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Wegwerfgesellschaft : Die große Verschwendung

Doch nicht nur Kartoffeln, auch viele andere Lebensmittel werden auf dem Weg in den Supermarkt nach Kriterien aussortiert, die nichts mit der Ernährungsqualität zu tun haben. Krumme Karotten werden weggeworfen, weil der Verbraucher sie nicht so gut schälen kann, krumme Gurken haben es schwer, weil sich die geraden leichter verpacken lassen. Für Äpfel, Salate, Tomaten, Erdbeeren und andere umsatzstarke Obst- und Gemüsesorten gelten außerdem die Vermarktungsnormen der EU, die ebenfalls vor allem ästhetische Kriterien wie Größe und Form festlegen. Und so schafft es letztlich nur das optisch makellose Obst und Gemüse bis in den Supermarkt - in einem verschwenderischen Schönheits-Wettbewerb, der auch von den hohen Ansprüchen der Verbraucher angestachelt wird.

Supermärkte setzen Backstuben unter Druck

Außerdem erwartet der Großteil der Verbraucher nicht nur (scheinbar) perfekte Ware, sondern auch das perfekte Angebot. Gerade in Deutschland, wo der Konkurrenzkampf im Lebensmittelhandel besonders hart ist, sind deshalb die Regale oft bis zum Ladenschluss voll. Aus Angst, einen Kunden zu verlieren, weil der einmal seinen Lieblingsjoghurt nicht findet, nehmen die Händler in Kauf, dass sie am Abend massenweise nicht verkaufte Frisch-Ware wegwerfen müssen. Oft landen die Produkte auch schon Tage vor Ablaufen des Mindesthaltbarkeitsdatums im Müll, weil sie nicht mehr zu verkaufen sind.

In besonders großen Mengen werden Brot und andere Backwaren weggeworfen, denn auch hier erwartet der Kunde bis abends das volle Sortiment. Manche Supermarktketten schreiben den Pächtern der Backstuben deshalb vor, wie viele verschiedene Brote und Brötchen sie bis zum Ladenschluss vorrätig halten müssen. Rund zehn Prozent der Tagesproduktion werfen Bäckereien deshalb im Schnitt weg, fand Felicitas Schneider für Österreich heraus. In Deutschland sind es jedes Jahr etwa 500 000 Tonnen Brot, schätzt Filmemacher Thurn, eine Menge, mit der ganz Niedersachsen versorgt werden könnte.

Entwicklungsländer leiden unter Verschwendung

Ein Teil dieser Brote wird sozialen Einrichtungen wie den Tafeln gespendet, doch weitaus mehr Brot wird zu Tierfutter verarbeitet oder in Biogasanlagen entsorgt. In Hilden bei Düsseldorf fand Thurn sogar einen Bäcker, der seine überschüssige Ware im Ofen verbrennt - denn Brot hat nahezu den gleichen Heizwert wie Holz.

„Wir müssen wieder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen“, sagt Thurn. „Bei uns hat sich eine Entwertung des Essens eingeschlichen.“ Das sei auch eine Folge des Überflusses und der niedrigen Preise für Nahrungsmittel in reichen Ländern wie Deutschland. Gerade einmal zehn bis zwölf Prozent des Einkommens werden hierzulande für Lebensmittel ausgegeben. In vielen Entwicklungsländern liegt dieser Anteil wesentlich höher, bei 60 bis 70 Prozent. Etwa 925 Millionen Menschen leiden in diesen Ländern unter Hunger - mit schuld daran ist auch die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln.

Preise für Lebensmittel sind auf dem Höchststand

„Der Spruch ,Ich kann mein übriges Essen doch nicht nach Afrika schicken war früher völlig absurd“, sagt Ralf Südhoff vom Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen. „Heute gibt es tatsächlich einen Marktzusammenhang.“ Da die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse vorbei sei und die Märkte durch die Globalisierung zusammengewachsen seien, werde der Preis für Nahrungsmittel von der Nachfrage auf dem Weltmarkt bestimmt.

„So trägt die massive Verschwendung dazu bei, dass weltweit die Preise für Lebensmittel auf einem Höchststand sind“, sagt Südhoff. Besonders betroffen seien Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen und Reis. „Und der hohe Preis von Grundnahrungsmitteln ist heute ein wesentlicher Faktor für Hungerkrisen - auch jetzt in Ostafrika.“

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