder ein Dach über dem Kopf hat".

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