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Verkehr : Los Angeles erstickt an den Autos

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Der Umbruch wurde auch von einer Verschwörungstheorie begleitet: Die Automobilkonzerne in Detroit, so hieß es, hätten ihre Hand im Spiel. Tatsächlich hatte das dem Autohersteller General Motors, dem Reifenhersteller Firestone und der Ölgesellschaft Standard Oil gemeinsam gehörende Unternehmen „National City Line“ schon in den Dreißigern damit begonnen, die Straßenbahnunternehmen von Los Angeles zu kaufen.

Angeblich vernachlässigte man die Wartung des Netzes und ließ Züge und Schienen in der Hoffnung verlottern, die Passagiere würden auf das bequemere Automobil umsteigen. Nach einem langen Verfahren sprach aber schließlich das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten das Firmenkonsortium von der Anklage der Verschwörung frei.

Gesundheitsgefährdende Konzentrationen

Kaum zehn Jahre nach dem Ende der Straßenbahn begann man aber auch in Los Angeles zu merken, daß die Freeways nicht nur ein Segen waren. Die von den Autoabgasen verursachte Luftverschmutzung erreichte gesundheitsgefährdende Konzentrationen. Immer öfter geriet der Verkehr ins Stocken.

Und wieder dachte man um: Der öffentliche Personennahverkehr müsse wiederbelebt werden, um die Freeways zu entlasten und die Stadt von den Dauerstaus zu befreien. Die „Los Angeles County Metropolitan Transportation Authority“ wurde gegründet, und Fachleute planten ein neues Schienennetz.

Zwergenhafter Abklatsch

Im Jahr 1990 wurde eine neue Linie eröffnet. Die „Blue Line“ folgte auf ihrem Weg aus der Innenstadt nach Long Beach zwar einer bestehenden Trasse, aber Gleise und Waggons waren neu. Später kam als U-Bahn die „Red Line“ hinzu, die den Bahnhof „Union Station“ am Rande der Innenstadt mit Hollywood verbindet.

Vor zehn Jahren wurde schließlich die „Green Line“ eröffnet, die wenig attraktiv im Mittelstreifen der Autobahn 105 nach Redondo Beach verläuft. Schließlich verbindet seit drei Jahren die „Gold Line“ Pasadena mit Union Station. Dieses insgesamt 117 Kilometer lange Metro-Netz ist aber bestenfalls ein zwergenhafter Abklatsch der alten Straßenbahnen, deren Schienenstränge insgesamt mehr als 2500 Kilometer lang waren.

Ein Euro pro Fahrt

Aber trotz klimatisierter Waggons und geringer Fahrpreise - eine einfache Fahrt kostet unabhängig von der Entfernung etwa einen Euro - sind Fahrgäste rar. Ein Werktag um fünf nachmittags an der Haltestelle Civic Center: Oberhalb des U-Bahnhofs der „Red Line“ strömen die Angestellten am Feierabend aus dem städtischen Rathaus, den Behördenhäusern des Staates Kalifornien und des Bundes. Doch unter Tage finden sich selbst mitten im Berufsverkehr im Zug nach Hollywood noch viele leere Plätze.

Auch Brett Robinson, der Leiter des Tunnelbauprojektes unter den Boyle Heights, gehört nicht zu den 230.000 Passagieren, die im Tagesdurchschnitt mit der Metro fahren. „Ich wollte es immer schon einmal versuchen“, sagt der aus Australien stammende Bauingenieur, „bin aber bislang noch nicht dazu gekommen.“

Dennoch arbeitet er mit seiner Mannschaft eifrig am Ausbau des U-Bahn-Netzes. Mit zwei vom mittelständischen Unternehmen Herrenknecht in Schwanau in der Oberrheinischen Tiefebene hergestellten Maschinen bohrt Robinson zwei Tunnel im Durchmesser von jeweils 6,5 Metern. Durch sie sollen schon in drei Jahren die Züge der „Gold Line“ den bevölkerungsreichen Osten von Los Angeles erschließen. Etwa 900 Millionen Dollar kostet die knapp zehn Kilometer lange Verlängerung der Linie, die nur zu einem geringen Teil unterirdisch geführt wird.

„Subway to the Sea“

Mit dem Ausbau der „Gold Line“ ist die Wiederbelebung des Schienenverkehrs in Los Angeles längst nicht abgeschlossen. Im vergangenen Jahr kündigte Bürgermeister Antonio Villaraigosa den grandiosen Plan an, auch die wohlhabenden westlichen Stadtteile an das U-Bahn-Netz anzuschließen.

Er träume von einer „Subway to the Sea“, sagte er, mit der auch die Strände an der Pazifikküste zu erschwinglichen Preisen von der Innenstadt aus erreicht werden können. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau begonnen werden, der Milliarden verschlingen wird. Dabei gab es das alles schon einmal: Jahrzehntelang fuhren die Straßenbahnen der „Pacific Electric“ profitabel bis zum Pier von Santa Monica.

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