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Tschernobyl : Zu Besuch am Sarkophag

Tschernobyl, Reaktor vier: Der Sarkophag bröckelt Bild: dpa/dpaweb

20 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl gibt es noch kein schlüssiges Konzept zur Eindämmung der Risiken: Der Sarkophag bröckelt, Endlager für „strahlende Stoffe“ sind noch nicht gebaut. Ein Besuch vor Ort.

          Zuletzt ist der Zug so langsam geworden, daß man im Fahren absteigen könnte. Die Diesellokomotive hat die Leistung gedrosselt, seit sie aus der äußeren Sperrzone mit ihren sechzig Kilometern Durchmesser in die innere vorgestoßen ist.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit dem 26. April 1986, als kurz nach Mitternacht in Block vier des Kernkraftwerks zwei gewaltige Explosionen die tausend Tonnen schwere Reaktorabdeckung wie einen Topfdeckel wegsprengten und die größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Kernenergienutzung ihren Lauf nahm, fahren hier nur noch die, die müssen: Wachmannschaften für die verstrahlte Ruine und Bedienpersonal. Das Gleis ist vernachlässigt, wie alles in der Zone. Die Wagen sacken krachend in die Fugen, der Lokomotivführer fährt die Drehzahl herunter.

          Zehn Tage hat das Kraftwerk damals gebrannt. Die Wucht der Explosion schleuderte von den etwa 180 Tonnen nuklearen Brennstoffes im Reaktor möglicherweise bis zur Hälfte in die Umgebung, wieviel genau, weiß bis heute niemand. Der aufsteigende Rauch griff die toxische Fracht auf, breitete sie wie schwarzen Puderzucker auf die Landschaft, trug sie von der Ukraine bis nach Skandinavien, Böhmen und Bayern.

          Nuklearer Brennstoff wurde tonnenweise in die Umgebung geschleudert

          In der Zone ist das Leben längst erloschen

          Die Folgen der Verstrahlung sind bis heute kaum abzuschätzen. Eine Studie des von den Vereinten Nationen (UN) zusammen mit Rußland, der Ukraine und Weißrußland initiierten „Tschernobyl-Forums“ nimmt an, daß insgesamt etwa 9000 Menschen an strahleninduzierten Krankheiten sterben werden. Die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) dagegen hält allein bei den Rettungsmannschaften mindestens 50.000 Opfer für wahrscheinlich.

          Hier in der Zone jedenfalls ist das menschliche Leben schon längst erloschen. Die Werksbahn zum Reaktor rollt gespenstisch langsam durch die wuchernde Vegetation des Evakuierungsgebiets, vorbei an geknickten Telegraphenmasten, versinkenden Traktoren, eingefallenen Bauernkaten. Zuletzt wird der Fahrdamm höher.

          „Welcome to Hell“

          Das Gleis hebt sich über den Deich eines mächtigen Flusses, der Horizont öffnet sich, und durch die Streben einer Eisenbrücke öffnet sich der Blick. Ein grauer, fensterloser Koloß thront abweisend im flachen Land, umgeben von unvollendeten Kühltürmen, Schrotthalden, zerfallenden Zäunen. Auf einer Mauer steht: „Welcome to Hell“: Tschernobyl.

          Nachdem die Explosion den Reaktorblock vier des Kraftwerks zerfetzt hatte, errichtete die Sowjetmacht innerhalb von wenigen Monaten jenen Betonsarkophag, der das zerstörte Kraftwerk bis heute bedeckt. Weil jede Minute Arbeit lebensgefährlich war, nahm man sich keine Zeit für Planung, Räumarbeiten, Fundamente. Der zersprengte Schutt des Kraftwerks wurde zusammengebaggert, die gewaltigen Stahlträger und turmhohen Betonplatten, die wie ein Kartenhaus aus Stahl und Beton den gegenwärtigen „Sarkophag“ ausmachen, wurden lose und ohne ordentliche Verankerung einfach oben aufgelegt.

          Das Innere kennt niemand genau

          Das Innere dieser wackligen Grabkammer kennt niemand genau. Nur wenige Expeditionen waren nach der Detonation im Kraftwerk, die Strahlung ist in vielen Räumen tödlich, und die paar existierenden Fotos der Innenräume geben nicht viel Aufschluß. Sie zeigen ein Chaos von eingestürzten Wänden, zerfetzten Kabeln und Maschinenteilen, bedeckt von Staub und Rost.

          Durch die unteren Stockwerke zieht sich eine Kaskade erstarrter, glasiger Lava - der gewesene Reaktorkern, eine Schmelze von vermutlich weit mehr als hundert Tonnen Kernbrennstoff, nuklearen Spaltprodukten und Reaktormaterial. Wie die Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle strömt die erstarrte Glut abwärts, bildet skurrile Formen und sammelt sich schließlich in den Regenwasserlachen, die durch die Lecks der äußeren Betonverkleidung im Laufe der Jahre eingedrungen sind und die Keller des Kraftwerks als radioaktive Strahlensuppe füllen.

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