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Zugvögel : Sperrfeuer an der Tankstelle

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr nur die Flüge über das Meer gehören zur großen Gefahr der Zugvögel auf dem Weg gen Süden. Bild: dpa

Zahlreiche Zugvögel fliegen auf ihrem Weg Richtung Süden über den Balkan und die Adriaküste. Für die Tiere ein gefährlicher Weg, denn allzu oft werden sie dort zu Opfern wildernder Jäger.

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          Vier Schüsse peitschen über den Svitava-See im Naturpark Hutovo Blato in Bosnien-Herzegovina. „Das war ein halbautomatisches Gewehr“, flüstert Tibor Mikuska von der kroatischen Naturschutzorganisation HDZPP. Mit einem Fernglas beobachtet Gabriel Schwaderer von der Stiftung Euronatur mit Sitz in Radolfzell zwei Männer in einem Boot, einer hat eine Waffe in der Hand. Den geschossenen Vogel kann er nicht erkennen, dazu ist die Entfernung zu groß. Es könnte eine der seltenen Moorenten sein, die in Deutschland vom Aussterben bedroht sind. Keine zwei Stunden vorher haben die beiden Naturschützer erst acht Moorenten in dem Naturpark gesehen.

          Solche wilden Schießereien scheinen an der Grenze zu Kroatien und nur wenige Kilometer von der Adria entfernt an der Tagesordnung zu sein. Gabriel Schwaderer und Tibor Mikuska haben kurz vorher Dutzende Hülsen abgefeuerter Patronen gefunden, die kaum mehr als einige Tage dort gelegen haben können. In der Dämmerung fahren an diesem Abend drei Boote über den See, aus denen ab und zu Schüsse über das Wasser hallen. Illegal natürlich: Die Jagd im Naturpark ist ohnehin verboten. Aus Motorbooten darf aber auch in Gebieten ohne Jagdverbot kein Waidmann auf seine Beute anlegen, schon gar nicht mit halbautomatischen Waffen. Gefährdete Arten dürfen Jäger sowieso nicht schießen.

          Jäger locken die Vögel mit Attrappen an

          An der Adria aber passiert das häufig - in fast allen Ländern zwischen Kroatien im Nordwesten und Albanien im Südosten. Enten und Blässhühner, Singvögel und Wachteln holen die Jäger vom Himmel oder erlegen sie auf dem Wasser. Die verschiedenen Arten werden gerne mit Attrappen aus Plastik angelockt. Im Zentrum des Naturparks ist das Rufen einer Wachtel zu hören, die gleich hinter dem Motel für Touristen zu leben scheint. Bis zur Morgendämmerung erschallt der immer gleiche Ruf. „Das ist keine Wachtel, sondern nur deren Ruf, der über Lautsprecher immer wieder abgespielt wird. Damit wollen die Jäger andere Wachteln zur Landung verführen“, sagt Mikuska. Auch das Anlocken mit Vogelstimmen oder Attrappen ist im Jagdgesetz mit gutem Grund verboten: Statt lange auf ein oder zwei Wachteln oder Enten zu warten, locken die Jäger so manchmal Hunderte Vögel an und können so rasch eine ganze Art gefährden.

          „Wir haben sogar Attrappen des Großen Brachvogels gefunden“, berichtet der Geschäftsführer von Euronatur, Gabriel Schwaderer. Mit fast einem Meter Spannweite ist die Art mit ihrem langen, gebogenen Schnabel der größte Watvogel der Welt. Schon seit der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts ist er in Mitteleuropa selten geworden. Ähnlich geht es auf dem Kontinent vielen weiteren Arten. Während in Mitteleuropa Naturschützer den Vögeln unter die Flügel greifen, werden sie auf dem Balkan abgeschossen. In Deutschland brüten zum Beispiel noch rund 400 Wiedehopf-Paare, beinahe die Hälfte davon im Bundesland Brandenburg.

          Der „Adriatic Flyway“ ist für einige Vögel von großer Bedeutung

          Als der im August 2012 plötzlich gestorbene Euronatur-Projektleiter Martin Schneider-Jacoby drei in Albanien geschossene Wiedehopfe genauer untersuchte, verrieten ihm Ringe an den Beinen, dass alle drei aus Brandenburg stammten. Was die Tiere auf den Balkan verschlagen hatte, hat der Ornithologe in seinem letzten Lebensjahrzehnt in mühevoller Kleinarbeit aufgeklärt: Rund zwei Milliarden Vögel ziehen aus den nördlichen Breiten Europas und Asiens im Herbst weit in den Süden bis nach Afrika. Sie wandern entweder weit im Westen oder im Osten des Kontinents Richtung Afrika und überwinden die riesige Hürde Meer an den schmalsten Stellen bei Gibraltar zwischen Spanien und Marokko oder am Bosporus in der Türkei.

          Manche Vögel wählen aber einen Mittelweg und ziehen über den Balkan nach Süden. Über die Adria, den äußersten Süden Italiens, Malta und das Mittelmeer geht es nach Tunesien. Erst als Schneider-Jacoby und seine Kollegen auf dem Balkan diese Flugroute - unterstützt von der Fluggesellschaft Lufthansa - genauer analysierten, erkannten sie, dass der „Adriatic Flyway“ für viele Zugvögel eine enorme Bedeutung hat. Auf der Strecke sind zum Beispiel die rund 1500 Löffler-Paare unterwegs, die in der ungarischen Tiefebene ihren Nachwuchs großziehen. Zwar vermehren sich die Vögel in Ungarn wieder gut, ihr Bestand aber nimmt trotzdem kaum zu. Ähnlich geht es den Knäkenten: „Die Art ist in den vergangenen Jahren aus den Gewässern Süddeutschlands, vor allem aus Oberschwaben und dem Donau-Gebiet, fast völlig verschwunden, obwohl sich der Lebensraum kaum verschlechtert hat“, sagt Euronatur-Geschäftsführer Schwaderer.

