https://www.faz.net/-gum-75nen

Wintereinbruch in Israel : Und Peres krönt den Schneemann

Weiß über Nacht: Ein Ultra-Orthodoxer in Jerusalem erfreut sich des Winters Bild: AFP

Jerusalem freut sich über das Wetter - und leidet mangels guter Vorbereitung darunter. Die ergiebigsten Schneefälle seit 1992 haben die Stadt über Nacht praktisch zum Stillstand gebracht.

          3 Min.

          Der Beschuss war friedlich und bedeutete nicht den Beginn einer dritten Intifada. Wer am Donnerstagvormittag die Jerusalemer Altstadt durch das Damaskus-Tor verließ, hatte kaum eine Chance, den Schneebällen der jungen Palästinenser zu entkommen, die sich lachend auf der Straße gegenüber postierten. „Talibano!“, ruft empört ein italienischer Priester, den es getroffen hat. Auch die neue silberne Straßenbahn, die nicht weit vom Damaskus-Tor entfernt die Stadtmauer entlangfährt, ist ein beliebtes Ziel: An ihren Glasscheiben zerbersten die Schneebälle. Die Züge sind bis zum frühen Nachmittag das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das in Jerusalem in Betrieb ist.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Über Nacht haben die ergiebigsten Schneefälle seit 1992 die Stadt über Nacht praktisch zum Stillstand gebracht. Als die Einwohner am Morgen erwachten, waren die Kuppeln von Felsendom und Grabeskirche mit Schnee bedeckt. Bis zu 15 Zentimeter Neuschnee ließen die Stadtverwaltung und ihre Räumdienste kapitulieren. Vom frühen Morgen an riefen sie die Bürger dazu auf, am besten ganz zu Hause zu bleiben und auf jeden Fall ihre Autos stehen zu lassen. Schulen und Kindergärten blieben geschlossen. Man solle sich einen gemütlichen „Familientag“ in den eigenen vier Wänden gönnen, lautete der offizielle Ratschlag.

          Von der Außenwelt abgeschnitten

          Stundenlang war die auf gut 800 Meter über dem Meer gelegene Stadt ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Die Polizei sperrte wegen Schnee und Eis die beiden Autobahnen, die von der Küste hinaufführen. Die Eisenbahn stellte ihren Betrieb ein, Busse blieben in ihren Depots. Dabei hatte der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barakat noch am Mittwoch stolz bei einem Fototermin noch vor einigen der insgesamt 100 Räumfahrzeuge posiert. In Wirklichkeit handelt es sich dabei aber nicht um Schneepflüge, sondern um Radlader, die hastig bei Bauunternehmern gemietet wurden. Mit ihren Baggerschaufeln schoben sie nur notdürftig den Schnee beiseite. Auf dem Platz vor der Klagemauer behalfen sich Arbeiter mit Holzbrettern, um den Zugang freizuschaufeln, nachdem sie mit ihren Besen nicht weitergekommen waren.

          Schaukämpfe: Benjamin Netanjahu und Familie spielen Schneeballschlacht

          Während des jüngsten Gaza-Konflikts im vergangenen November waren viele Israelis stolz darauf, dass sie mit dem Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ palästinensische Raketen schon in der Luft abfangen können. Öffnet der Himmel jedoch einmal richtig seine Schleusen, wie in den vergangenen Tagen, ist man überfordert. Schon seit dem Wochenende suchen heftige Winterstürme mit sintflutartigen Niederschlägen den ganzen Nahen Osten heim. Sprechen die Meteorologen auch nur von der Möglichkeit, dass Schnee fallen könnte, reagieren Israelis wie Palästinenser fast panisch und wagen sich kaum noch aus ihren Häusern. Die Autos verfügen über keine Winterreifen, und die Fahrer haben nur Erfahrung mit Sonnenwetter.

          Rasen mit Warnblinkleuchte

          Einige scheinen zu glauben, dass es als Sicherheitsvorkehrung genügt, die Warnblinkleuchte einzuschalten. Damit fahren sie dann genauso schnell über die von Schnee bedeckten Straßen, als wäre es Sommer. Verärgert hupen sie Fahrer an, die Ketten aufgezogen haben und deshalb nur langsam vorankommen. In anderen Teilen des Landes fiel sogar noch viel mehr Schnee. In der Stadt Safad im Norden wurden zum Beispiel 30 Zentimeter gemessen. Auf dem Berg Hermon ist es schon gut ein Meter. Selbst in der Negev-Wüste im Süden gingen einige Flocken nieder, ohne lange liegenzubleiben. Schäden in Höhe von rund 80 Millionen Dollar haben die Winterstürme der vergangenen Tage nach ersten Schätzungen verursacht. Sie haben aber auch ihr Gutes: Sie bringen der Region reichlich Wasser, das sie dringend braucht. Um mehr als 60 Zentimeter stieg der Pegel des Sees Genezareth seit dem Wochenende an.

          Schnee an der Klagemauer Bilderstrecke

          Das Tauwetter, das in Jerusalem am Nachmittag einsetzte, stimmte vor allem die Kinder traurig. Für sie war der Donnerstag ein kleiner Feiertag. Da es sich in Israel nicht lohnt, Schlitten anzuschaffen, rutschen sie im Sacher-Park einfach auf Plastiktüten die Hänge hinunter. Auch Erwachsene halfen mit, die heilige Stadt mit einer Armee von Schneemännern zu bevölkern - einer steht unweit der Klagemauer, ein anderer im Garten der Residenz von Präsident Schimon Peres. Das Staatsoberhaupt nahm sich selbst die Zeit, den Schneemann mit einer roten Mütze vor der Kälte zu schützen.

          Am Mittwochabend trugen einige Jerusalemer den seltenen Niederschlag vorsichtshalber in Strandeimerchen mit nach Hause - im vergangenen Jahr war der einzige Schnee Anfang März nach einer halben Stunde schon wieder weggetaut. Ein prominenter Kabbalist deutete den diesjährigen Niederschlag als ein gutes Zeichen: Die weißen Flocken seien eine Botschaft an das Volk Israel, dass Gott ihm seine Sünden vergeben habe, ließ Rabbiner David Batzri mitteilen.

          Weitere Themen

          Halloween – nur für Hunde! Video-Seite öffnen

          Tierische Parade : Halloween – nur für Hunde!

          Sie gehen als Rihanna oder Greta Thunberg: Bei ihrer eigenen Halloween-Parade in New York zeigen dutzende Hunde ausgefallene Kostüme.

          Streit um frühen Start in die Skisaison

          Österreich : Streit um frühen Start in die Skisaison

          Weil Skifreunde schon im Oktober auf der Resterhöhe in der Nähe von Kitzbühel auf die Piste gehen können, gibt es Streit in Österreich. Unser ökologischer Fußabdruck stimmt, sagen die Betreiber.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.