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Waldbrandforscher im Interview : „Wir müssen Biomasse aus dem Wald holen“

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Waldbrände auf der Peleponnes Bild: dpa

Der renommierte Waldbrandforscher Johann Goldammer spricht im Interview über die Brände in Südeuropa - und wie man sie verhindern kann. „Umweltbewusstsein gehört in die Schule und auf die Kanzeln.“

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          Der renommierte Waldbrandforscher Johann Goldammer spricht im Interview über die Brände in Südeuropa - und wie man sie verhindern kann. Goldammer leitet die Arbeitsgruppe Feuerökologie an der Universität Freiburg und fordert: „Umweltbewusstsein gehört in die Schule und auf die Kanzeln.“

          Angesichts der Waldbrände spricht man auf den Kanarischen Inseln von der größten Ökokatastrophe der vergangenen 500 Jahre. Trifft das zu?
          Für ein abschließendes Urteil ist es zu früh. Die Fläche, auf der es auf Gran Canaria gebrannt hat, ist sehr groß. Für die ökologischen Folgen ist es aber entscheidend, wie sehr sich das Feuer in Humus und Wurzeln gefressen hat. Die kanarische Kiefer ist recht widerstandsfähig und kann Feuer gemäßigter Intensität besser überleben als viele andere Baumarten. Doch wenn sich das Feuer in die Humusauflagen und die Wurzeln frisst, sterben auch diese Kiefern. Wo sich das Feuer tief eingefressen hat, wird beim nächsten Regen der Boden abgetragen. Er kann kein Wasser mehr speichern, es entstehen Erosion, Schlamm- und Gerölllawinen. Am Fuß der Berge, wo Siedlungen und Tourismuseinrichtungen liegen, kommt es zu Überflutungen.

          Haben sich die Ursachen für Waldbrände im Mittelmeerraum verändert?
          Nein, es hat immer kriminelle und politisch motivierte Brandstiftungen gegeben, etwa wegen Nachbarschaftsstreit oder im Konflikt mit Behörden. Dann gibt es immer wieder Rodungsfeuer, die außer Kontrolle geraten. Was sich verändert hat, ist die Struktur des ländlichen Raums: Die Menschen haben das Land verlassen. Viele Höfe werden nicht bewirtschaftet. Die Fläche zwischen den Wäldern wuchert zu. Niemand sammelt mehr Brennholz. Wenn es dann zum Brand kommt, werden die Feuer heißer, als es je in der Geschichte dieser Kulturlandschaften der Fall war.

          Wald, Unterholz und Buschwerk werden also nicht mehr so intensiv genutzt. Was kann man dagegen tun?
          Der Bedarf an der Nutzung pflanzlicher Biomasse zur Energiegewinnung wächst. Wir müssen wirtschaftlich tragfähige Verfahren entwickeln, diese pflanzliche Biomasse in Form von Brennholz, Hackschnitzeln oder Pellets aus dem Wald zu holen. Wer den Wald von Brennmaterial entlastet, beugt Schadensfeuern vor.

          Feuerökologe Johann Goldammer

          Wie unterscheiden sich die Brandursachen auf dem Balkan, in Portugal und Spanien?
          Etwa 98 Prozent der Waldbrände in Europa werden durch Menschen verursacht. In Südeuropa handelt es sich meist um Brandstiftung, die oft nicht aufgeklärt wird. Die Dunkelziffer ist leider hoch.

          Welche Rolle spielen das gering ausgeprägte Umweltbewusstsein und die milden Strafen, die Brandstiftern drohen?
          Wir haben in Nordeuropa weniger Brandstiftungen, weil wir dort ein hohes Umweltbewusstsein haben. Das Thema gehört in die Schule und auf die Kanzeln.

          Fördern Wasserknappheit und Versteppung auf der Iberischen Halbinsel auch die Entstehung von Waldbränden?
          Wenn eine Region austrocknet und sich Wüsten bilden, sind die Risiken viel höher. Dort lässt sich der Wald nur mit großen Anstrengungen wieder aufforsten.

          Welche Fehler werden bei der Aufforstung gemacht?
          In Bulgarien pflanzt man zum Beispiel Akazien an, die zwischen den Kieferwäldern eine Feuerbarriere bilden sollen. Solche Schutzstreifen funktionieren aber oft nicht. Wichtiger ist es, das Brennmaterial abzutransportieren. Wenn der Wald unten luftig und frei ist, schlagen die Flammen nicht bis in die Kronen der Bäume.

          Sie empfehlen das „kontrollierte Brennen“.
          Ja, man legt bei gemäßigten Wetterbedingungen Feuer, damit räumt man die auf der Oberfläche des Waldbodens liegende, leicht brennbare Substanz weg – abgestorbene Äste, Reisig, Buschwerk, die eine Art Feuerbrücke in den Kronenraum bilden können. Bei einem unkontrollierten Brand zur heißen Jahreszeit hat das Feuer dann weniger Nahrung und ist leichter kontrollierbar.

          Gibt es auch positive Folgen der Brände?
          Das Feuer verbrennt lebende Pflanzen, abgestorbene Biomasse und Organismen. Dabei schafft das Feuer neuen Lebensraum für Pflanzen und Tiere, die zuvor keine Lebensbedingungen gefunden haben. Ein überalterter Wald wird vorübergehend durch ein offenes Ökosystem ersetzt, in dem sich neue Arten ansiedeln können.

          Wie helfen Sie Regierungen in den jetzt von den Waldbränden betroffenen Ländern?
          Seit Sonntag ist einer unserer Mitarbeiter im Kosovo, er koordiniert die Waldbrandbekämpfung, zusammen mit der Vereinten Nationen, der Kfor und der Europäischen Kommission. Wir beraten Regierungen. Wir helfen, dass Feuerwehrleute besser ausgebildet und angemessen ausgerüstet werden. Der Schwerpunkt liegt aber in der Erarbeitung von Konzepten der Landnutzung und der Zusammenarbeit mit der Bevölkerung: Die Anfälligkeit von Natur und Mensch gegenüber Feuerkatastrophen soll verringert werden. Seit 400 Millionen Jahren sind Feuer auf der Erde nachgewiesen, es sind auch wichtige Regulierungsmittel im Ökosystem.

          Welche Rolle spielt der Klimawandel?
          Wir haben extreme Wetterperioden, die Monate April bis Juli 2007 sind ein gutes Beispiel. Lange Trockenperioden verwandeln unsere Wälder und besonders die Humusschicht zu einem leicht entzündlichen Brennstoff. Wenn dann nach einem Waldbrand heftige Niederschläge folgen, sind die Schäden sehr groß.

          Was kann man dagegen tun?
          Die Waldbrandverhütung hat Priorität. Aber auch die Waldbrandbekämpfung muss effizienter werden. Die Feuerwehren brauchen spezielle Ausrüstung, die Feuerwehrleute eine Ausbildung, die bislang in den meisten mitteleuropäischen Ländern nicht angeboten wird. Viele Feuerwehren sind auch nicht auf das schwierige Gelände vorbereitet. Mit Löschflugzeugen kann man wohl flankierend eine Flammenfront kurz eindämmen, die Feinarbeit muss aber am Boden gemacht werden. Vor allem müssen die Löscharbeiten aus der Luft mit denen am Boden koordiniert werden.

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