https://www.faz.net/-gum-75mfr

U-Bahn in Buenos Aires : Rasende Fahrt in schwankendem Holz

  • -Aktualisiert am

Nach hundert Jahren ist Schluss für die alten Waggons der Linie A in Buenos Aires Bild: Oehrlein

Nach 100 Jahren ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Die U-Bahn-Linie A in Buenos Aires wird stillgelegt und durch neuere Züge ersetzt. Unter den Nutzern der Linie macht sich Wehmut zum Abschied breit.

          3 Min.

          Die junge deutsche Touristin ruft: „Ach, ist das schnuckelig!“ Die übrigen Passagiere schauen sie verwundert an. Für sie ist es Alltag, in dem altertümlichen Gefährt nach der Arbeit heimgeschaukelt zu werden. Unter Touristen war die Linie A der Untergrundbahn in Buenos Aires, der „Subte“ (Subterráneo), ein Geheimtipp. Die Porteños aber gaben bei dem desaströsen Zustand des U-Bahn-Netzes schon lange nicht mehr viel auf die einmalige Gelegenheit, im gewöhnlichen Linienverkehr 100 Jahre alte Waggons zu benutzen. Die Linie A verbindet die Casa Rosada, das Regierungsgebäude, unterirdisch mit dem Kongress und fährt auf der 10,7 Kilometer langen Strecke bis zur Endstation Carabobo, die in einem geschäftigen Mittelklasse-Viertel der argentinischen Hauptstadt liegt.

          Am Samstag aber kommt das Ende der Museumsbahn. Bis zum 8. März wird die Linie A stillgelegt. Die Züge belgischer Fabrikation der Marke „La Brugeoise“, die seit 1913, dem Jahr der Eröffnung der Subte, in Betrieb sind, werden dann endgültig aus dem Verkehr gezogen. Zuletzt waren von den ursprünglich 125 in drei Serien gefertigten Waggons noch 55 im Einsatz. Einige auf der Linie A eingesetzte Garnituren stammten aus späteren Baujahren. Die altgedienten Züge werden durch 45 moderne, aus China stammende Waggons ersetzt, aus denen neun Zugeinheiten zusammengestellt werden sollen. Für den künftigen Betrieb müssen die technischen Einrichtungen auf der Strecke in den nächsten Wochen angepasst werden. Die neuen Züge werden schneller und vor allem sicherer sein. Auch wenn die Fahrt für sie dann komfortabler wird - zuletzt wurden auch die Benutzer der Linie A beim Abschied von den alten Waggons melancholisch.

          Seinerzeit modern, heute reif fürs Museum

          Die Züge waren zwar nicht gefährlich, aber vor allem die Bremsen und die Öffnungssysteme der Türen entsprachen nicht mehr den Sicherheitsvorschriften. Wenn die neuen chinesischen Hightech-Züge die Unterwelt von Buenos Aires erobern, ist es vorbei mit dem unvergleichlichen Gefühl, sich in dem Holzgehäuse, das beweglich im Metallmantel der Waggons installiert ist, durch die Tunnelwelt schaukeln zu lassen. Anheimelnd waren vor allem das Schummerlicht aus den tulpenförmigen Deckenlämpchen, die aus Omas Schlafzimmer zu kommen schienen, und die rustikalen Holzbänke. Die Züge erreichten eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde. Seinerzeit waren sie technische Avantgarde. Die Stromversorgung der Motoren konnte von den im unterirdischen Fahrbetrieb benötigten 1100 Volt auf die oberirdisch im Straßenbahnnetz üblichen 550 Volt umgeschaltet werden.

          Die Brugeoise-Züge verkehrten auf der Standardspurweite von 1435 Millimetern. Die Bremsklötze bestanden aus speziell präpariertem Holz, das durch die Reibungshitze beim Bremsen leicht angekokelt wurde und den besonderen Geruch ergab, der die Linie A von den anderen U-Bahn-Strecken in Buenos Aires unterschied. Der Zugführer - in Argentinien heißt er „Motorman“ - saß wie in Käfighaltung in einem höchstens zwei Quadratmeter großen Verschlag. Versuche, die schon in den vierziger Jahren für obsolet erachteten Züge durch Triebwagen zu ersetzen, scheiterten meist an den Kosten. Zuletzt befanden sich die Waggons in einem lamentablen Zustand, die meisten von Sprayern verunstaltet. Kein Wunder, denn seit etwa einem Jahr fährt die Subte im Niemandsland.

          Die Lampen in den Waggons erinnern an Omas Schlafzimmer

          Die Nationalregierung der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hatte der Stadt das U-Bahn-System überantwortet und gleichzeitig die bis dahin üppigen staatlichen Zuschüsse gestrichen. Oberbürgermeister Mauricio Macri, der in Opposition zur Kirchner-Regierung steht und von ihr angefeindet wird, wollte den Übernahmevertrag wegen des maroden Zustands der U-Bahn zunächst nicht unterzeichnen. Jetzt aber hat das Stadtparlament die Übernahme beschlossen. Die Fahrpreise stiegen sogleich um das Doppelte, weitere Aufschläge sind angekündigt. Mit 2,50 Pesos (40 Cent) ist die Subte immer noch billig, doch bei einem Preis jenseits von vier Pesos befürchten die Verantwortlichen einen starken Rückgang der Nutzerzahlen. Die neuen Züge aus China hat übrigens nicht Macri, sondern Präsidentin Kirchner bei einem Besuch in China angeschafft.

          Am 1. Dezember wird sich die Eröffnung der U-Bahn in Buenos Aires zum hundertsten Mal jähren. Die erste offizielle Fahrt auf der Linie A nach 26 Monaten Bauzeit war ein Staatsakt, die Subte mit anfangs 6,8 Kilometern bis zur Station Once war Lateinamerikas erste Untergrundbahn, die dreizehnte der Welt. Die A-Strecke wurde im „Tagebau“ angelegt, in einem offenen Graben, der anschließend „überdacht“ wurde. Schon am ersten Tag nutzten 170.000 Fahrgäste die Bahn, heute werden am Tag zwei Millionen Personen befördert.

          Denkmalschutz für Bahnhöfe

          Der Ausbau des Netzes hat mit der Stadtentwicklung nicht Schritt gehalten. Zwischen den vier Linien, die fächerförmig dem Stadtrand zustreben, fehlt es an Querverbindungen. Ein Erweiterungsplan kommt nicht voran, auch weil viel Geld, das für die Metro vorgesehen war, der Korruption zum Opfer fiel. Der Wagenpark ist ein buntes Sammelsurium von Modellen aus Spanien, Frankreich, Brasilien, Argentinien - und gebrauchten Mitsubishi-Garnituren, in den Neunzigern von der Metro in Tokio und Nagoya erworben.

          Die U-Bahnhöfe der Linie A haben historischen Wert. Sie wurden seit dem Bau der Strecke fast nicht verändert. Das Design der Stationen mit verschiedenfarbigen Kacheln, Mosaiken und Szenen aus der Geschichte Argentiniens diente seinerzeit noch der Orientierung von Passagieren, die nicht lesen konnten. In bescheidenerem Maß wurden auch neuere Bahnhöfe mit Kachelbildern ausgestattet. Die gesamte Linie A steht inzwischen unter Denkmalschutz. Fünfzehn Brugeoise-Waggons sollen zur Erinnerung an ihre glorreiche Geschichte restauriert werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.