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Umwelt : Der Wald der Zukunft

Setzlinge der Türkischen Tanne im Versuchsfeld bei Teisendorf Bild: Andreas Müller

Nahe Traunstein experimentieren Forstwissenschaftler mit Bäumen aus Südeuropa. Bald könnten sie auch in Bayerns Wäldern stehen, sollte die Temperatur in Deutschland weiter steigen.

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          In einer Baumschule im Berchtesgadener Land wächst Europa zusammen. Im Schneckentempo. Auf einer fußballfeldgroßen Fläche östlich von Traunstein stehen dicht gedrängt Orientbuchen-Setzlinge aus der Türkei, Silberlinden-Setzlinge aus Bulgarien und Weißtannen-Setzlinge aus dem Schwarzwald. Klein sind die Bäume, manche reichen gerade mal so über die Knöchel von Monika Konnert. Als Leiterin des Bayerischen Amtes für forstliche Saat- und Pflanzenzucht kümmert sich die Chemikerin mit einem Doktortitel in Forstgenetik um den Nachwuchs. Zusammen mit ihren Mitarbeitern überwacht sie die zaghaften Streckversuche der fremden Baumarten und wertet sie aus.

          „Der Klimawandel wird zu Veränderungen in den Wäldern führen“

          Die Wissenschaftler des Pflanzenzuchtamtes in Teisendorf setzen große Hoffnungen in die kleinen Pflanzen: Wenn der Klimawandel die Temperatur in Deutschland weiter steigen lassen sollte, könnten Bäume aus wärmeren Gegenden die Zukunft des bayerischen Waldes sichern - auch wenn er dann möglicherweise nur noch dem Namen nach tatsächlich bayerisch ist. „Die Situation durch den Klimawandel ist dramatisch“, sagt Monika Konnert. „Sie wird mit Sicherheit zu Veränderungen in den Waldbeständen führen.“

          Schon heute sind einige heimische Baumarten bedroht. Borkenkäfer knabbern nach milden Wintern an ihren Stämmen, schwere Stürme lassen sie einknicken oder entwurzeln. Deshalb versuchen Monika Konnert und ihre Kollegen im Auftrag der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising herauszufinden, welcher Baum zu einem wärmeren, stürmischeren Deutschland passt. Neben dem Versuch mit bisher in Deutschland nicht heimischen Baumarten wie der amerikanischen Hemlocktanne führen die Wissenschaftler auch klassische Herkunftsversuche durch. Dabei bekommen Bäume, die heute schon in Deutschland wachsen, Gesellschaft von inländischen und ausländischen Verwandten.

          In Franken wachsen schon Schwarzkiefern aus halb Europa

          Für einen dieser Herkunftsversuche hat ein Kollege Konnerts in halb Europa Schwarzkiefern-Samen sammeln lassen - auf Korsika, in Spanien und in Kalabrien. 30 verschiedene Schwarzkiefern sind im vergangenen Jahr auf Versuchsflächen in Wäldern gepflanzt worden: Trockene Standorte, etwa auf der Fränkischen Platte oder in der Oberpfalz. Ziel des Projektes ist es zu untersuchen, welche der Schwarzkiefern-Herkünfte aus dem gesamten natürlichen Verbreitungsgebiet künftig für den Anbau in Bayern geeignet sind - wenn die Sommer trockener und wärmer werden, wenn es aber im Winter und im Frühjahr trotzdem noch friert.

          In Teisendorf gedeihen dicht gedrängt zehntausend Libanon-Zedern. Bilderstrecke
          In Teisendorf gedeihen dicht gedrängt zehntausend Libanon-Zedern. :

          Der Versuch mit den sechs fremden Baumarten ist dagegen noch in einem frühen Stadium. Monika Konnerts Mitarbeiter Hans-Gert Metzger und Karolina Faust kümmern sich um die Orientbuchen oder die libanesischen Zedern auf dem Versuchsfeld. Sie düngen die Setzlinge, gießen sie. Und wenn nun bald der erste Frost kommt, decken die beiden Planen über die Pflanzen. Immer wieder holen Faust und Metzger den Zollstock heraus, um zu prüfen, wie ihre Setzlinge gedeihen.

