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Wegwerfgesellschaft : Die große Verschwendung

6,6 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll statt auf dem Esstisch Bild: dpa

Ein Drittel aller Lebensmittel landet weltweit im Müll, in Deutschland soll es sogar noch mehr sein. Schuld daran sind auch die Verbraucher, die bis zum Ladenschluss das volle Sortiment von Backwaren und Gemüse in den Regalen erwarten.

          Die Mission, der sich Gerold Hafner, Diplom-Ingenieur der Universität Stuttgart, im Auftrag von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner derzeit widmet, heißt: Müll. Zusammen mit seinen Kollegen sortiert und wiegt er den Inhalt von Restmülltonnen, analysiert die Container hinter Supermärkten, die Abfälle von Hotels, Gaststätten und auch der Stuttgarter Uni-Mensa. Und überall stoßen die Wissenschaftler auf große Mengen an unverbrauchten Lebensmitteln.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Quer durch die Bank alles, was es im Supermarkt zu kaufen gibt, finden wir auch im Müll“, sagt Hafner. Wie viele Lebensmittel in Deutschland insgesamt weggeworfen werden, das sollen Hafner und seine Kollegen für das Verbraucher- und Ernährungsministerium herausfinden. Bislang hat sich dafür nämlich noch kaum jemand interessiert, doch die Zahlen aus anderen Ländern und die ersten Erkenntnisse für Deutschland sind erschreckend hoch.

          Ursache ist zielloses Einkaufen

          So ist eine aktuelle Umfrage im Auftrag des Frischhaltefolien-Herstellers Cofresco zu dem Ergebnis gekommen, dass allein 21 Prozent aller Lebensmittel, die deutsche Privathaushalte kaufen, letztlich nicht auf dem Esstisch, sondern im Mülleimer landen. Pro Jahr sind das 6,6 Millionen Tonnen, also mehr als 165 000 Sattelschlepper voll mit Essen. Und pro Person etwa 80 Kilogramm jährlich.

          Backstuben und Bäckereien werfen im Schnitt rund zehn Prozent der Tagesproduktion weg

          „Viele Leute haben keinen Überblick, was sie noch an Lebensmitteln zu Hause haben und was sie in den nächsten Tagen brauchen. Sie kaufen deshalb nicht gezielt ein“, sagt Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität Wien. Seit zehn Jahren untersucht die Diplom-Ingenieurin in Österreich den Müll und besonders die Lebensmittel darin. Sie hat herausgefunden, dass rund zehn Prozent des Restmülls der österreichischen Haushalte aus noch essbaren Lebensmitteln bestehen, in ländlichen Gegenden ist der Anteil geringer, in den Städten höher. „Das sind originalverpackte oder angebrochene, nur teilweise verbrauchte Lebensmittel“, sagt Schneider. „Die Reste von bereits zubereiteten Speisen machen noch einmal fünf Prozent aus.“ In ihren Müllanalysen fanden die Forscher vor allem Obst, Gemüse, Brot und Fleisch, aber auch alle anderen Produkte: „Sogar Konserven, die noch über ein Jahr haltbar waren.“

          Auch auf dem Weg in den Supermarkt geht viel verloren

          In parallelen Befragungen stellte Schneider fest, dass vielen gar nicht bewusst ist, wie enorm viel sie verschwenden. Die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln schätzen die Befragten meist viel zu niedrig ein, viele geben überhaupt nur ungern zu, Lebensmittel wegzuschmeißen. „Die Leute suchen nach Ausreden, viele haben ein schlechtes Gewissen. Deshalb warten sie zum Beispiel, bis das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, dann haben sie einen guten Vorwand. Andere schmeißen die Lebensmittel schon vorher weg und sagen: Wenn ich das wieder brauche, kaufe ich es frisch. Ist eh so billig.“

          Doch nicht nur die Verbraucher vergeuden Unmengen an Lebensmitteln, auch auf dem Weg vom Feld bis in die Supermärkte geht viel verloren. Insgesamt, schätzt die Welternährungsorganisation FAO, wird weltweit ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen, pro Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen. In Entwicklungsländern verderben Obst, Gemüse und Fleisch vor allem, weil es an Know-How und technischer Ausstattung für die Ernte, den Transport und die Lagerung fehlt. In reicheren Ländern werden auf allen Stufen der langen Kette von Anbau und Zucht bis zum Verbraucher Lebensmittel weggeworfen - obwohl sie noch genießbar wären.

