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Zugvögel : Sperrfeuer an der Tankstelle

  • -Aktualisiert am

Kleine Gasthäuser sind die Kundschaft der Jäger

Schuld könnten die Feuchtgebiete sein, die auf dem Balkan bis zum Ende des 20.Jahrhunderts vielerorts verschwunden sind. So wurden in den siebziger Jahren mit Geld der Welternährungsorganisation (FAO) gleich neben dem bosnischen Naturpark Hutovo Blato rund drei Viertel der Sümpfe des 200 Quadratkilometer großen Deltas des Neretva-Flusses im heutigen Kroatien trocken gelegt und in Plantagen umgewandelt, in denen vor allem Mandarinen angebaut werden. Erschöpft vom langen Flug aber rasten genau in diesen Feuchtgebieten die Zugvögel. Nur dort finden sie reichlich Insekten und andere Nahrung, um ihre Energievorräte wieder aufzufüllen. Solche Feuchtgebiete haben für die Vögel eine ähnliche Bedeutung wie Tankstellen für einen Urlauber auf der Autofahrt in den Süden.

Doch wenn die Zugvögel am „Adriatic Flyway“ die wenigen noch existierenden Zapfsäulen für Insekten und anderes Nahrhaftes anfliegen, geraten sie häufig unter Beschuss, weil dort Jäger auf sie lauern. Im Hutovo-Blato-Naturpark handelt es sich um Wilderer, von denen einige möglicherweise sogar als Ranger arbeiten. Der Chef des Parks hat das Schwaderer gegenüber bestätigt und versprochen, dagegen vorzugehen. Der Erfolg scheint bislang aber zweifelhaft. Jedenfalls trägt einer der beiden Männer, die auf dem Svitava-See mit einem halbautomatischen Gewehr Vögel wildern, eine der roten Jacken, die schon von weitem einen Ranger ausweisen.

Auf der anderen Seite der Grenze im kroatischen Neretva-Delta dagegen soll zwar bereits seit 1992 ein Naturpark sein, um die wenigen verbliebenen Tankstellen für mehr als 300 Zugvogelarten von der Moorente über Kraniche bis zu Löfflern zu schützen. Dagegen aber wehren sich die Jäger und Bauern der Orte in dem Delta bisher erfolgreich. Und so finden sich in den Restaurants der Gegend etliche Entengerichte auf den Speisenkarten. Darunter könnten auch Moor- oder Knäkenten sein: Für rund zehn Euro verkaufen die Jäger einen frisch geschossenen Vogel an die kleinen Gasthäuser. Nach einer groben Kalkulation der Naturschützer erlegen die 200000 Jäger zwischen Bosnien und Kroatien, Montenegro und Albanien jedes Jahr mindestens zwei Millionen Vögel.

Wilderer halten sich nicht an Gesetze

Weit im Süden von Montenegro warten die Jäger am 13 Kilometer langen Sandstrand Velika Plaza, der sich fast bis an die albanische Grenze zieht. Kommen die Vögel im Frühjahr erschöpft vom langen Flug über die Adria an den Strand, geraten sie in ein tödliches Sperrfeuer und erreichen die Saline Ulcinj gleich hinter dem Strand erst gar nicht. „Früher war dort ein flacher Süßwassersee, in dem auch der seltene Krauskopf-Pelikan brütete“, erzählt der Leiter der montenegrinischen Naturschutzorganisation CZIP, Darko Saveljic. 1925 wurde das Gewässer in eine Saline verwandelt, in die salziges Adriawasser gepumpt wird, das langsam von einem flachen Becken in das nächste fließt. Das bietet Vögeln wie den Krauskopf-Pelikanen oder Rosaflamingos, aber auch den zweimal im Jahr durchziehenden Vögeln reichlich Nahrung. Die Pumpen schwemmen Fischeier und viele kleine Organismen in die Saline. In den nur 30 Zentimeter tiefen Becken wärmt die Sonne das Wasser kräftig auf, und die Lebewesen wachsen und vermehren sich, Vögel finden also reichlich Nahrung.

Da das ganze Gelände als Industriegebiet zählt, darf dort nicht gejagt werden. Wilderer halten sich allerdings nicht an Gesetze, in der Saline hallten bis 2010 viele Schüsse. Seitdem patrouillieren freiwillige Helfer der CZIP in dem Gebiet, und die Wilderer halten sich zurück. Das gibt auch den scheuen Flamingos und Pelikanen eine Chance, die bisher zwar kaum geschossen, aber von der Ballerei vertrieben wurden. Vielleicht nehmen ja einige der 300 Flamingos und wenige Dutzend Pelikane die künstlichen Brutinseln an, die Euronatur und CZIP dort gebaut haben. Das wäre besonders für die seltenen Krauskopf-Pelikane wichtig, von denen es allenfalls noch 5000Brutpaare auf der Welt gibt.

Noch aber steht der im Sommer beschlossene Status der Saline als vorgesehenes Naturschutzgebiet auf tönernen Füßen. Der Besitzer würde die 2006 für 800000 Euro erworbene Saline lieber für eine viertel Milliarde Euro an einen Tourismus-Investor verkaufen. Der Besitzer soll mit dem früheren Präsidenten Montenegros befreundet sein. Und auf dem Balkan können solche Beziehungen vielleicht auch heute noch helfen, gesetzliche Hürden zu überwinden.

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