          Rückschläge für die amerikanische Hemlocktanne

          Noch ist ihre Arbeit gewissermaßen Forschung an der Wurzel und kommt nur in Millimeterschritten voran. Bäume wachsen langsam, manche erreichen erst nach Jahrzehnten die „Mannbarkeit“. Erst dann liefern sie Samen für die nächste Generation. Erst dann zeigt sich aber auch, ob die Baumarten in einem Gebiet angesiedelt werden können, in dem sie bis dahin nicht heimisch waren. Monika Konnert blickt zufrieden auf die Setzlinge, während sie über das Versuchsfeld geht. Zwar habe es bei den Hemlocktannen aus Amerika Rückschläge gegeben, weil sie das deutsche Klima nicht vertragen hätten. „Aber es ist auffällig, dass die Tannen aus Südeuropa in diesem Jahr einen ganz starken Wachstumsschub gehabt haben.“

          Es wird aber noch Jahre dauern, bis endgültige Schlüsse gezogen werden können. Je nach Art vergehen allein für die Anzucht zwei bis fünf Jahre, erst dann können die Bäume aus der Schule in die Natur gebracht werden. Bis die Silberlinden oder Orientbuchen in einem richtigen Wald weiter sprießen, werden noch zwei Jahre ins Land gehen. Mit den ersten belastbaren Ergebnissen rechnet Konnert in frühestens zehn Jahren. Sie und ihre Mitstreiter brauchen darum vor allem eines: viel Geduld.

          Forscher sichern die genetischen Fingerabdrücke der Bäume

          Mit der Pflege am wachsenden Objekt ist die Arbeit deshalb nicht getan. Am Sitz des Pflanzenschutzamtes im Forstamt von Teisendorf haben die Wissenschaftler ein DNA-Labor eingerichtet, um die genetischen Fingerabdrücke der Bäume zu nehmen, die sie neu anpflanzen. Gleichzeitig katalogisieren sie die bereits in Bayern wachsenden Bäume. Auch bei Wäldern ist die genetische Vielfalt wichtig. „Wir können nicht alles auf ein Pferd setzen“, sagt Konnert. Baum sei nicht gleich Baum. Weil der eine äußere Einflüsse besser vertrage als ein anderer, gelte: Je größer der Genpool ist, desto besser.

          „Wir wollen die genetische Vielfalt in den Waldbeständen bestimmen, um zu sehen, wie das menschliche Handeln sie beeinflusst“, sagt Konnert. Anhand der DNA-Proben versuchen die Forscher auch, manche Fehler der Forstwirtschaft zu korrigieren, die schon vor Jahrhunderten begangen wurden. So hatten Forstwirte lange auf Wälder gesetzt, die von einem Baum dominiert werden, zum Beispiel von der Fichte, weil sie schnell wuchs und gutes Holz lieferte. Angetrieben war das ganze vom Gedanken der Nachhaltigkeit: Wer einen Baum fällt, soll zehn neue Bäume pflanzen. Doch führte dieser Ansatz zu einem eintönigen und damit anfälligeren Wald. „Einförmige Waldbestände sind menschengemacht“, sagt Konnert. Sie und ihre Mitarbeiter arbeiten nun mit modernen Methoden daran, die Irrwege der Vergangenheit zu heilen, um die Zukunft zu sichern.

          Das Risiko für den Wald minimieren

          Möglicherweise finden sie dabei eine Abkürzung, um die langwierigen Pflanzversuche zu umgehen. Indem sie das Erbgut der Bäume analysieren, könnte es den Wissenschaftlern gelingen, einen Zusammenhang zwischen den Genen und zum Beispiel der Widerstandskraft gegen Trockenheit zu finden. Künftig könnte dann nur mit einer Samenanalyse gesagt werden, welcher Baum in einem bestimmten Klima gedeiht. Man müsse aber vorsichtig sein, auf den „Wunderbaum“ oder die „Wunderherkunft“ zu hoffen, so die Forstwissenschaftler. „Doch wir können dazu beitragen, das Risiko für den Wald zu minimieren, indem wir robuste Baumarten für Deutschland finden.“ Gerade weil die Bäume so lange brauchen, um zu wachsen, sei es wichtig, weiter zu forschen. „Noch haben wir eine ausreichende Basis, um eine genetisch vielfältige und nachhaltige Züchtung zu beginnen“, sagt Monika Konnert. Aber die Zeit werde langsam knapp. Selbst für geduldige Forstwissenschaftler.

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