          Verschwendung aus rein optischen Gründen

          Das hat auch Regisseur Valentin Thurn beobachtet, der in seinem Film „Taste the Waste“ das ganze Ausmaß der Lebensmittel-Verschwendung rund um den Globus zeigt. „Am schockierendsten fand ich, dass ein Bio-Kartoffelbauer aus Westfalen, also hier bei uns vor der Tür, 40 bis 50 Prozent seiner Kartoffeln auf dem Feld liegen lässt, weil sie zu groß sind oder zu klein. Der Handel würde sie ihm nicht abnehmen - aus rein optischen Gründen“, sagt Thurn.

          Doch nicht nur Kartoffeln, auch viele andere Lebensmittel werden auf dem Weg in den Supermarkt nach Kriterien aussortiert, die nichts mit der Ernährungsqualität zu tun haben. Krumme Karotten werden weggeworfen, weil der Verbraucher sie nicht so gut schälen kann, krumme Gurken haben es schwer, weil sich die geraden leichter verpacken lassen. Für Äpfel, Salate, Tomaten, Erdbeeren und andere umsatzstarke Obst- und Gemüsesorten gelten außerdem die Vermarktungsnormen der EU, die ebenfalls vor allem ästhetische Kriterien wie Größe und Form festlegen. Und so schafft es letztlich nur das optisch makellose Obst und Gemüse bis in den Supermarkt - in einem verschwenderischen Schönheits-Wettbewerb, der auch von den hohen Ansprüchen der Verbraucher angestachelt wird.

          Supermärkte setzen Backstuben unter Druck

          Außerdem erwartet der Großteil der Verbraucher nicht nur (scheinbar) perfekte Ware, sondern auch das perfekte Angebot. Gerade in Deutschland, wo der Konkurrenzkampf im Lebensmittelhandel besonders hart ist, sind deshalb die Regale oft bis zum Ladenschluss voll. Aus Angst, einen Kunden zu verlieren, weil der einmal seinen Lieblingsjoghurt nicht findet, nehmen die Händler in Kauf, dass sie am Abend massenweise nicht verkaufte Frisch-Ware wegwerfen müssen. Oft landen die Produkte auch schon Tage vor Ablaufen des Mindesthaltbarkeitsdatums im Müll, weil sie nicht mehr zu verkaufen sind.

          In besonders großen Mengen werden Brot und andere Backwaren weggeworfen, denn auch hier erwartet der Kunde bis abends das volle Sortiment. Manche Supermarktketten schreiben den Pächtern der Backstuben deshalb vor, wie viele verschiedene Brote und Brötchen sie bis zum Ladenschluss vorrätig halten müssen. Rund zehn Prozent der Tagesproduktion werfen Bäckereien deshalb im Schnitt weg, fand Felicitas Schneider für Österreich heraus. In Deutschland sind es jedes Jahr etwa 500 000 Tonnen Brot, schätzt Filmemacher Thurn, eine Menge, mit der ganz Niedersachsen versorgt werden könnte.

          Entwicklungsländer leiden unter Verschwendung

          Ein Teil dieser Brote wird sozialen Einrichtungen wie den Tafeln gespendet, doch weitaus mehr Brot wird zu Tierfutter verarbeitet oder in Biogasanlagen entsorgt. In Hilden bei Düsseldorf fand Thurn sogar einen Bäcker, der seine überschüssige Ware im Ofen verbrennt - denn Brot hat nahezu den gleichen Heizwert wie Holz.

          „Wir müssen wieder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen“, sagt Thurn. „Bei uns hat sich eine Entwertung des Essens eingeschlichen.“ Das sei auch eine Folge des Überflusses und der niedrigen Preise für Nahrungsmittel in reichen Ländern wie Deutschland. Gerade einmal zehn bis zwölf Prozent des Einkommens werden hierzulande für Lebensmittel ausgegeben. In vielen Entwicklungsländern liegt dieser Anteil wesentlich höher, bei 60 bis 70 Prozent. Etwa 925 Millionen Menschen leiden in diesen Ländern unter Hunger - mit schuld daran ist auch die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln.

          Preise für Lebensmittel sind auf dem Höchststand

          „Der Spruch ,Ich kann mein übriges Essen doch nicht nach Afrika schicken war früher völlig absurd“, sagt Ralf Südhoff vom Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen. „Heute gibt es tatsächlich einen Marktzusammenhang.“ Da die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse vorbei sei und die Märkte durch die Globalisierung zusammengewachsen seien, werde der Preis für Nahrungsmittel von der Nachfrage auf dem Weltmarkt bestimmt.

          „So trägt die massive Verschwendung dazu bei, dass weltweit die Preise für Lebensmittel auf einem Höchststand sind“, sagt Südhoff. Besonders betroffen seien Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen und Reis. „Und der hohe Preis von Grundnahrungsmitteln ist heute ein wesentlicher Faktor für Hungerkrisen - auch jetzt in Ostafrika.“

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