          Kleine Gasthäuser sind die Kundschaft der Jäger

          Schuld könnten die Feuchtgebiete sein, die auf dem Balkan bis zum Ende des 20.Jahrhunderts vielerorts verschwunden sind. So wurden in den siebziger Jahren mit Geld der Welternährungsorganisation (FAO) gleich neben dem bosnischen Naturpark Hutovo Blato rund drei Viertel der Sümpfe des 200 Quadratkilometer großen Deltas des Neretva-Flusses im heutigen Kroatien trocken gelegt und in Plantagen umgewandelt, in denen vor allem Mandarinen angebaut werden. Erschöpft vom langen Flug aber rasten genau in diesen Feuchtgebieten die Zugvögel. Nur dort finden sie reichlich Insekten und andere Nahrung, um ihre Energievorräte wieder aufzufüllen. Solche Feuchtgebiete haben für die Vögel eine ähnliche Bedeutung wie Tankstellen für einen Urlauber auf der Autofahrt in den Süden.

          Doch wenn die Zugvögel am „Adriatic Flyway“ die wenigen noch existierenden Zapfsäulen für Insekten und anderes Nahrhaftes anfliegen, geraten sie häufig unter Beschuss, weil dort Jäger auf sie lauern. Im Hutovo-Blato-Naturpark handelt es sich um Wilderer, von denen einige möglicherweise sogar als Ranger arbeiten. Der Chef des Parks hat das Schwaderer gegenüber bestätigt und versprochen, dagegen vorzugehen. Der Erfolg scheint bislang aber zweifelhaft. Jedenfalls trägt einer der beiden Männer, die auf dem Svitava-See mit einem halbautomatischen Gewehr Vögel wildern, eine der roten Jacken, die schon von weitem einen Ranger ausweisen.

          Auf der anderen Seite der Grenze im kroatischen Neretva-Delta dagegen soll zwar bereits seit 1992 ein Naturpark sein, um die wenigen verbliebenen Tankstellen für mehr als 300 Zugvogelarten von der Moorente über Kraniche bis zu Löfflern zu schützen. Dagegen aber wehren sich die Jäger und Bauern der Orte in dem Delta bisher erfolgreich. Und so finden sich in den Restaurants der Gegend etliche Entengerichte auf den Speisenkarten. Darunter könnten auch Moor- oder Knäkenten sein: Für rund zehn Euro verkaufen die Jäger einen frisch geschossenen Vogel an die kleinen Gasthäuser. Nach einer groben Kalkulation der Naturschützer erlegen die 200000 Jäger zwischen Bosnien und Kroatien, Montenegro und Albanien jedes Jahr mindestens zwei Millionen Vögel.

          Wilderer halten sich nicht an Gesetze

          Weit im Süden von Montenegro warten die Jäger am 13 Kilometer langen Sandstrand Velika Plaza, der sich fast bis an die albanische Grenze zieht. Kommen die Vögel im Frühjahr erschöpft vom langen Flug über die Adria an den Strand, geraten sie in ein tödliches Sperrfeuer und erreichen die Saline Ulcinj gleich hinter dem Strand erst gar nicht. „Früher war dort ein flacher Süßwassersee, in dem auch der seltene Krauskopf-Pelikan brütete“, erzählt der Leiter der montenegrinischen Naturschutzorganisation CZIP, Darko Saveljic. 1925 wurde das Gewässer in eine Saline verwandelt, in die salziges Adriawasser gepumpt wird, das langsam von einem flachen Becken in das nächste fließt. Das bietet Vögeln wie den Krauskopf-Pelikanen oder Rosaflamingos, aber auch den zweimal im Jahr durchziehenden Vögeln reichlich Nahrung. Die Pumpen schwemmen Fischeier und viele kleine Organismen in die Saline. In den nur 30 Zentimeter tiefen Becken wärmt die Sonne das Wasser kräftig auf, und die Lebewesen wachsen und vermehren sich, Vögel finden also reichlich Nahrung.

          Da das ganze Gelände als Industriegebiet zählt, darf dort nicht gejagt werden. Wilderer halten sich allerdings nicht an Gesetze, in der Saline hallten bis 2010 viele Schüsse. Seitdem patrouillieren freiwillige Helfer der CZIP in dem Gebiet, und die Wilderer halten sich zurück. Das gibt auch den scheuen Flamingos und Pelikanen eine Chance, die bisher zwar kaum geschossen, aber von der Ballerei vertrieben wurden. Vielleicht nehmen ja einige der 300 Flamingos und wenige Dutzend Pelikane die künstlichen Brutinseln an, die Euronatur und CZIP dort gebaut haben. Das wäre besonders für die seltenen Krauskopf-Pelikane wichtig, von denen es allenfalls noch 5000Brutpaare auf der Welt gibt.

          Noch aber steht der im Sommer beschlossene Status der Saline als vorgesehenes Naturschutzgebiet auf tönernen Füßen. Der Besitzer würde die 2006 für 800000 Euro erworbene Saline lieber für eine viertel Milliarde Euro an einen Tourismus-Investor verkaufen. Der Besitzer soll mit dem früheren Präsidenten Montenegros befreundet sein. Und auf dem Balkan können solche Beziehungen vielleicht auch heute noch helfen, gesetzliche Hürden zu überwinden.

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